Logo
Kirche

Eine musikalische Herausforderung

Die Kirchenvorsteherschaft von Evangelisch Arbon beschäftigt sich mit der Restaurierung der Orgel – der grössten im Kanton Thurgau. Organist Simon Menges wünscht sich, dass sie wieder etwas charmanter klingt.

Simon Menges ist seit sieben Jahren Organist in der evangelischen Kirche in Arbon und ein international gefragter Musiker. Seit Wochen treibt ihn aber noch ein anderes Thema um: Die Restaurierung «seiner» Orgel. Mit über 60 Registern ist sie die grösste Orgel im Kanton Thurgau. Die Kuhn-Orgel ist zwar seit ihrem Baujahr 1924 verschiedentlich restauriert worden, aber «jetzt muss man wieder die Lederteile austauschen und das Instrument reinigen. » Die Restaurierung ist keine Kleinigkeit; die Kirchenvorsteherschaft beschäftigt sich seit Wochen mit dem Vorhaben. Für Menges ist die Restaurierung eine Herzensangelegenheit. Seit 1924 sei die Orgel leider zweimal klanglich stark verändert worden. Am liebsten möchte er, dass das Instrument wieder seinen ursprünglichen, romantischen Klang erhält. «Die Orgel würde dann etwas charmanter klingen als heute, wo sie manchmal doch ziemlich laut und scharf daherkommt.»

In der Orgelklasse verliebt

Auf einer Orgel in romantischen Klangfarben spielt seine Frau, die gebürtige Südkoreanerin Eun-Hye Lee. Sie ist seit fünf Jahren Organistin an der katholischen Johannes-Kirche in Weinfelden. «Es war Liebe auf den ersten Blick», sagt Eun-Hye Lee. «Dieses Instrument ist eine Persönlichkeit, sein Klang berührt meine Seele. Ich war vom ersten Moment an vernarrt in diese Orgel.» Kennengelernt haben sich die beiden in Berlin, als sie beide in derselben Orgelklasse und Assistenzorganisten am Berliner Dom waren. Das Paar ist auch insofern eine Besonderheit, als Simon Menges als Katholik in einer evangelischen Kirche den Orgeldienst versieht und Eun-Hye Lee als Reformierte in einer katholischen Kirche Organistin ist. Doch das ist für beide kein Problem. Im Gegenteil: «Die jeweils andere Liturgie ist eine Bereicherung. Man kann nur lernen», sind sie sich einig.

Jodellieder improvisiert

In beiden Kirchen suchen die Pfarrer die Lieder für den Gottesdienst aus. Aber die Organisten können auch ihre Vorschläge bringen. Simon Menges improvisiert sehr gerne, auch während des Gottesdienstes, zum Beispiel am vergangenen Erntedank-Sonntag. «Der Jodelklub trat auf. Ich wollte zwar etwas Klassisches spielen. Aber das hätte die ganze spezielle Atmosphäre zerstört. Dann habe ich halt Jodellieder improvisiert.» Offen sind die beiden auch für Popularmusik in den Kirchen. Aber, sagt Eun-Hye Lee: «Man muss Sorge tragen zu den Traditionen. Die Jugendlichen interessieren sich sehr wohl für Choräle.» Gegenseitige Toleranz und Offenheit seien jedenfalls sehr wichtig, betont Simon Menges.

Konzerte in London und Paris

Menges hat kürzlich sein Masterstudium in Chorleitung in Zürich abgeschlossen und seine Konzerttätigkeit als Organist und Pianist deshalb etwas reduzieren müssen. Das soll sich aber bald wieder ändern. Er möchte anknüpfen an seine erfolgreichen Konzerte in grossen Kathedralen wie zum Beispiel in St. Pauls in London und Notre Dame in Paris. Als nächstes steht ein gemeinsames Konzert in Düsseldorf in der Agenda. Darüber hinaus engagieren sich beide in ihren Kirchgemeinden: Simon Menges hat das Internationale Orgelfestival Arbon ins Leben gerufen und Eun-Hye Lee gestaltet zusammen mit Daniel Walder, dem Kantor der Evangelischen Kirchgemeinde Weinfelden, den traditionellen, ökumenischen Abendmusikzyklus. Und dann ist da auch noch Anna, die im November 2016 geborene Tochter: Sie erfordert zurzeit die ganze Aufmerksamkeit des Paares und stellt den Musikerhaushalt gelegentlich tüchtig auf den Kopf.

 

(Esther Simon, 20.10.2017)