News aus dem Thurgau
Missbrauchstudie

Wenn geistliche Macht zu Machtmissbrauch führt

von Nicole Noelle
min
30.05.2024
Die Studie über sexuellen Missbrauch in der Evangelischen Kirche in Deutschland hat die reformierten Kirchen erschüttert. Ende Mai beschäftigten sich Kirchenvertreter und Expertinnen mit der Frage, was die Ergebnisse der deutschen Studie auch für die Schweiz bedeuten.

Anfang Jahr wurde die Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland EKD zu sexualisierter Gewalt und anderen Formen des Missbrauchs vorgestellt. Die Ergebnisse waren ersch√ľtternd. Welche Herausforderungen sich daraus ergeben, diskutierten die Frauen- und Genderkonferenz FGK und das Kompetenzzentrum Theologie und Ethik KTE der Evangelischen Kirche Schweiz EKS Ende Mai in Bern. Gemeinsam mit Fachpersonen, kirchenpolitisch Verantwortlichen und Interessierten wurde die EKD-Studie auf die Situation in der Schweiz hin analysiert.

¬ęAls die EKD-Studie vorgestellt wurde, war mir sofort klar, dass diese Ergebnisse auch die Kirchen in der Schweiz noch einige Jahre besch√§ftigen werden¬Ľ, sagt Sabine Scheuter, Beauftragte f√ľr das Schutzkonzept Grenzverletzungen der reformierten Landeskirche Z√ľrich, in ihrem Referat. Sie r√§umt ein, dass sie vor der Ver√∂ffentlichung auch auf die grossen Unterschiede zur katholischen Kirche hingewiesen habe. Dennoch seien die hohen Zahlen zu erwarten gewesen.

 

Sabine Scheuter stellte an der Tagung die im Januar veröffentlichte Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland vor. Sie ist Beauftragte für das Schutzkonzept Grenzverletzungen der reformierten Landeskirche Zürich. | Foto: EKS/Graf

Sabine Scheuter stellte an der Tagung die im Januar veröffentlichte Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland vor. Sie ist Beauftragte für das Schutzkonzept Grenzverletzungen der reformierten Landeskirche Zürich. | Foto: EKS/Graf

 

Wenig Fälle bekannt

Sabine Scheuter blickt als Vertrauensperson der reformierten Landeskirche Z√ľrich auf die letzten 20 Jahre im Amt zur√ľck. In diesen 20 Jahren seien der Kirchenleitung nur wenige strafrechtlich relevante F√§lle zur Kenntnis gelangt, vor allem nicht mit Minderj√§hrigen. Aufgrund der Ergebnisse der EKD-Studie habe sie sich gefragt, ob es bei uns so viele F√§lle gebe, von denen wir nichts wissen. Seit der Ver√∂ffentlichung der Missbrauchsstudien seien einige Betroffene neu an sie herangetreten, aber die Taten h√§tten alle vor diesen zwanzig Jahren stattgefunden.

Zu wenig Akten f√ľr eine Untersuchung

Um von diesen F√§llen zu erfahren, wird der Synode der Evangelisch-reformierten Kirche der Schweiz der Plan vorgelegt, eine so genannte Dunkelfeldstudie durchzuf√ľhren. Im Gegensatz zur Studie der EKD werden hier keine Akten eingesehen. Schon bei der EKD habe man grosse M√§ngel in Bezug auf die Dokumente festgestellt, erkl√§rt Scheuter.

Auch in der Schweiz sei die Aktenlage problematisch. Aus verschiedenen Gr√ľnden. Personalakten von Sigristen, Musikern und anderen, w√ľrden in vielen Kirchen dezentral gef√ľhrt und nach der Pensionierung oder dem Stellenwechsel nicht lange aufbewahrt. Dies auch aus Datenschutzgr√ľnden. Und auch die Akten der Pfarrer w√ľrden nicht ewig aufbewahrt, wenn sie aus dem kirchlichen Dienst ausscheiden. Am Ende m√ľsste man die Protokolle der Kirchenpflegesitzungen von 140 Gemeinden durchsuchen ‚Äď der Aufwand sei zu gross im Vergleich zu den Daten, die man erhalten k√∂nne.

Es gehe aber nicht nur um Zahlen, man erhoffe sich von der Studie auch qualitative Antworten, die mehr in die Tiefe gehen, sagt Sabine Scheuter: ¬ęWas sind die Umst√§nde, was hat den Missbrauch erleichtert? Wie wurde er aufgearbeitet oder nicht?¬Ľ

Nicht zuletzt geht es bei der Studie darum, Öffentlichkeit zu schaffen und den Betroffenen Gehör zu verschaffen.

Missbrauch ein schwieriger Begriff

Auf konkrete Fälle angesprochen, spricht Sabine Scheuter lieber von Grenzverletzungen und Situationen als von Missbrauch und Fällen. Herausfordernde Situationen und leichte Formen von Grenzverletzungen kommen im Alltag oft vor und sollen im Gespräch geklärt werden. Von Fällen spricht man erst, wenn es zu einem personalrechtlichen oder strafrechtlichen Verfahren kommt.

Missbrauch sei ein schwieriger Begriff, der allerdings im Titel der EKD-Studie verwendet wird. Meist ist aber in der EKD-Studie von sexualisierter Gewalt die Rede, wobei auch dies ein weiter Begriff ist, der von verbalen Übergriffen bis zur Vergewaltigung reichen könne.

Dennoch macht Sabine Scheuter deutlich, dass es auch heute noch F√§lle von sexualisierter Gewalt in der Kirche gebe. Um dies m√∂glichst zu verhindern ist eine ganze Reihe von Massnahmen geplant: Umfassende Schutzkonzepte f√ľr alle reformierten Kirchen, die Professionalisierung der Meldestellen und Verfahren sowie ein besserer Miteinbezug von Betroffenen.

Umfrage nicht nur bei Kirchenmitgliedern

Die von der Universit√§t Luzern durchgef√ľhrte Studie wird repr√§sentativ sein, die Fragebogen an mehrere zehntausend Adressen verschickt werden ‚Äď nicht nur an Kirchenmitglieder. Aufgrund von Erfahrungswerten rechne man mit einem R√ľcklauf von rund 20'000. Nur ein kleiner Teil der Antworten stammt von Mitgliedern der reformierten oder katholischen Kirche.

Und: Die Frageb√∂gen fragen auch danach, wer zum Beispiel in der Familie oder im Sportverein √úbergriffe erlebt hat. ¬ęDas gibt zus√§tzlich einen interessanten Vergleich¬Ľ, sagt Scheuter. Nicht zuletzt gehe es bei der Studie darum, √Ėffentlichkeit zu schaffen und den Betroffenen Geh√∂r zu verschaffen.

Ein Satz aus der EKD-Studie ist Sabine Scheuter besonders in Erinnerung geblieben: ¬ęDie erste sexualisierte Gewalttat gegen Minderj√§hrige erfolgte zumeist nach der Ordination.¬Ľ Das weise auf einen zentralen Punkt hin, dass geistliche Macht zu Machtmissbrauch f√ľhren k√∂nne. Pfarrer w√ľrden auch heute noch oft √ľberh√∂ht. So bestehe die Gefahr, dass die geistliche Macht f√ľr sexualisierte Gewalt missbraucht und unter dem Deckmantel von Liebe und N√§chstenliebe kaschiert werde.

Wir kämpfen nicht nur gegen etwas, wir kämpfen für etwas.

Sexuelle Gewalt wird auch heute tabuisiert

Nationalr√§tin Anna Rosenwasser sprach zum Abschluss √ľber die Notwendigkeit eines kollektiven Wandels. Sie betonte, dass sexualisierte Gewalt ein gesamtgesellschaftliches und nicht nur ein kirchliches Thema sei. Rosenwasser berichtete von einer Umfrage im Raum Bern zum Thema ungewollte sexuelle Handlungen: Nur 51 Prozent der befragten Frauen, die von einem √úbergriff berichteten, h√§tten danach mit jemandem aus ihrem Umfeld dar√ľber gesprochen. Die Dunkelziffer sei damit nicht erfasst, da viele Frauen aus Scham den √úbergriff auch bei einer Befragung nicht angeben w√ľrden.

Die Tabuisierung von Sexualit√§t, zu der auch die Kirche beigetragen habe und immer noch beitrage, erschwere das Gespr√§ch zus√§tzlich. ¬ęWir m√ľssen R√§ume schaffen, in denen in einer guten Atmosph√§re √ľber Sexualit√§t gesprochen werden kann. Erst dann ist es den Betroffenen m√∂glich, √ľber das Erlebte zu sprechen¬Ľ, nahm Rosenwasser die Kirchen in die Pflicht. ¬ęWir k√§mpfen nicht nur gegen etwas, wir k√§mpfen f√ľr etwas. Wir k√§mpfen nicht nur gegen sexuelle Gewalt, sondern daf√ľr, dass Sex als etwas Sch√∂nes erlebt werden kann.¬Ľ

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