News aus dem Thurgau
#denkpause

Stopp, Ausweise bitte!

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27.01.2023
Pfarrer Peter Hofmann aus Schwanden spannt den Bogen von einem alltäglichen Einkauf, über Künstliche Intelligenz und Wachstumsstrategien zu Entschleunigung.

Es kam mir vor wie ein Witz: Noch nie in meinem Leben musste ich für den Kauf von Alkohol einen Ausweis zeigen. Aber weil ich an der neuen Selbst-Scanning-Kasse im frisch renovierten Supermarkt in Schwanden mit drei Artikeln schnell vorwärtskommen wollte, ist mir das passiert. Dass einer der Artikel eine Flasche Wein war, wurde mir innert weniger Augenblicke zum Stolperstein. Blitzartig war mir klar: Der Verkauf von Alkohol an Konsumenten unter 16 beziehungsweise 18 Jahren ist verboten. Aber die Selbst-Scanning-Kasse kann das nicht erkennen (noch nicht?!), deshalb „verordnet“ sie mir einen Halt: „Alter kontrollieren!“

Eigentlich beruhigend: Trotz Technologie braucht es den echten Kontakt zu einem lebendigen Menschen. „Wie konnte ich nur so blöd sein“, schoss es mir durch den Kopf, „wäre ich an die normale Kasse gegangen, hätte ich den Ausweis nicht zeigen müssen. Und als ich noch so jung war, dass ich tatsächlich einen Ausweis für den Alkoholkauf hätte vorweisen müssen, da gab es die Technologie des Selbst-Scanning noch gar nicht.“

Damit komme ich zum Kern dieser Anekdote: Eine neue Technologie wie die der Selbst-Scanning-Kassen (oder auch jene des Online-Shoppings) sind Wachstumstreiber. Dabei übertragen die Supermärkte die Arbeit recht clever mir als Kaufendem. Zudem werden Wege werden verkürzt und Arbeitskräfte durch pflegeleichtere und billigere Maschinen ersetzt. 

Der dies und vieles Weitere treffend beschreibt, ist Thomas Gröbly vom Ethik-Labor in Baden. In seinem neuen Buch setzt der gelernte Bauer und studierte Theologe seine Analyse fort: „Nur dank Technologien ist es überhaupt möglich, an Weihnachten Erdbeeren anzubieten. Niemand hat die Supermärkte gebeten, am kürzesten Tag im Jahr Erdbeeren zu verkaufen. Das Angebot ausweiten und mit grossen Energieaufwand Gemüse und Obst anbieten, ist ein der vielen Wachstumsstrategien: Man kreiert neue Bedürfnisse, um die Verkaufszahlen anzukurbeln.“

Gröbly hat mit seinem Titel „Einen Augenblick staunen“ ein kritisches, aber auch eminent persönliches und poetisches Buch veröffentlicht. Er nimmt seine Krankheit (ALS) und die Zukunft seines zweijährigen Enkels als Ausgangspunkt für Fragen zu Leben und Tod und entwickelt Ideen, wie wir die eigenen und die Grenzen des Planeten respektieren können: „Mein Sterben regt mich an, Werden und Vergehen als gleichwertig zu akzeptieren und von der zerstörerischen Gier Abschied zu nehmen.“ 

Auch wenn Elemente wie Selbst-Scanning-Kassen eine quasi logische Folge geltender Wirtschaftsgrundsätze sind, nehme ich mir mit Gröbly den Vorsatz: „Ich drossle den Einkaufswagen und tanze zu den Drosseln in den Morgen. Ich hamstere Freiheit und verlasse das Rad.“