News aus dem Thurgau

Wo Zwingli ins Müesli «spoizt»

von Stefan Degen
min
19.09.2023
Männer der Kirchgemeinde Rapperswil-Jona brauen gemeinsam Benefiz-Bier. Der Erlös kommt einem diakonischen Projekt zugute. Zu Besuch bei brauenden «Manne mit Spoiz».

Wie bringt man bloss den Gerstensaft durch diesen verflixten Schlauch? Drei Männer stehen um einen grossen Plastikkübel und hantieren mit Krug, Schlauch und Trichter. Die Flüssigkeit muss irgendwie durch den Schlauch über den Rand des Kübels. Reicht es, wenn man mit dem Trichter etwas Wasser einfüllt? Oder müsste man den Schlauch gar mit dem Mund ansaugen? Und das alles, ohne dass der der Hopfen aufgewirbelt wird, der sich am Boden des Kübels gesetzt hat. Sonst wird es bitter.


Besinnung vor dem Brauen

Vier Stunden vorher sitzen zwölf Männer vor dem Evangelischen Kirchenzentrum in Jona um einen Tisch. Es ist ein strahlender Sommertag. Schon um 9 Uhr ist man froh um das Sonnensegel und freut sich insgeheim auf den ersten, kühlen Schluck «Zwingli-Spoiz», wie das Bier heisst, das gebraut wird. Vorerst aber begnügt man sich mit Kaffee. Als Einstieg erzählt Diakon Matthias Bertschi die biblische Geschichte von Jakob, der seinen Bruder Esau über den Tisch zog und später mit Gott kämpfte. «Wo kämpfst du mit Gott, und wo kämpft Gott für dich?», gibt er den Männern als Frage mit.

Vor dem Brauen macht Diakon Matthias Bertschi eine kurze Besinnung. «Wo kämpfst du mit Gott, und wo kämpft Gott für dich?», gibt er den Männern als Frage mit. Foto: sd

Vor dem Brauen macht Diakon Matthias Bertschi eine kurze Besinnung. «Wo kämpfst du mit Gott, und wo kämpft Gott für dich?», gibt er den Männern als Frage mit. Foto: sd

 

Dann geht es los. Vier Sude stehen heute auf dem Programm: Zweimal Pale Ale, einmal Amber und einmal Ginger Ale. Als Erstes kommt Gerstenschrot ins Wasser. Das sieht aus wie ein «Müesli» und wird auch von allen so genannt. Den weiteren Takt gibt das Rezept vor: aufheizen auf 54° C, Temperatur 10 Minuten halten, dann rauf auf 62° C, 45 Minuten halten, nochmals rauf auf 78° C und wieder warten. «Verschiedene Enzyme arbeiten bei unterschiedlichen Temperaturen», erläutert Andi, der auch zu Hause Bier braut, «und wandeln die Stärke in verschiedene Zuckerarten um.» So erhalte das Bier einen individuellen Geschmack.

Gerstenschrot sieht aus wie ein Müesli und wird auch von allen so genannt. Foto: sd

Gerstenschrot sieht aus wie ein Müesli und wird auch von allen so genannt. Foto: sd

 

Das mit der Temperatur ist aber so eine Sache. Man kann nämlich beim Topf die Hitzezufuhr nicht dosieren. Heizt man, so schnellt sie hoch, heizt man nicht, fällt sie zu tief. Zu allem Übel zeigen die verschiedenen Thermometer auch noch unterschiedliche Temperaturen an. Doch Andi bleibt gelassen. «Dann nehmen wir einfach den Durchschnitt», meint er schmunzelnd. Überhaupt könne man beim Brauen nicht allzu viel falsch machen, zumindest nicht in dieser Phase. «Das wird alles noch auf 100° C erhitzt», sagt er, «da könntest du sogar reinspucken.»

Die Spucke des Reformators

Das Reinspucken lassen wir aber schön bleiben. «Wir achten penibel auf Sauberkeit und sind mit dem Lebensmittelinspektor in Kontakt», sagt Andi. Tatsächlich ist am Brautag ständig ein Team in der Küche, wäscht ab, reinigt die Geräte und liefert den Brauern wohltemperiertes Wasser. Weshalb aber der Name «Zwingli-Spoiz»? Das Wort bedeute nicht nur Spucke, gibt Bertschi zu bedenken, es stehe auch für Mut: «Manne mit Spoiz». Das nimmt das Logo augenzwinkernd auf: «Tapferes Bier» steht auf der Etikette und spielt auf das Motto des Refomators an: «Tut um Gott’s Willen etwas Tapferes.»

Der Erlös des Bieres – mehrere Hektoliter im Jahr werden verkauft – wird gespendet. «Wir unterstützen ein Projekt in der Dominikanischen Republik», sagt Bertschi. «Viele, die hier brauen, haben Kinder, die bei der Jugendarbeit der Kirchgemeinde mitmachen. Dort sammeln sie sie Geld für dieses Projekt», erklärt er. «Nun helfen auch ihre Väter mit, indem sie dafür Bier brauen und verkaufen.»

Gutes Bier braucht Geduld. Ständig muss man warten: bis die Maische heiss ist, bis die Maische kalt ist, bis der Hopfen ausgekocht ist. So entsteht eine ungezwungene Atmosphäre, in der Ernst und Spass nebeneinander Platz haben: Während einige Scherze machen und herumalbern, diskutieren andere über die Bedeutung des Todes.

Ständig muss man warten. So entsteht eine ungezwungene Atmosphäre, in der Ernst und Spass nebeneinander Platz haben. Während einige Scherze machen und herumalbern, diskutieren andere über die Bedeutung des Todes. Foto: sd

Ständig muss man warten. So entsteht eine ungezwungene Atmosphäre, in der Ernst und Spass nebeneinander Platz haben. Während einige Scherze machen und herumalbern, diskutieren andere über die Bedeutung des Todes. Foto: sd

 

Zollverwaltung half mit

Die meisten Männer kennen sich vom Unihockey, das Diakon Bertschi im Rahmen der kirchlichen Männerarbeit anbietet. Dort kamen sie auf die Idee, gemeinsam Bier zu brauen. «Wir mussten das dann bei der Zollverwaltung anmelden», erinnert sich Bertschi. «Sie rieten uns, einen Verein zu gründen, das käme günstiger.» Für den Diakon eine gute Möglichkeit, die Freiwilligen einzubeziehen und Verantwortung abzugeben: Ein Grafiker entwarf das Logo und die Website, ein Bankmitarbeiter übernahm das Amt als Kassier. «Die Männer organisieren sich selbst», sagt Bertschi nicht ohne Stolz, «ich halte mich im Hintergrund.» Gemeinsam «Zwingli-Spoiz» zu brauen, sei ein Puzzlestein in seiner Arbeit als Diakon, die Menschen der Kirchgemeinde miteinander zu vernetzen und einzubeziehen.

Am Ende des Tages stehen vier Gäreimer – knapp 100 Liter – im Keller des Evangelischen Kirchenzentrums. Bei rund 18 Grad ruht der Gerstensaft mehr als eine Woche, bis der Zucker vergoren ist. Dann wird er in Flaschen abgefüllt. Eine Heidenarbeit: «Die Mehrwegflaschen müssen sauber desinfiziert sein», sagt der erfahrene Brauer Andi. «Sind dort noch Schmutzresten drin, wird’s übel.» Doch übel wurde es zum Glück noch nie. «Der Lebensmittelinspektor war stets des Lobes voll», sagt Andi stolz. Hinzu kommt dann noch Zucker für die Flaschengärung, damit das Bier schön spritzig wird. Es dauert also noch rund zwei Monate bis zum ersten Schluck.

Funk-Abend mit Bierkuchen und Treberbrot

So lange wollen die Männer nicht warten. Schon zum Mittagessen – es gibt Bierwurst und Salat – ploppen die Bügelflaschen vom letzten Sud auf. Und am Abend erwarten die Brauer 80 Besucherinnen und Besucher zum Funk-Abend. Auch dieser steht ganz im Zeichen des Gerstensafts: Neben «Zwingli-Spoiz» gibt es Bierkuchen und Treberbrot – gebacken mit dem ausgekochten «Gerstenmüesli».



Und was ist mit den Frauen?

Eine Frage aber bleibt: Ist Bier eigentlich eine reine Männersache? Bertschi lacht, zückt sein Telefon und zeigt eine Nachricht, die er am Morgen erhalten hat: «Lieber Herr Bertschi», schreibt eine Frau, «ich habe einen Abend in dieser Art vor ein paar Jahren bei Ihrer Gruppe erlebt und das Bier genossen… das beste Bier, das ich je getrunken habe.» Nun liege sie leider krank im Bett und frage, «ob es möglich wäre, einen Laib Bierbrot, zwei Flaschen Bier (gerne naturtrübes) und falls möglich eine Wurst zu liefern.»

www.zwinglispoiz.ch

Gleich ploppt das Bügelschloss auf. Eine Flasche «Zwingli-Spoiz» Amber. Foto: sd

Gleich ploppt das Bügelschloss auf. Eine Flasche «Zwingli-Spoiz» Amber. Foto: sd

Aus Treber, dem ausgekochte «Gerstenmüesli», kann man leckere Brötchen backen. Foto: sd

Aus Treber, dem ausgekochte «Gerstenmüesli», kann man leckere Brötchen backen. Foto: sd

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