News aus dem Thurgau

Seelsorge mildert Urängste

von Claudia Koch
min
12.02.2024
Demenz kann früher oder später jeden Menschen treffen: An einer Fachtagung in der Kartause Ittingen wird die herausfordernde Begleitung der Betroffenen thematisiert. Die Frauenfelder Pfarrerin Esther Walch Schindler und der Frauenfelder Spitalseelsorger Alex Hutter teilen ihr Wissen.

Alex Hutter und Esther Walch Schindler haben beide langjährige Erfahrungen mit Menschen mit Demenz. Den Zugang zu jenen Menschen empfinden sie als unterschiedlich einfach.

Alex Hutter, katholischer Spitalseelsorger in Frauenfeld, sagt: ¬ęIn meiner Familie war irgendwann Demenz ein Thema, davor hatte ich wenig Erfahrung damit. Inzwischen gehe ich gerne auf Menschen in der Demenzabteilung im Spital zu. Ist jemand aggressiv, so hat dies meist mit der Orientierungslosigkeit, dem Gef√ľhl, eingeengt zu sein, zu tun. In solchen Situationen laufe ich mit der Person herum, rede und h√∂re zu. Das entlastet auch das Personal.¬Ľ

Alex Hutter ist Spitalseelsorger in Frauenfeld. (Bild: zVg)

Alex Hutter ist Spitalseelsorger in Frauenfeld. (Bild: zVg)

 

Wer bin ich noch?

Bei Esther Walch Schindler macht sich etwas Ber√ľhrungsangst bemerkbar. Sie ist Pfarrerin in den Alters- und Pflegezentren Park, Tertianum Friedau und der Alterssiedlung Reutenen. ¬ęIch muss mich darauf einstellen und ruhig zu den Menschen gehen. Nichts kann im Voraus geplant werden¬Ľ, stellt Walch Schindler fest.

Diese Menschen stellten sich existenzielle Fragen: Wer und was bin ich noch? Bin ich ganz allein? Das sei genau der Moment, in dem Seelsorge helfen könne, die Urängste zu mildern, sind sich Alex Hutter und Esther Walch Schindler einig.

Esther Walch Schindler ist Pfarrerin in der Evangelischen Kirchgemeinde Frauenfeld. (Bild: zVg)

Esther Walch Schindler ist Pfarrerin in der Evangelischen Kirchgemeinde Frauenfeld. (Bild: zVg)

 

Gebete sind tief verankert

Die beiden werden an der kommenden Fachtagung in Palliative und Dementia Care in der Kartause Ittingen einen Workshop leiten. Das Fortbildungsangebot ist f√ľr Fachpersonen und Freiwillige gedacht, die sich f√ľr chronisch- und schwerkranke Menschen interessieren.

Esther Walch Schindler hat in ihren Begegnungen mit Demenzbetroffenen gute Erfahrungen mit Musik gemacht. Fr√ľher habe man beim Abwaschen zusammen gesungen. Viele √§ltere Demenzerkrankte k√∂nnten Lieder auswendig mitsingen oder den Psalm 23 (Der Herr ist mein Hirte) mitbeten. Alex Hutter betet oft den Rosenkranz mit oder besorgt Weihwasser. ¬ęGebete wie das Vater unser, beziehungsweise Unser Vater sind ganz tief verankert¬Ľ, sagt Hutter.

Unterst√ľtzung annehmen

Walch Schindler bezweifelt, dass die heutige junge Generation √§hnliche gemeinsame Rituale kennt und pflegt. Aber Demenz k√∂nne jeden und jede treffen, manchmal auch schon ab 50 Jahren. Es gebe verschiedene Erkrankungen. Altersvergesslichkeit k√∂nne durch Mangelern√§hrung ausgel√∂st werden. Ob und um welche Art von Demenz es sich handelt, m√ľsse unbedingt fachlich abgekl√§rt werden.

¬ęOft nimmt die Umgebung die Ver√§nderung zuerst kaum wahr, sondern erst, wenn der betroffene Mensch sich zur√ľckzieht, ver√§ngstigt und orientierungslos wirkt. Abkl√§rung, Beratung und Unterst√ľtzung f√ľr die betroffene Person wie auch f√ľr die Angeh√∂rigen sollten unbedingt angenommen werden¬Ľ, sagt Alex Hutter. Mittlerweile gebe es Angebote wie Tageskliniken und weitere Institutionen, die Angeh√∂rige entlasten.

Traurige und heitere Momente

Wichtig f√ľr den Umgang mit demenzerkrankten Menschen sei das Wissen, betont Alex Hutter: Man sei im Hier und Jetzt. Daraus entst√§nden teils traurige, teils heitere Momente. Wenn etwas beispielsweise vermisst werde, k√∂nne man mitsuchen und herausfinden, was der Gegenstand bedeute. Oder wenn ein Patient sich in einem F√ľnfsternehotel w√§hne statt in einem Spital, lasse man ihn gern in diesem Glauben.

Schwere Momente gebe es, wenn etwa eine Pflegefachfrau eine beginnende Demenz feststelle und genau wisse, was auf sie zukomme. ¬ęLachen und Weinen ‚Äď das liegt beim Umgang mit demenzerkrankten Menschen nahe beieinander¬Ľ, sagt Hutter.

 

«Sorgende Gemeinschaft sein. Demenz geht uns alle an!»

Was? Tagung zum Umgang mit Menschen mit Demenz

Wann? Samstag, 24. Februar, 8.45 bis 17 Uhr

Wo? Kartause Ittingen

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