News aus dem Thurgau

Wie weiter mit der Wohnsitzpflicht?

von Ernst Ritzi
min
24.07.2023
Mit dem Antrag zur Aufhebung der Wohnsitzpflicht für die Pfarrer und Pfarrerinnen kam ein Stein ins Rollen. Vieles spricht dafür, dass es zu einer differenzierten Lösung kommt.

Mit ihrem Antrag, die Kirchenverfassung dahingehend zu ├Ąndern, dass die Wohnsitzpflicht f├╝r Pfarrerinnen und Pfarrer in den Kirchgemeinden aufgehoben wird, erreichte die Kirchgemeinde Matzingen in der Diskussion an der Sommer-Synode (Bericht Seite 10) einen Achtungserfolg. Der Antrag wurde zwar mit 30 zu 66 Stimmen abgelehnt, aber in der Diskussion wurde anerkannt, dass wohl ├╝ber neue Modelle in der Ausgestaltung des Pfarramts nachgedacht werden muss.

In der Diskussion in der Synode wurde von den Unterst├╝tzerinnen und Unterst├╝tzern der Aufhebung der Wohnsitzpflicht ins Feld gef├╝hrt, dass die N├Ąhe zu den Menschen in den Kirchgemeinden nicht allein mit dem Wohnsitz in der Kirchgemeinde gew├Ąhrleistet sei. Als gl├╝hender Verfechter der Beibehaltung der Wohnsitzpflicht f├╝r die Pfarrpersonen entpuppte sich der Wigoltinger Pfarrer Ulrich Henschel. Er machte an seinem eigenen Beispiel anschaulich, was es ausmacht, wenn ein Pfarrer in seiner Gemeinde und in der Amtswohnung im Pfarrhaus wohnt und mit den Menschen das t├Ągliche Leben teilt.

Der Wert der Wohnsitzpflicht und der Amtswohnungen wurde durchaus anerkannt, aber es wurden auch mahnende Stimmen laut, dass das klassische Berufsbild im Pfarramt mit Wohnsitzpflicht und Amtswohnung im Pfarrhaus vom Berufsnachwuchs nicht mehr unbedingt angestrebt werde. Die Vorstellungen, wie das Pfarramt wahrgenommen und gelebt werden solle, gingen beim Pfarrnachwuchs weit auseinander. Der Sitterdorfer Pfarrer Johannes Hug veranschaulichte, dass er und seine Ehefrau die klassische Rolle im Pfarramt noch leben w├╝rden. Er m├╝sse aber feststellen, dass dies von der nachkommenden Pfarrgeneration nicht mehr so geteilt werde.

Die Redaktion l├Ąsst zwei Pfarrer zu Wort kommen, die sich an der Synode zur Abschaffung der Wohnsitzpflicht f├╝r Pfarrpersonen ge├Ąussert haben.

 

Das meinen Lukas Butscher und Gerrit Saamer:

 

Zwei Profile f├╝r das Pfarramt schaffen


Lukas Butscher, Pfarrer, Amriswil


Der Vorschlag der Kirchgemeinde Matzingen ist eine ┬źWarnwolke┬╗. Der Sturm braut sich erst zusammen. In zehn Jahren werden 60 Prozent der Pfarrpersonen, die in unseren Thurgauer Kirchgemeinden arbeiten, pensioniert sein. Nur 17 Prozent der Pfarrerinnen und Pfarrer haben Jahrgang 1980 und j├╝nger. Wir brauchen L├Âsungsans├Ątze nicht nur f├╝r Matzingen, sondern f├╝r den ganzen Kanton.

Matzingen schl├Ągt vor, dass gew├Ąhlte Pfarrpersonen mit einem Pensum von ├╝ber 60 Prozent ausw├Ąrts wohnen k├Ânnen. Ich denke, dass es einen geschickteren Weg gibt: Warum nicht zwei klar abgegrenzte, in sich ausgewogene Profile schaffen, um das Pfarramt zu gestalten? Auf der einen Seite haben wir das Modell ┬źAmt┬╗, wie wir es heute kennen. Dieses ┬źAmt┬╗ ist f├╝r viele Pfarrkolleginnen und -kollegen und f├╝r viele Kirchgemeinden jetzt und auch in Zukunft das richtige. Aber eben nicht f├╝r alle. F├╝r eine zunehmende Zahl von Bewerbenden passt das klassische Pfarramt nicht mehr, und viele Kirchgemeinden gehen damit bei der Besetzung ihrer freien Pfarrstellen leer aus.

Deshalb kann ich mir ein zweites Pfarramts-Modell vorstellen: Wir k├Ânnten das bestehende Profil ┬źAnstellung┬╗ bis zu einem Stellenumfang von 100 Stellenprozent erm├Âglichen. F├╝r Angestellte gibt es keine Wohnsitzpflicht, auch nicht f├╝r eine Vollzeitstelle. Wie in anderen Kantonalkirchen k├Ânnte man von der ├╝blichen 42-Stunden- Woche ausgehen. Auf der Gegenseite w├Ąre es wohl angebracht, wenn sich der unterschiedliche Grad an Verbindlichkeit in der Lohnstufe widerspiegelt.

Paket, das beides m├Âglich macht


Gerrit Saamer, Pfarrer, Egnach


Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust... Ganz viele hier im Saal m├Âchten einen Pfarrer in ihrer Kirchgemeinde haben wie Ulrich Henschel. Ich selber bin ├╝berzeugt und lebe das ja auch, dass man in einer Kirchgemeinde wohnen muss, um nahe bei der Gemeinde zu sein. Ich bin Teil des Dorfes und arbeite als Pfarrer in den Institutionen der Gemeinde mit. Dadurch kenne ich auch die Gemeinderatsmitglieder der Parteien. Ich halte solche Beziehungen im Dorf f├╝r wichtig f├╝r eine Kirchgemeinde. Das ist die eine Seele.

Die andere Seele ist die: Wir haben geh├Ârt, dass die jungen Pfarrerinnen und Pfarrer andere Lebensmodelle haben. Wir treten in Konkurrenz mit anderen Kantonen und wir sehen die Not von kleinen Kirchgemeinden, die keine Pfarrpersonen mehr finden. Dieser Realit├Ąt m├╝ssen wir uns stellen. Ich glaube nicht, dass es mit einer einfachen Verfassungs├Ąnderung getan ist. Das w├Ąre eine Gelegenheit, sich zu ├╝berlegen, welchen Pfarrer und welche Pfarrerin wir haben wollen, und vor allem, was wir machen k├Ânnen, dass uns so ein Pfarrer oder so eine Pfarrerin, wie Ulrich Henschel das geschildert hat, m├Âglicherweise erhalten bleibt.

Deshalb m├Âchte ich beliebt machen, dem Vorschlag der Kirchgemeinde Matzingen vorerst nicht Folge zu leisten, aber im Nachgang das Pfarrbild nochmals anzuschauen und dann ein Gesamtpaket zu erstellen, das beides m├Âglich macht: Dass man nicht Tor und T├╝r ├Âffnet f├╝r die Erosion des klassischen Pfarrbildes, aber die M├Âglichkeit schafft, dass ein Pfarramt ohne Wohnsitz in der Kirchgemeinde von aussen betreut werden kann.

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