News aus dem Thurgau
Fokus: Schönheit

Schönheit kann die Welt retten

von Tilmann Zuber
min
08.07.2024
Diäten gegen Fettpolster, Spritzen gegen Altersfalten – alle wollen attraktiv sein. Doch was ist Schönheit? Für Benediktinerpater und Erfolgsautor Anselm Grün ist sie ein spiritueller Ort. Jeder Mensch trage Schönheit in sich.

Pater Anselm, was ist für Sie Schönheit?

Schönheit ist für mich der Spiegel Gottes. In der Schönheit erkenne ich den Glanz Gottes. Für den Philosophen Platon gehören Schönheit und Liebe zusammen. Schönheit erzeugt in den Menschen Liebe, und nur die Liebe mag Schönheit erkennen.

Braucht es den liebenden Blick, um die Schönheit zu erkennen?

Ja. Das deutsche Wort Schönheit kommt von schauen. Wer andere liebevoll anschaut, der entdeckt ihre Schönheit. Schönheit ist kein äusseres Ideal, sondern hängt davon ab, wie wir uns anschauen. Das Gegenteil ist hässlich und stammt von hassen. Wenn ich jemanden hasse, dann finde ich ihn hässlich und werde dabei selbst hässlich.

Viele glauben, in einem kargen Klosteralltag spielt die Schönheit eine untergeordnete Rolle.

Schönheit bezieht sich nicht nur auf das Aussehen, sondern auch auf die Schöpfung, die Musik, die Malerei und natürlich auf den Menschen. Schönheit ist nicht nur etwas Äusserliches, sondern wenn wir mit uns im Einklang sind, dann sind wir schön. Wenn wir uns liebevoll betrachten, sind wir schön. Diesen Blick sind wir uns als Kinder Gottes auch schuldig. Wir sollen die Schönheit Gottes widerspiegeln. Wenn wir uns vernachlässigen oder gar verwahrlosen, so handeln wir gegen Gottes Auftrag, seinen Glanz zu spiegeln.

Sie stimmen ein Lob auf die Schönheit an. Das sind ganz neue Töne, über Jahrhunderte verteufelten die Christen die Schönheit als Ausdruck der Eitelkeit. Hat die Kirche die Schönheit entdeckt?

Natürlich kann Schönheit zur Eitelkeit verkommen. Eitle Menschen wollen nur nach aussen glänzen und nicht nach innen. Man kann alles verfälschen, selbst die Frömmigkeit. Man darf das nicht so negativ sehen und dabei vergessen, Schönheit ist ein wichtiger spiritueller Ort. Die Kirchenväter bezeichneten Gott als schön und Jesus als den schönsten unter den Menschen.

Trotzdem stellt sich die Frage: Wie kann ein gnädiger Gott so viel Hässliches wie Krieg und Leid zulassen?

Die Frage nach dem Warum können wir nicht beantworten, sondern wir können nur fragen: Wie gehen wir damit um, mit dem Leid? Das Leid zerbricht unser manchmal zu eng gefasstes Gottesbild des gnädigen Gottes. Er ist auch der unbegreifliche Gott.

 

Pater Anselm Grün ist Benediktinermönch, Unternehmer und Bestsellerautor. Er berät Führungspersonen aus der Privatwirtschaft und Priester gleichermassen in Krisen und Umbruchsituationen, und er coacht Menschen im Glücklichsein. Eines seiner Bücher handelt unter anderem von der Schönheit: «Schönheit – eine neue Spiritualität der Lebensfreude», Anselm Grün, Vier Türme Verlag.

 

Oft wird Schönheit mit gut verbunden. Wir empfinden schöne Menschen als erfolgreich und vertrauenswürdig. Lassen wir uns da nicht blenden?

Es sind ja nicht die äusseren Schönheitsideale, die das Gute spiegeln, sondern es ist die innere Schönheit, die ausstrahlt.

Das Aussehen hat heute einen enormen Stellenwert: Frauen lassen sich die Brüste vergrössern, Männer das Fett wegsaugen, und mit Botox spritzen wir das Alter weg. Was läuft da schief?

Es hat etwas Aggressives, wenn man seinen Körper mit Schönheitsoperationen misshandelt. Das Ergebnis ist nicht wirkliche Schönheit, sondern hat oft etwas Künstliches. Gesichter, die geliftet wurden, haben etwas Kaltes und Maskenhaftes. Sie verlieren ihre Lebendigkeit und ihren Ausdruck. Wir stehen heute unter dem Diktat der Mode. Wir meinen, die äussere Erscheinung entscheide über Erfolg in Beruf und in Partnersuche und wir müssten ewig jung aussehen. Wir übersehen dabei, dass auch ein alter Mensch schön sein kann, ohne dem heutigen Schönheitsideal zu entsprechen.

Auf der anderen Seite präsentieren uns die Medien tagtäglich die hässliche, unbarmherzige und grausame Seite der Welt. Wie kann man da noch die Schönheit sehen?

Es braucht beides: Ich darf dem Leiden und dem Negativen nicht aus dem Weg gehen. Aber um sich dem Leid zu stellen, brauche ich die Erfahrung des Guten und Schönen. Für mich ist die Liturgie ein solcher Ort, wo ich Schönheit erfahre. Die Philosophin und Mystikerin Simone Weil engagierte sich sozial und war während des Zweiten Weltkriegs in der Résistance. Sie erlebte das Leiden und schrieb, um das aushalten zu können, brauche es die Erfahrung des Schönen …

… in der Kunst, der Literatur und der Natur …

… und der Musik. Schöne Musik tut gut. Schönheit ist etwas Heilsames. Schönheit wird die Welt retten und heilen. Man sollte sich in seinem Leben wenigstens einmal die Sixtinische Madonna von Raffael anschauen und wird spüren, wie man in seinem Leben der Welt dienen kann.

Manche leiden jedoch an der Schönheit. Ihnen wird gerade da bewusst, wie unperfekt sie sind, und sie lassen sich davon beeindrucken.

Wenn ich mich schlecht fühle, dann vergleiche ich mich mit den anderen. Meist in den Medien. Wir sehen dort schöne Frauen und Männer und glauben, wir müssten diesem Schönheitsideal entsprechen. Und werden aufgefordert, im Frühling für die Badefigur abzuspecken. Kein Wunder, fühlen wir uns negativ und schliesslich depressiv. Die Marienbilder in den Kirchen wollen genau das Gegenteil: Sie wollen, dass wir unsere eigene Schönheit entdecken und uns nicht klein, gering und hässlich fühlen. Jeder Mensch trägt Schönheit in sich, auch wenn er dem Idealbild der Mode nicht entspricht.

Sie sind der berühmteste Klosterbruder Deutschlands. Was bewog Sie, ein Buch über die Schönheit zu schreiben?

Ich habe über dieses Thema gepredigt und gemerkt, dass es kaum behandelt wurde. Das Thema spricht auch Menschen an, die nicht typisch kirchlich sind. Wir alle sind von Schönem angezogen und sind durch die Schönheit durchlässig auf Gott hin. Das Schöne ist ein Ort der Gotteserfahrung und zugleich ein Ort der Ermutigung zum Leben, ein Ort des Trostes und der Heilung der Wunden.

Zum Schluss eine Frage, die Ihnen sicher oft gestellt wird: Darf ein Pater eine Frau schön finden?

Natürlich darf er sich für die Schönheit einer Frau begeistern. Als Mensch darf ich Schönheit wahrnehmen, bewundern und geniessen, ohne die Frau erobern zu wollen. Die Kunst besteht darin, die Schönheit wahrzunehmen, ohne sie zu begehren. Das gehört auch zur Kultur des Menschen.

 

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