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Kirche

Krieg in der Ukraine

Den Dialog beibehalten – oder abbrechen

14.06.2022
Wie sollen die Religionsgemeinschaften mit der Russisch-Orthodoxen Kirche umgehen, die den Angriff auf die Ukraine unterstützt? Diese Frage hat auch in der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) zu kontroversen Diskussionen geführt.

Bald vier Monate dauert der Angriffskrieg des russischen Präsidenten Wladimir Putin auf die Ukraine bereits. Wie kaum ein Zweiter steht Kyrill I., das Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK), für die Invasion. Er rechtfertigt diese und gilt als enger Vertrauter Putins.

Welche Antworten die Kirchen darauf haben, war Thema am zweiten Tag der Sommersynode der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) in Sion. Kyrill befeuere den Krieg aktiv und seine Position habe sich im Laufe der Zeit nur noch verhärtet. Die Russisch-Orthodoxe Kirche trete sämtliche Werte der Friedensmission mit Füssen, sagte der Zürcher Kirchenratspräsident Michel Müller.

Gemeinsam mit sechs Mitunterzeichnenden hatte Müller eine Motion zum Thema eingereicht. Konkret soll sich die EKS beim Ökumenischen Rat dafür einsetzen, dass dieser eine Suspendierung der ROK aus dem ÖRK prüft. «Ich leide darunter, dass unsere Kirche Mitglied ist in einer Vereinigung, die ein Mitglied hat, das den absolut brutalen und grausamen Krieg unterstützt», sagte Müller.

Motionär: «Grenzen setzen»
Kyrills Werte stünden in krassem Widerspruch zu allem, was das Evangelium verkünde. «Es ist genug geredet», betonte Müller. Der ÖRK solle klar machen, dass man nicht einverstanden sei mit Kyrills Positionen. «Man muss die Russen damit konfrontieren und dem Patriarchen Grenzen setzen. Die Ökumene hat sonst keinen Inhalt mehr.»

Der ÖRK sei keine «supra-nationale Kirche», sondern schlicht und einfach eine Begegnungs- und Verständigungsplattform der Kirchen, meinte Heinz Fäh, Synodaler der St. Galler Kirche, in seinem Votum. Fäh ist EKS-Delegierter und reist im Herbst mit an die ÖRK-Vollversammlung ins deutsche Karlsruhe. «Wir werden die ROK nicht erziehen können. Sässen sie nicht mehr mit uns am Tisch, würde der Dialog abbrechen», meinte Fäh stellvertretend als Votant jener Synodaler, welche die Motion ablehnen wollten.

Famos: «Suspendierung spielt Kyrill in die Hände»
Im Namen des EKS-Rates sprach sich auch dessen Präsidentin, Rita Famos, dafür aus, die Motion nicht zu überweisen. Kyrills Haltung entbehre zwar jeglicher theologischen Begründung. «Sie ist unerträglich und belastend». Das stelle die Ökumene vor eine «sehr komplexe» Ausgangslage.

Eine Suspendierung könne aber nicht den gewünschten Effekt haben. 430 Priester der Russisch-Orthodoxen Kirche hätten Kyrill öffentlich kritisiert. Diese würde man mit einer Suspendierung im Stich lassen, meinte Famos. Zudem würde die Russisch-Orthodoxe Kirche dadurch weiter isoliert vom Rest der christlichen Welt. Das sei exakt das, was Kyrill wolle. «Man würde ihm damit in die Hände spielen», sagte Famos.

Gegen eine Intervention spreche auch, dass die Schweiz mit ihrem Vorstoss alleine wäre. Bisher habe keine der anderen grossen ÖRK-Mitgliedskirchen einen Antrag auf Suspendierung gestellt, auch die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) nicht. «Kehren wir uns nicht ab von der gesamten Russischen-Orthodoxen Kirche. Verbünden wir uns mit den Kräften des Widerstands innerhalb und ausserhalb der Kirche und bieten dem Patriarchen die Stirn», sagte Famos.

Professoren stützen Motion
Doch ihre Argumentation verfing nicht: Die Synodalen entschieden sich in der Schlussabstimmung mit 44 zu 29 Stimmen bei 3 Enthaltungen, die Motion an den Rat zu überweisen. Ein Brief, den namhafte Schweizer Theologinnen und Theologen wie Erich Bryner, Michael Coors, Isabelle Noth oder Peter Opitz Anfang Juni an die EKS geschickt haben, wurde an der Synode verteilt und zur Kenntnis genommen.

«Wir sind beunruhigt, dass ein Mitglied des ÖRK diesen Krieg ideologisch und theologisch befürwortet. Wir befürchten, dass ein Festhalten des ÖRK an Kyrill und seiner Entourage dem ÖRK einen massiven Glaubwürdigkeitsverlust einbringen wird», heisst es in dem Schreiben. Deshalb sei die Synode dazu aufgerufen, beim ÖRK zu intervenieren.

Johanna Wedl, ref.ch

 


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