News aus dem Thurgau

Thurgauer als Friedensbeobachter bei Palästinensern

von Roman Salzmann
min
16.04.2009
Der ehemalige Sirnacher Pfarrer Peter Schüle und seine Frau Heidi arbeiteten 2009 für drei Monate in Israel beziehungsweise in den palästinensischen Autonomiegebieten. In diesem Beitrag, der im April-Kirchenboten 2009 erschienen ist, schildern sie ihre Eindrücke.

Das kleine Bauerndorf in der Nähe von Nablus, in dem Peter Schüle bis Ende April 2009 wohnt, heisst Yanoun. Das entspricht dem biblischen Ort Sichem, wo Jesus der Samaritanerin am Brunnen begegnet. Heidi Schüle lebt mit drei anderen Frauen in Tulkarem, einer Stadt im palästinensischen Autonomiegebiet.

Heidi und Peter Schüle sind im Auftrag des ökumenischen Rates der Kirchen unterwegs. Sie sollen sehen und gesehen werden, dürfen aber nicht eingreifen – Peter Schüle: «Wir leben mit den Palästinensern zusammen und teilen in diesen drei Monaten, was sie beschäftigt unter der Besatzung. Wir nehmen nicht Partei in diesem Konflikt, haben manchmal auch gute Kontakte zu Israeli – zum Beispiel mit einer Soldatin am Checkpoint. Doch wir stehen für die international anerkannten Rechte, gegen eine Besatzung. Wo die Menschenrechte missachtet werden, nennen wir dies beim Namen. Und wir stehen dazu, dass diese 60-jährige Besatzung für Israelis und Palästinenser unmenschlich ist und unmenschlich macht.»

Ăśbergriffen vorbeugen

Peter Schüle über seine Funktion: «Wir versuchen durch unsere Präsenz mitzuverhindern, dass die israelischen Siedler weiteres Land oder ganze Dörfer konfiszieren. Vielleicht werden auch die Übergriffe seltener, wenn wir die Täter sehen und von ihnen gesehen werden und danach darüber berichten. Wir tragen immer unsere Westen des ‹World Council of Churches› mit dem Logo unseres Programms drauf: Stacheldraht, Kreuz und Friedenstaube. Auch an den Checkpoints beobachten wir genau, rufen im Notfall die humanitäre Notnummer des Militärs an, zählen, wie lange Menschen und Autos warten müssen. Und berichten davon.»

Begegnungen mit Soldaten

Angenehme wie unangenehme Begegnungen mit Soldaten gehören zum Alltag von Peter Schüle – zum Beispiel an Checkpoints: «Eine Soldatin mit langen schwarzen Haaren dirigiert die Wartenden wie eine Herde Kühe. Doch mich will sie nicht warten lassen. Sie werden nicht gerne beobachtet. Nach dem vierten Mal droht mir dieselbe Frau: das nächste Mal kommst du in Gewahrsam. Doch ich kenne meine Rechte. Umgekehrt kommt ein Soldat und sagt: Ich versuche dies möglichst human zu machen, so weit das eben geht. Ich könnte Ihnen Geschichten erzählen, darf jetzt aber nicht. Erst wenn ich dieses ‹Gelumpe› – er zeigt auf seine Militärkleider – weg habe, werde ich erzählen. Ein Kandidat für ‹Breaking the silence›, die Organisation für ehemalige Soldaten, die nicht mehr schweigen können. Diesem Soldaten zuliebe und weil wir den Druck nicht mehr weiter ausbauen wollen – es ist eine neue Crew Soldaten angekommen, die noch nicht weiss, was möglich ist und darum unsicher und aggressiv ist – verzichten wir tatsächlich darauf, noch weiter Runden zu drehen.»

Wenn die Raketen nicht wären

Eine Begegnung von Peter Schüle mit einem Israeli: «In gemütlicher Runde diskutieren wir. Witzig und gescheit. Doch dann kommt der Gazakrieg zur Sprache. Notwendig, und die Soldaten haben es gut gemacht, sagt Simon. Und ich werde ungeduldig. Wenn die Hamas-Raketen nicht wären, dann hätten wir Frieden, sagt Simon, auch für die Palästinenser. Jetzt halte ich es nicht mehr aus. Und was ist mit der Gewalt israelischer Siedler? frage ich. Darüber können wir nicht reden. Noch nicht.»

Friedlich vereint

Peter Schüle sitzt neben der Hütte beim Grab von Nun, dem Vater Josuas, sieht durch die alten Tamarisken über den Jordan und beginnt zu träumen: «Alle drei Religionen und beide Kulturen friedlich nebeneinander. Dann wird diesseits und jenseits des Jordans und in der besetzten überaus fruchtbaren Jordanebene wirklich das heilige Land sein. So wie ich es an diesem Ort schon erahne. Und darum bin ich hier als ökumenischer Begleiter.»

Einig sein in Uneinigkeit

Beeindruckt ist Peter Schüle von einem Friedensdorf: «In diesem Dorf leben immer gleich viele jüdische wie arabische Familien. Das ist nicht immer leicht, doch die Konflikte werden in offenem Dialog besprochen. Beide Seiten müssen gleichberechtigt sein, nur dann kann Frieden keimen.» Oft sei die einzige Übereinkunft, die es gebe, diejenige, «dass wir einverstanden sind, uneinig zu sein», zitierte Schüle eine Mitarbeitende, die auch sagt: «Oder wir schweigen einfach und lassen einander stehen, etwa in religiösen Fragen. Im Schweigen treffen sich die drei Religionen und andere wohl am besten.»

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