News aus dem Thurgau

Prinzip Hoffnung: Hoffnung stirbt nicht

von Karin Kaspers-Elekes
min
01.04.2026
Nach Karfreitagserfahrungen wieder auf Hoffnung zu setzen – das ist eine grosse Herausforderung. Auf Verlust reagieren Menschen mit Trauer. Damals auf dem Weg nach Emmaus, heute auf Auferstehungswegen im Thurgau.

 

«Das kann doch nicht wahr sein... Wir hatten doch so viel Hoffnung! Wie konnte das nur geschehen?» Trauerwege erscheinen oft wie umgekehrte Sätze: An ihrem Anfang steht das Fragezeichen. Alles ist fraglich. Und doch: «Es muss gegangen sein.» (Hilde Domin)

Nicht allein sein

Wenn Lebenshoffnung zerbricht, bestimmt Trauer die Betroffenen. Das ist eine menschliche Reaktion. Die Erzählung des Lukas (Lk 24,13-35) kann exemplarisch für eine solche Erfahrung gelten. Zwei Trauernde, die miteinander gehen. Sich erinnern. Nicht allein sein. Etwas ins Wort fassen, sich mitteilen können, das kann die Unsicherheit mindern.

In Frauenfeld führen deshalb Trauerwege die unterschiedlichsten Menschen ins «Trauercafé». «Beim ersten Besuch kostet es einige Überwindung, weil die Gäste nicht wissen, wer auch dort ist und sie befürchten, dass sie weinen müssen», berichten Sabine Schoch und Esther Walch Schindler, die im Café Menschen begleiten, die mit Verlusterfahrungen leben lernen müssen.

Trauernde begleiten

Auf dem Weg, von dem der Evangelist Lukas erzählt, gesellte sich einer zu den Trauernden, den sie nicht (er-)kannten. Er interessierte sich. Fragte. Sie reagierten: «Du bist wohl der Einzige, der das nicht gehört hat...».

Wut über den erzwungenen Abschied gehört zu den Empfindungen von Trauer, auch wenn von ihr seltener gesprochen wird als von anderen emotionalen Dimensionen. Der Dritte zog sich nicht gekränkt zurück. Er blieb. Er hielt aus. «Was denn?» Er wandte sich den Trauernden zu. So entstand Beziehung. Er wurde zum Begleiter.

 

Meine Ressource ist der Glaube, dass Gott mit jedem Menschen seinen Weg geht und ich die Menschen, das Schwere und für mich Unlösbare, ihm übergeben darf.

Auf dem Weg nach Emmaus

Mittlerweile näherten sie sich ihrem Ziel, dem Dorf Emmaus. Es schien so, als ob Jesus weitergehen wollte, doch sie baten ihn inständig, über Nacht bei ihnen zu bleiben, da es schon dunkel wurde.

Da trat er mit ihnen ins Haus. Als sie sich hinsetzten, um zu essen, nahm er das Brot, segnete es, brach es und gab es ihnen. Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn. Doch im selben Augenblick verschwand er! Sie sagten zueinander: «War es uns nicht seltsam warm ums Herz, als er unterwegs mit uns sprach und uns die Schrift auslegte?»

Und sofort brachen sie auf und gingen nach Jerusalem zurück, wo die elf Jünger und die, die bei ihnen waren, sich versammelt hatten. Als sie ankamen, wurden sie mit der Nachricht empfangen: «Der Herr ist tatsächlich auferstanden! Er ist Petrus erschienen!»

Da erzählten auch die beiden Jünger aus Emmaus ihre Geschichte, wie Jesus unterwegs mit ihnen gesprochen hatte und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach. (Lukas 24,28–34)

Ganzes Kapitel 24 aus dem Lukasevangelium.

 

Zu- und hinhören

Das ist auch heute so. «Sobald die Gäste erkennen, dass Gefühle und Tränen ihren Platz haben, entsteht eine sehr vertrauensvolle und offene Atmosphäre», berichtet Sabine Schoch. Wohl in jedem Begleitprozess ist das echte Interesse am Gegenüber und eine vertrauensvolle Beziehung der Beginn eines heilvollen Geschehens.

«Wer will meine Geschichte schon noch hören?», fragen Menschen. «Aber ich muss sie immer wieder erzählen. Das bin doch gerade ich. Und ich versuche, das alles und mich selbst zu verstehen.» Begleiten bedeutet: sich auf das Erleben der Betroffenen einzulassen. Zuzuhören. Hinzuhören. Aber nicht darin aufzugehen.

Zwischen Glaube und Zweifeln

Der Dritte auf dem Weg nach Emmaus hörte zu, hörte genau hin und ging mit. Nicht voraus. Und er hatte keine Ratschläge. Wohl aber Wegzehrung: Er begann, sie dort abzuholen, wo sie gerade standen: Bei der Enttäuschung über ihre eigenen Leute. Und er erinnerte sie an die Wurzeln ihres Vertrauens. Doch noch steckten sie in ihrer Trauer fest.

Er merkte an: «Dass ihr das nicht glaubt...». Kein Vorwurf. Eine Feststellung. Noch war für die beiden Karfreitag. «Der Glaube ist eine wichtige Ressource», so die Erfahrung auch der Frauenfelder Trauerbegleiterinnen. «Aber es können auch Zweifel aufbrechen », erläutert Esther Walch Schindler ihre Erfahrung. Die Warum-Frage liesse sich nicht einfach auflösen. «Wenn Gott als mitleidender, begleitender Gott erfahren wird, der mitträgt..., dann kann das eine grosse Stärkung sein.»

 

Hoffnung geschieht da, wo man nicht allein ist, wo sich neue Wege öffnen.

 

Stärkung erfahren

Auch die beiden auf dem Weg nach Emmaus erlebten Stärkung. Hier war einer, dem sie wichtig waren. Der tiefer sah. Sie baten den Begleitenden zu bleiben. Er willigte ein. Beim Nachtmahl teilte er sich ihnen mit im Brechen des Brotes, so, wie sie es kannten. Jetzt wurde ihnen klar: Ihre Hoffnung war nicht gestorben. Sie lebte. Er lebte. Ihr persönlicher Ostermoment! Den beiden Trauernden ersteht in diesem Augenblick die Hoffnung. Sie werden gestärkt und wie verwandelt.

Der Weg zurück nach Jerusalem wird nun für sie möglich – der Weg zurück ins Leben! «Hoffnung geschieht da, wo man nicht allein ist, wo sich neue Wege öffnen», beschreibt Esther Walch Schindler die Erfahrung im «Trauercafé». «Wir als Verantwortliche schaffen den Raum dazu, geben Inputs, moderieren den Nachmittag.» Sabine Schoch bestärkt dies: «Ich würde sagen, dass sich die Trauernden gegenseitig durch ihr Erleben und Erzählen stärken und Hoffnung schenken auf ihrem individuellen Trauerweg.»

 

Prinzip Hoffnung

«Prinzip Hoffnung» lautet 2026 das Jahresschwerpunktthema des Kirchenboten. Als Basis zu einer theologischen Betrachtung mit fachlichem Aktualitätsbezug dient jeweils eine mutmachende Bibelstelle – diesen Monat ist es Kapitel 24
aus dem Lukasevangelium.

 

 

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