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Vadian und die Heiligen

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27.10.2017
Die Zeit um 1500 ist in Europa eine bewegte Zeit. Vieles ist im Umbruch, nicht nur religiös und kirchlich. Erste Umrisse einer «modernen Welt» zeichnen sich ab. Die Ausstellung «Vadian und die Heiligen» gibt einen Einblick in diese Epoche. Ein Film und eine lebensechte Schaufigur des «Stadtvaters» ergänzen die Präsentation. So wird das Leben in St. Gallen vor 500 Jahren auf vielfältige Weise fassbar.

Drei grosse Themen stehen im Mittelpunkt der neuesten Sonderausstellung des HVM: Die Entwicklung von Stadt und Abtei St.Gallen zwischen Spätmittelalter und beginnender Neuzeit, das Leben und Wirken Joachim von Watts (Vadian) und die damalige Kunst und Kultur in der Kirche. Alle drei Themen sind eng miteinander verknüpft. 

St. Gallen emanzipiert sich endgĂĽltig
St. Gallen ist um 1500 eine selbstbewusste Reichsstadt mit weitreichenden Handelsbeziehungen. Die Reformation bietet ihr die Gelegenheit, sich endgültig von der Abtei St. Gallen zu emanzipieren. Joachim von Watt, genannt Vadian, stammt aus einer angesehenen St. Galler Familie. Nach 16 Jahren an der Universität in Wien – hier hat er studiert und unterrichtet – kehrt er als Arzt nach St.Gallen zurück. Kurz darauf wird er Bürgermeister und Förderer der Reformation.

Die Stadt strebt seit langem nach Unabhängigkeit von der Abtei St.Gallen. Ihr Wunsch, in wirtschaftlichen, politischen und kirchlichen Fragen selbstbestimmt zu entscheiden, fällt nun auf fruchtbaren Boden. Sie schliesst sich als zweite Stadt der Eidgenossenschaft der Reformation an. Vieles wird hinterfragt. Besonders die Heiligenverehrung erhitzt die Gemüter. Die Rolle der Heiligen als Vermittler zwischen Gott und den Menschen wird abgelehnt.

Vadian selber ist in der Ausstellung sogar dreidimensional anwesend.

Vadian festigt die Reformation in der Stadt St.Gallen. Das Fürstenland aber wird nach 1531 wieder katholisch. Die gemeinsame wirtschaftliche Basis, das Textilgewerbe, fordert jedoch über Glaubensfragen hinweg ein Zusammengehen von Stadt und Land. 

Ein neues Bild der Welt
Das frühe 16. Jahrhundert ist eine bewegte Zeit. Vieles ist im Umbruch. Die Wissenschaft bricht zu neuen Horizonten auf. Der Buchdruck bringt eine neue Dynamik in die Wissensvermittlung. Mehr Menschen haben nun Zugang zu neuesten Erkenntnissen, Entdeckungen und Erfindungen. Für Forscher ist dies ein Impuls, ihre Studien zu veröffentlichen und zu systematisieren. Dank der Erschliessung neuer Märkte wird 1492 Amerika entdeckt und 1498 der Seeweg nach Indien. Mit den Eroberungen rücken die fernen Länder und ihre Kulturen ins Blickfeld. Die Menschen in Europa interessieren sich für die Neuigkeiten aus Ost und West. Exotische Waren wie die Kokosnuss, Heil- und Genussmittel wie der Tabak, sogar Tiere wie das Meerschweinchen sind begehrte Kuriositäten und gelangen auch nach St. Gallen. Es entsteht ein neues Bild der Welt.

In Zeiten der steigenden Nachfrage nach Handelsgütern nimmt die Bedeutung des Geldes zu. Vor allem der Bedarf an Silbermünzen steigt. Kaufleute haben auch mit Geldgeschäften zu tun oder kontrollieren sogar Silberbergwerke. Sie steigen in den Städten zur führenden Schicht auf. 

Interview-Filme und eine Schaufigur
Die Ausstellung vermittelt diese Zusammenhänge mit Originalobjekten, Texten, Bildern – und mit kurzen Interviewfilmen. Realisiert wurden sie vom St.Galler Film- und Videoproduzenten Andreas Baumberger. Er konnte dafür namhafte Historikerinnen und Historiker gewinnen: Rudolf Gamper (alt Bibliothekar der Vadianischen Sammlung), Rezia Krauer (Vadianische Sammlung), Stefan Sonderegger und Nicole Stadelmann (Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen), Philipp Lenz (Stiftsbibliothek St.Gallen) sowie Frank und Marianne Jehle (St. Gallen). 

Lebensechte Figur
Vadian selber ist in der Ausstellung sogar dreidimensional anwesend: als lebensechte Schaufigur. Sie zeigt den «Stadtvater», wie man ihn noch nie gesehen hat. Selbstbewusst, aber auch etwas nachdenklich sitzt er, etwa 60 Jahre alt, auf einem Stuhl. Realisiert wurde die Schaufigur vom bekannten Präparator Marcel Nyffenegger in Flurlingen. Er bezog alle verfügbaren Angaben über Vadians Aussehen in die Gestaltung mit ein – Porträts, aber auch Textquellen. Damit vermittelt sie eine relativ präzise Vorstellung, wie Vadian in seinen späten Jahren ausgesehen hat. 

Heiligenverehrung und Glaubenspraxis
Der zweite Teil der Ausstellung «Vadian und die Heiligen» widmet sich sakralen Bildwerken. Die Kirchenplastiken und Altarbilder aus der Sammlung des HVM wurden sorgfältig restauriert und wissenschaftlich neu aufgearbeitet. Sie geben einen Einblick in das religiöse Kunstschaffen unserer Region vom Spätmittelalter bis zur Barockzeit und sind Ausdruck der tiefen Frömmigkeit jener Zeit. 

Viele Werke sind während der Reformation zerstört worden.

Die mittelalterliche Kunst betont das Spirituelle und dient in erster Linie der Verherrlichung der christlichen Leidens- und Heilsgeschichte. Mit der Renaissance entsteht ein neues Selbstbewusstsein. Die Kunst interessiert sich wieder für die Körperlichkeit. War im Mittelalter die Darstellung der Maria als Schmerzensmutter besonders beliebt, so zeigt sie die Renaissance als strahlende Siegerin.

Objekte aus dem ganzen Kanton
Die Sammlung vorreformatorischer sakraler Bildwerke des HVM umfasst Beispiele aus dem ganzen Kanton St. Gallen. Sie ist klein, aber fein und angesichts des schmalen Gesamtbestandes an erhaltenen Objekten bedeutungsvoll. Wie umfangreich die Ausstattung der mittelalterlichen Kirchen gewesen ist, können wir nur schätzen. Man geht davon aus, dass heute noch ungefähr zwei Prozent der Objekte vorhanden sind – in der Goldschmiedekunst noch weniger. Viele religiöse Werke sind während der Reformation, aber auch in späteren Wirren zerstört worden. Einige gingen geregelt zu den Stiftern zurück. Im Barock und im Historismus mussten aber viele mittelalterliche Kirchen Neubauten weichen. 

Besuch im Restaurierungsatelier
Das Veranstaltungsprogramm bietet wie üblich vertiefende Begegnungen mit Führungen, Vorträgen und Workshops (Details auf www.hvmsg.ch). Besonders hingewiesen sei auf die Veranstaltungsreihe «Kirchenschätze im Restaurierungsatelier»: Wie geht man mit Kirchenschätzen um, die bis zu 500 Jahre alt sind? Die Restauratorinnen und Restauratoren im HVM geben Einblick in ihre Arbeit. Und am Reformationssonntag vom 5. November bieten die beiden Kuratorinnen Monika Mähr und Isabella Studer-Geisser eine Führung zum Thema «Frauen und die Reformation» an (14 und 15 Uhr). 

 

Text und Bilder: PD – Historisches und Völkerkundemuseum HVM   – Kirchenbote SG, 27. Oktober 2017

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