News aus dem Thurgau
Paul Gerhardt

«Wir brauchen diese Texte und Lieder»

von Vera Rüttimann
min
20.05.2026
Seine Lieder sind aus dem Kirchgesangbuch nicht mehr wegzudenken. Ende Mai wird des 350. Todestags von Paul Gerhardt gedacht. Pfarrerin Martina Holder weiss, warum die Lieder heute noch so faszinieren. 

«O Haupt voll Blut und Wunden»: Diese vertonten Strophen klingen zur Passionszeit hundertfach durch die Kirchen. Das Lied beschreibt eindrücklich das Leiden Jesu am Kreuz. Auch Lieder wie «Befiehl du deine Wege» oder «Geh aus, mein Herz, und suche Freud» sind häufig in Gottesdiensten zu hören. Sie stammen von Paul Gerhardt, der seit fast vier Jahrhunderten mit seinen Liedern Trost und Hoffnung spendet. 

Martina Holder, Pfarrerin in Riehen, Basel-Stadt, kennt die Wirkung dieser Lieder gut. Sie sagt: «Als Pfarrerin und Seelsorgerin bin ich immer wieder erstaunt, wie viele Menschen auch ohne Kennen biografischer Details beim Lesen und Singen verstehen, dass hier jemand schreibt und hofft, der keinen billigen Trost anpreist, sondern stets selbst in verschiedenen Leidenserfahrungen nach Halt und Trost sucht.»

 

Was die Lieder von Paul Gerhardt so besonders macht, ist die Verbindung zwischen theologischer Tiefe und persönlichen Lebenserfahrungen.

Martina Holder, die 1984 mit ihrer Familie nach einem UNO-Beschluss nach Westdeutschland ausgereist ist, hat einen engen Bezug zu Paul Gerhardt. «Da ich meine Jugend in der ehemaligen DDR verbrachte, habe ich seinen Geburtsort Gräfenhainichen bereits als Kind erlebt und besucht.»

Hineingeboren in einen Krieg

Paul Gerhardt wurde am 12. März 1607 in diesem kleinen Dorf im heutigen Bundesland Sachsen-Anhalt geboren. Mitten hinein in eine Zeit grosser Umbrüche. Der Dreissigjährige Krieg hatte Europa verwüstet. Gerhardt besuchte wie schon sein Bruder die Fürstenschule St. Augustin in Grimma. Danach ging er nach Wittenberg, um dort Theologie zu studieren. Hier lernte er auch das Werk des Poeten August Buchner kennen, der seine Dichtkunst prägte. Von 1657 bis 1667 war Paul Gerhardt Pfarrer an der Berliner Nikolaikirche.

Crügers Gesangbuch

1651 wurde er Pfarrer in der St.-Moritz-Kirche in Mittenwalde. In dieser Zeit verfasste er unter anderem das bekannte Passionslied «O Haupt voll Blut und Wunden». 1653 erschien die fünfte Auflage von Crügers Gesangbuch. Martina Holder sagt: «Ohne Johann Crüger und die Vision eines evangelischen Gesangbuchs hätten die Texte von Paul Gerhardt nicht diese unglaubliche Reichweite bekommen, ebenso die Melodien, die Johann Sebastian Bach als Inspirationsquelle in seine Werke eingebaut und weiterentwickelt hat.» 

Ab 1668 übernahm Gerhardt in der Kirchengemeinde in Lübben geistlich-seelsorgerliche Arbeiten. Dort starb er am 27. Mai 1676 auch. Es gibt mehrere Paul-Gerhardt-Wanderwege, auf denen man seine Wirkungsstätten besuchen kann.

Lieder als Trostspender

Viele von Paul Gerhardts Werken – 139 deutsche sowie 15 lateinische sind überliefert – handeln von Trost. Was für Martina Holder seine Kirchenlieder so besonders macht, ist die Verbindung zwischen theologischer Tiefe und persönlichen Lebenserfahrungen: «Paul Gerhardt war als lutherischer Theologe seiner Zeit nicht nur von innerkirchlichen Konflikten betroffen, er hat auch mehrere Kinder verloren und Kriegszeiten erlebt.» Wer dann rufen und bitten könne: «Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not, stärk unsere Füss und Hände und lass bis in den Tod uns allezeit deiner Pflege und Treue empfohlen sein», der hoffe nicht nur für sich, sondern für eine immer wieder neu leidende und verwundete Welt.

Gerhardt spricht von Hoffnung, dass Gottes Geist auch bei gerade leidvollen Situationen wirkt. «Von dieser Erfahrung spricht Paul Gerhardt immer wieder. Deshalb habe ich in Corona-Zeiten einen Beitrag zu Paul Gerhardt online geschaltet, damit wir durch seine Dichtung und seine Lieder gestärkt werden.»

Vom Kirchgesangbuch zur Jazzvariante

Bis heute gehören zahlreiche seiner Lieder zum festen Bestandteil evangelischer Gesangbücher. Und sie leben in neuen Varianten weiter: Martina Holder sagt: «Das Besondere ist für mich, dass diese Lieder von Anfang an geistliche ‹Freundinnen und Freunde› hatten. Menschen, die diese tiefe Trostquelle mitgefühlt und innerlich verstanden haben.»

Sie freue sich, dass es heute von Paul Gerhardts Liedern einige gute Jazzvariationen gebe und Christof Fankhauser einige der Lieder sogar in Schweizer Mundart übertragen habe.

Bleibende Bedeutung

Da Paul Gerhardt mit seinen Liedern grenzüberschreitend wirkte, findet sich sein Name in vielen Schulen, Strassen und Kirchen wieder. Von grösster bleibender Bedeutung sind seine Lieder. Martina Holder sagt über ihre heutige Bedeutung: «Ich bin überzeugt, wir brauchen diese Texte und Lieder, damit wir krisenhafte Zeiten aushalten und nicht aufgeben, in Kreuz und Auferstehung Licht für unser persönliches Leben und für die Welt zu sehen.»

 

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Daniel Bühler-Koch aus Weinfelden ist Bildhauer. Bei seinem künstlerischen Schaffen, dem er sich seit Jahrzehnten mit Leib und Seele verschreibt, lässt sich der ehemalige Pfarrer von biblischen Texten inspirieren und verleiht seinem Glauben damit Ausdruck.