News aus dem Thurgau

Wie halten wir es mit dem Frieden?

von Ernst Ritzi
min
12.03.2026
Seit jeher haben sich Christinnen und Christen im Umgang mit Kriegen nicht leicht getan. Der Ukrainekrieg hat die Kirchen veranlasst, Orientierungshilfen zum christlichen Friedensgebot zu geben.

Mit Sorge beobachten die Kirchen, dass in den internationalen Beziehungen der Dialog und die Zusammenarbeit auf der Grundlage des Völkerrechts zunehmend durch die Androhung und Anwendung von Gewalt und Krieg verdrängt worden ist.

Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat im November 2025 eine Friedensdenkschrift unter dem Titel «Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick» vorgelegt. Friede wird darin nicht als Zustand verstanden, sondern als Prozess, in dem Gewalt abnimmt und Gerechtigkeit wächst – getragen von Verantwortung und eingebettet in gesellschaftliche und globale Strukturen. Die EKD knüpft an das biblisch-eschatologische Friedensverständnis an, das den Begriff des «Schalom» verwendet und dabei Gerechtigkeit, Heil und Beziehung einschliesst.

Gleichzeitig bleibt die Denkschrift realistisch: «In einer Welt, die von Sünde, Machtstreben und Angst geprägt ist, kann rechtserhaltende Gegengewalt notwendig werden – immer jedoch als «ultima ratio», verhältnismässig und an das Ziel der Wiederherstellung des Friedens gebunden.»

Evangelische Kirche Schweiz: «Parteinahme für das Leben»

Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) hat sich 2022 im Dokument «Ernstfall Frieden: Zum Krieg in der Ukraine» mit der neuen Wirklichkeit eines europäischen Krieges auseinandergesetzt. Die EKS benennt den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine als Bruch des Völkerrechts und als Angriff auf die Menschenwürde und bekräftigt zugleich die bleibende Berufung der Kirche, Friedensräume zu schaffen, Leiden zu lindern und Versöhnung zu fördern.

Frieden, so die EKS, bedeutet nicht «Passivität, sondern entschlossene Parteinahme für das Leben. Christlicher Glaube steht nicht ‹über› der Welt, sondern trägt Verantwortung in der Welt – im Gebet, im Handeln, im Hoffen wider die Angst.» Der Kirchenbote hat einen Historiker und einen Theologen und Pfarrer eingeladen, ihre Gedanken zu Frieden und Krieg im aktuellen Kontext zu formulieren.

 

Das meinen Matthias Maywald und Silvan Brunner:

 

Sanftmut und ein demütiges Herz


Matthias Maywald, Pfarrer, Roggwil. (Bild: zVg)

«Das Neue Testament legt den Akzent darauf, dass Jesus nicht als politisch-militärischer Befreier gekommen ist, sondern als König eines Friedensreichs, das 'nicht von dieser Welt' ist. Zum Zeichen dafür zog Jesus auf einem Esel in Jerusalem ein – statt auf einem Schlachtross. Eindringlich ist auch sein Ruf: 'Kommt her zu mir alle, die ihr euch abmüht und beladen seid – ich will euch ausruhen lassen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.' (Mt 11,28-30)

Damit sagt Jesus, was der Weg zum Frieden ist – zum inneren, aber dann gewiss auch zum äusseren: nämlich Sanftmut und ein demütiges Herz. Er weiss, dass eines der hauptsächlichen Motive, warum Kriege beginnen bzw. nicht enden, der Stolz ist, der uns keine Ruhe lässt, der immer obenauf sein muss und eine Niederlage nicht erträgt. Kriegstreiberei ist immer vom Stolz getrieben. Umso wichtiger ist es, darauf nicht in gleicher Weise zu reagieren. Das muss für mich keineswegs heissen, dass man sich gegen einen Aggressor nicht zur Wehr setzen und ihn in seine Schranken weisen darf; aber eben nur in seine Schranken, nicht darüber hinaus!

Gerade auf das, was der Stolz am meisten fordert, nämlich sich zu rächen, kann die Demut verzichten. Nicht verschweigen sollte man allerdings, dass es auch Aussagen von Jesus gibt, die einen noch radikaleren Verzicht auf Gewalt nahelegen. Sie können immerhin die Erinnerung wachhalten, dass Gewalt nie 'gut' ist.»

 

Frieden kann nur aus Wahrheit werden


Silvan Brunner, Masterstudent Geschichte, Wallenwil. (Bild: zVg)

«Das wichtigste Propagandablatt der Sowjetunion hiess 'Prawda', auf Deutsch: Wahrheit. Dies ist kein Zufall, sondern Programm, denn wer die Wahrheit bestimmt, kontrolliert auch die Menschen.

So wundert es nicht, dass die Geschichte immer wieder dasselbe Muster aufweist: 1931 inszenierten japanische Offiziere den Mukden-Zwischenfall, um die Invasion der Mandschurei zu rechtfertigen. 1939 dienten Gleiwitz Hitler als Vorwand für den Überfall auf Polen und Mainila der Sowjetunion für den Angriff auf Finnland. 1964 konstruierten die USA den Tonkin-Zwischenfall als Rechtfertigung für den Eintritt in den Vietnamkrieg. 2003 legte Washington gefälschte Beweise vor dem UNO-Sicherheitsrat vor, um den Irakkrieg zu beginnen. Und 2022 erklärte Putin seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine zur 'Spezialoperation'.

Immer dasselbe Muster: Eine Lüge rechtfertigt den Krieg. Und doch gab es immer Menschen, welche die Lügen als solche erkannten und benannten. Dieser 'Versuch, in der Wahrheit zu leben', wie es der spätere tschechische Staatspräsident Václav Havel nannte, zwingt auch andere, die Lüge als solche zu erkennen. Und dort, wo Lügen nicht mehr schweigend geduldet werden, verlieren sie ihre Macht. Friede braucht Menschen, die sich weigern, zu schweigen.»

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