News aus dem Thurgau
Denkmal der Ökumene

Zum zweiten Mal «Eins» geworden

von Carmen Schirm
min
12.05.2023
Einst verwüstet und verschollen steht die ökumenische Skulptur wieder an ihrem Platz in Luzern. Die Wiedereinweihung nach über 30 Jahren ist ein Ereignis mit Symbolkraft, das über die Kantonsgrenzen hinaus strahlt. Dass die Ökumene im Kanton Luzern gelebt wird, bestätigten alle Kirchenvertreter.

Es war ein nasser Dienstagnachmittag. Die Wolken hingen grau in grau ├╝ber dem Pilatus, der Regen wollte nicht nachlassen. Ungeachtet dessen, trafen sich rund vierzig Vertreter aus Politik und Kirche auf der gr├╝nen Wiese am General Guisan Quai. Zuf├Ąlligen Passanten bot sich ein seltenes Bild: Die Kirchenleitungen aller grossen Religionsgemeinschaften des Kantons Luzern waren erschienen und setzten ein starkes Zeichen f├╝r die ├ľkumene.

Die Vertreterinnen und Vertreter der Evangelisch-Reformierten Kirche, der Katholiken, der Christkatholischen Kirche, der j├╝dischen und muslimischen Gemeinschaften kamen alle zur Einweihung der ┬źSkulptur der Gemeinschaft ÔÇô damit ihr Eins werdet┬╗, auf Einladung des Luzerner Stadtrats Adrian Borgula. Ursula St├Ąmmer-Horst, von 2000 und 2016 Stadtr├Ątin in Luzern, und danach Synodalratspr├Ąsidentin der Evangelisch-Reformierten Landeskirche im Kanton Luzern, hatte das Projekt vor f├╝nf Jahren initiiert. Sie hatte sich seit langem f├╝r das verschollene Kunstobjekt interessiert, mit dem Ziel, es wieder sichtbar zu machen. Ursula St├Ąmmer-Horst verstarb jedoch, bevor sie das Projekt realisieren konnte. Ihre Kolleginnen und Kollegen im Synodalrat setzten nun um, was sie angestossen hatte.

 

Statuen-Enth├╝llung zum Zweiten

Stadtrat Adrian Borgula erinnerte die Zuschauer daran, dass die Skulptur just am gleichen Ort schon einmal enth├╝llt worden war, im Dezember 1963. Sie war damals im Zeichen der aufkeimenden ├ľkumene unter anderem von Otto Karrer in Auftrag gegeben worden. Der in Luzern lebende und wirkende katholische Pfarrer hatte die ├ľkumene angestossen und vorangetrieben. Sp├Ąter wurde die Statue mehrfach von Vandalen heimgesucht. Nur der Gedenkstein mit der Inschrift ┬źAuf dass ihr Eins werdet┬╗ blieb erhalten. ┬źDas ist eine klare Botschaft┬╗, sagte Stadtrat Adrian Borgula. Innerhalb der Kirchen stehe sie als Zeichen f├╝r die ├ľkumene und Zusammenarbeit. Weltlich gesehen bedeute sie das Zusammenwachsen dessen, was auseinander geraten sei. Gerade die Stadt Luzern w├╝rde sich daf├╝r einsetzen, zu vermitteln. ┬źEins werden heisst nicht gleich werden, sondern sich gemeinsam f├╝r ein Ziel einzusetzen.┬╗

Dass der Gedenkstein mit der Inschrift ‹Auf dass ihr Eins werdet› erhalten blieb, ist eine klare Botschaft.

Die Skulptur wurde getreu der urspr├╝nglichen Statue des K├╝nstlers Rolf Luethi rekonstruiert. Piet Luethi, Sohn des verstorbenen Ku╠łnstlers, hatte im Archiv seines Vaters dessen alte Skizzen gefunden. ┬źEs war eine Herausforderung, eine Bronzestatue so filigran zu replizieren┬╗ sagte er. Doch man habe eine gute L├Âsung gefunden. ┬źMeinem Vater war es sehr wichtig, dass die Skulptur Lust macht, sie anzufassen, sie soll leben, soll ein generationen├╝bergreifendes Symbol sein.┬╗ Auf der Statue seien zwei Flammen zu sehen, weil in den 1960er Jahren die ├ľkumene von zwei Kirchen angestossen worden sei. ┬źEs w├Ąre sch├Ân, wenn sich k├╝nftig alle Religionsgemeinschaften an der ├ľkumene beteiligen w├╝rden.┬╗

 

Enth├╝llung der ├Âkumenischen Skulptur durch Piet Luethi (links) und Adrian Borgula. ┬źMeinem Vater war es sehr wichtig, dass die Skulptur Lust macht, sie anzufassen┬╗, sagt Pieth Luethi, Sohn des verstorbenen K├╝nstlers Rolf Luethi. | Foto: Emanuel Ammon

 

Auch bei der Einweihung vor 60 Jahren herrschte Krieg

Lilian Bachmann, Synodalratspr├Ąsidentin der Evangelisch-Reformierten Landeskirche Luzern, erinnerte daran, dass die Einweihung der urspr├╝nglichen Statue zu einer ganz anderen Zeit stattgefunden hatte. Damals herrschte Kalter Krieg, der Vietnamkrieg war in vollem Gange, die Berliner Mauer war gerade frisch errichtet worden. Heute, 60 Jahre sp├Ąter, sei Europa erneut gepr├Ągt vom Krieg. In Zeiten, in denen Polarisierung, Spaltung und Konflikte die Schlagzeilen dominieren, sei es umso wichtiger, dass man die verbindenden Werte lebt. ┬źIn der Kirche f├╝hren wir den Dialog mit den Religionsgemeinschaften ├Âkumenisch und interreligi├Âs.┬╗ Hierf├╝r st├╝nden die Flammen auf der Statue. Als Zeichen der Gemeinschaft und des Dialogs.

Gerade in Krisenzeiten ist es wichtig, verbindende Werte zu leben.

Die katholische Kirche war durch Hanspeter Wasmer vom Bischofsvikariat des Bistums Basel und Annegreth Bienz-Geisseler, Pr├Ąsidentin des Synodalrates der katholischen Kirche des Kantons Luzern, vertreten. Die katholische Kirche sei nicht sehr reformfreudig, sagte Hanspeter Wasmer, sie sei es auch zu Zeiten Martin Luthers nicht gewesen. Dennoch w├╝rden sich immer wieder Reformen durchsetzen. Gerade auch, was die ├ľkumene betreffe. In diesem Punkt verwies er auf Papst Johannes den 23. ┬źWas uns verbindet ist wesentlich mehr, als uns trennt┬╗, habe dieser stets gesagt. Bereits 1960 habe Johannes der 23. ein Sekretariat f├╝r die Einheit der Christen eingerichtet, noch vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das f├╝r die ├ľkumene einen Durchbruch bedeutete.

 

Schon Papst Johannes, der 23. sagte: ‹Was uns verbindet ist wesentlich mehr, als uns trennt.›

Einzig der Gedenkstein blieb ├╝brig von der verw├╝steten
ersten Skulptur. | Foto: Emanuel Ammon

 

Luzerner Selbstverpflichtung zur ├ľkumene seit 2004

Annegreth Bienz-Geisseler hob die Vorreiter Rolle der ├ľkumene im Kanton Luzern hervor. ┬źNach einem gewissen Stillstand der ├ľkumene nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil haben sich die christlichen Kirchen im Kanton Luzern f├╝r die Schaffung einer Charta Oecumenica entschieden┬╗. Es ist eine Selbstverpflichtung der drei Luzerner Landeskirchen, die 2004 von der evangelischen, der r├Âmisch katholischen und der christkatholischen Landeskirche unterzeichnet wurde. Diese bildet bis heute die Grundlage f├╝r die ├Âkumenische Zusammenarbeit der drei Kirchen in Luzern. Sie enth├Ąlt 12 Zielformulierungen, unter anderem das gemeinsame Verk├╝nden des Evangeliums, das gemeinsame Handeln, Beten und Mitgestalten des Kantons, sowie die F├Ârderung und Begegnung mit anderen Religionen und Weltanschauungen.

Adrian Suter, Pfarrer der Christkatholischen Kirchgemeinde Luzern, ging ebenfalls auf die Charta Oecumenica ein. Ein Vertreter seiner Kirche habe einmal gewitzelt, dieses Papier sei zwar sch├Ân und gut, aber man mache ├ľkumene erst, wenn alles andere, viel wichtigere, erledigt sei. ┬źDoch es ist gerade umgekehrt. Man muss stets von Anfang an versuchen, interreligi├Âs zusammen zu arbeiten.┬╗ Sch├Âne Sonntagsreden zu halten reiche eben nicht. Die Zusammenarbeit m├╝sse konkret werden. Die Charta Oecumenica habe einen starken Impuls f├╝r die Zusammenarbeit im Kanton Luzern gesetzt. ┬źDiese Skulptur macht sichtbar, dass die Luzerner Landeskirchen gemeinsam unterwegs sind┬╗.

Finanziert wurden die Statue durch die Stadt Luzern, die Albert Koechlin Stiftung AKS, die Josef Mu╠łller Stiftung, die Katholische Kirche im Kanton Luzern, die Reformierte Kirche Kanton Luzern und die Christkatholische Kirchgemeinde Luzern.

 

 

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