News aus dem Thurgau
Kampagne

1000 Plakate sollen die Schweiz aufrütteln

von Tilmann Zuber/pd
min
29.04.2026
«Wachet und betet»: Die Agentur C aus Lyss lanciert eine nationale Bibelverskampagne. «In unruhigen Zeiten» setzt die christliche Organisation auf eine alte Botschaft – und macht die Strassen zum Verkündungsort. 

Es sind schlichte Plakate, gelb und blau, drei Sprachen, ein einziger Satz: «Wachet und betet.» Wer in den kommenden Wochen durch eine Schweizer Stadt spaziert, wird diesem Bibelvers kaum entkommen. Die Agentur C, ein überkonfessioneller Verein mit Sitz in Lyss, hat beschlossen, ihr 41. Geschäftsjahr mit einer der grössten Aktionen ihrer Geschichte zu eröffnen: 1000 Plakate, verteilt über das ganze Land, in Deutsch, Französisch und Italienisch «Wir werden auf einen Chlapf 1000 Plakate kleben lassen», erklärt Peter Stucki, seit 25 Jahren Präsident der Agentur C.

«Die Weltlage ist dermassen instabil», sagt Peter Stucki.

Die Bedrängnis ist gross. Es genügt nicht, nur auf den Benzinpreis zu schauen. Es geht um Macht auf der einen Seite, um verzweifelte Menschen auf der anderen.

Stucki ist kein Nörgler und kein Weltuntergangsprophet. Aber er beobachtet, was er Anfechtung nennt: eine Gesellschaft, die sich in Zahlen, Schlagzeilen und Ablenkungen verliert und dabei etwas Fundamentales aus dem Blick verliert. Was denn? Die Antwort der Agentur C ist keine politische, keine ökonomische – sie ist eine spirituelle. «Wir haben einen grossen Gott», sagt Stucki. «Und der hat in diesen unruhigen Zeiten eine aufrüttelnde und eine tröstende Botschaft.»

Der Statthalter als Vorbild

Als historisches Referenzbeispiel zieht Stucki ausgerechnet Nehemia heran, jenen Statthalter aus dem Alten Testament, der den Wiederaufbau der Jerusalemer Stadtmauern leitete – unter massivem Druck feindlich gesinnter Nachbarvölker. Nehemia setzte Wächter ein: nicht nur zum physischen Schutz, sondern als Zeichen geistlicher Wachsamkeit. In der Bibel steht er für einen Leiter, der betet, handelt und nicht klein beigibt.

1,7 Sekunden reichen, um 13 Worte zu lesen. Die Plakate lesen auch die, die sie nicht lesen wollen.

Die Parallele ist für Stucki keine abstrakte Theologenübung: «Wachet und betet» – so lautet auch die Aufforderung Jesu an seine Jünger im Garten Gethsemane, kurz vor seiner Verhaftung. Ein Satz, der Wachsamkeit und Vertrauen zugleich fordert. Stucki geht noch einen Schritt weiter. Er erinnert daran, dass das Schweizer Volk diese Haltung eigentlich längst kennt und sie sogar singt. «Betet, freie Schweizer, betet» heisst es im Schweizer Psalm, der Landeshymne. Für Stucki ist das kein Zufall, sondern ein kulturelles Fundament, das im Alltag allzu oft vergessen geht.

1,7 Sekunden reichen

Die Agentur C vertraut auf ein Medium, das auf den ersten Blick altmodisch wirkt: das Plakat. Aber Stucki kennt seine Wirkung genau. «1,7 Sekunden reichen, um 13 Worte zu lesen», sagt er. «Die Plakate lesen auch die, die sie nicht lesen wollen.» Das ist keine Drohung, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme dessen, wie öffentlicher Raum funktioniert. Wer an einer Bushaltestelle wartet, wer im Auto vor der roten Ampel steht, wer gedankenverloren durch die Fussgängerzone schlendert – dem begegnen die gelb-blauen Plakate.

Seit 1985 – und kein Ende in Sicht

Gegründet 1985 in Lyss, hat die Agentur C seither Hunderttausende von Menschen erreicht. Initiator war der erfolgreiche Geschäftsmann Heinrich Rohrer. Er erfand das Putzmittel Sipuro (Siphon-Putzen-Rohrer) und führte ein florierendes Drogerieunternehmen. In den 80er- Jahren fand er zum Glauben und gründete zusammen mit anderen die «Agentur für Christus», heute Agentur C genannt. Das Ziel ist bis heute, Gottes Wort in der Schweiz an jeden Ort zu bringen. «Gottes Wort kommt weder aus der Mode noch leer zurück», ist Stucki überzeugt.

Stuckis Plakate kommen jedoch nicht überall an. Als 2006 vor dem Inselspital in Bern ein Plakat mit dem Psalmwort «Der Gottlose hat viele Plagen; wer dem Herrn vertraut, wird seine Güte erfahren» hing, stiess Stucki auf Kritik. Man unterstellte der Agentur, damit Schuldgefühle bei den Patienten auslösen zu wollen. Der Bieler SP-Stadtrat Mohamed Hamdaoui kritisierte die Kampagne und wollte ein Verbot in den städtischen Bussen prüfen lassen. Was wiederum rechtsbürgerliche Kreise aufs Parkett rief. Zu den Kritikern gehört auch der Sektenspezialist Hugo Stamm, der die Kampagnen als «naiv» und «missionarisch» bezeichnet.

Die Plakate hängen ab Ende April. Wer hinschaut, wird sie sehen. Ob man will oder nicht.

 

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