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Kirche

Irdische Schätze können zu himmlischen werden

Die irdischen Schätze für Gutes nutzen und himmlische Schätze sammeln, heisst die Botschaft, die Pfarrer Gottfried W. Locher am Dienstag, 31. Oktober 2017, in der vollen evangelischen Kirche in Weinfelden weitergab.

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Der Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK hielt die Predigt am Festgottesdienst der Evangelischen Landeskirche des Kantons Thurgau zu «500 Jahre Reformation». Die evangelische Kirche Weinfelden war mit 600 Gottesdienstbesucherinnen und -besuchern voll besetzt. Gekommen waren den Behörden und den Mitarbeitenden von Kirchgemeinden und Landeskirche auch namhafte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens im Kanton Thurgau. Die Thurgauer Politik war mit drei Regierungsräten und einer Mehrheit der Thurgauer Vertretung in den Eidgenössischen Räten präsent. Das war auch für Gastprediger Pfarrer Gottfried Locher neu. «Ich habe noch nie vor einer beschlussfähigen Kantonregierung gepredigt», stellt er zu Beginn seiner Predigt fest und sorgte damit für Heiterkeit.

 

Reformationskantate «Wach auf, wach auf»

Der Abendmahlsgottesdienst wurde festlich umrahmt mit einer Uraufführung. Der Musikpädagoge und Chorleiter Ruedi Keller aus Neukirch an der Thur hatte eigens für das Jubiläum das Reformationslied «Wach auf, wach auf, `s ist hohe Zeit» von Ambrosius Blarer neu arrangiert. Die Aufführung der neuen Kantate wurde geleitet von Dirigent Albert Hartkamp. Gesungen wurde sie vom Kirchenchor Neukirch an der Thur. Anschliessend an den Gottesdienst waren die Besucherinnen und Besucher zu einer Kürbissuppe und zu einem Glas Most auf dem Platz beim evangelischen Kirchgemeindehaus eingeladen.

 
Luthers «Hammerschläge»

Eingeleitet wurde der Festgottesdienst von Kirchenratspräsident Pfarrer Wilfried Bührer, der nach einleitenden, modern arrangierten Orgelklängen zum Luther-Lied «Ein feste Burg ist unser Gott» die entsprechenden Verse aus Psalm 31 aus der neuesten Übersetzung der Luther-Bibel vorlas. Bührer stellte fest, dass die «Hammerschläge» an die Schlosskirchentüre von Wittenberg vom 31. Oktober 1517 auch im Thurgau damals eine intensive theologische Debatte ausgelöst hätten. Martin Luther und der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli seien die Leitfiguren gewesen.

Liturgisch mitgestaltet wurde der Gottesdienst von Pfarrerin Sarah Glättli aus Erlen. Sie leitete unter anderem die Abendmahlsfeier und wählte als Text für die Lesung die Stillung des Seesturms durch Jesus in Matthäus 8, 23-27. Die Menschen von damals liess die Sturmstillung die Frage stellen: «Was ist das für ein Mann, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind?»

Predigt von Pfarrer Dr. Gottfried Locher

Pfarrer Dr. Gottfried W. Locher predigte im Festgottesdienst zu Matthäus 6, 19-21, einem Bibeltext der vom Sammeln von irdischen und himmlischen Schätzen handelt und zu bedenken gibt, dass dort, wo der Schatz des Menschen ist, auch sein Herz ist.

An den Anfang seiner Predigt stellte Gottfried Locher im Blick auf 500 Jahre Reformation und reformierte Kirchen die Dankbarkeit für «500 Jahre Evangelium in Wort und Tat». Die Kirche habe in dieser Zeit viel Gutes weitergegeben, zum Beispiel auch an arme und kranke Menschen. Viele Menschen hätten durch das Evangelium Kraft und neue Hoffnung für ihr Leben erfahren. In der Seelsorge seien viele durch Menschen der Kirche begleitet worden. Taufe, Abendmahl und das Lesen der Bibel in einer für alle verständlichen Sprache bezeichnete Locher als Quellen der kirchlichen Gemeinschaft. Dem Abendmahl, wie es von den Reformatoren eingesetzt wurde, misst Locher eine besondere Bedeutung zu: «Brot und Wein werden geteilt, mit Gott und den Menschen.» In seinem Dank weitete Locher den Blick über die letzten 500 Jahre hinaus: «Die Reformation verstand sich als Erneuerung und erneuern kann man nur, was es schon gegeben hat.»

Wie steht das mit den irdischen Gütern?

In der Folge liess sich Locher auf den Gegensatz von «irdischen» und «himmlischen» Schätzen ein und hielt fest, dass Matthäus davon überzeugt gewesen sei, dass es nur ein Entweder-Oder gebe: Entweder sammle ein Mensch irdische Schätze oder himmlische. Heinrich Bullinger, der Nachfolger des Zürcher Reformators Ulrich Zwingli, habe dagegen «vom behaglichen Genuss irdischer Güter» gesprochen. In der Folge sprach Gottfried Locher die Predigthörerinnen und -hören persönlich an: «Wo ist Dein Schatz?». Er sprach eine breite Palette an: Das teure Auto, Einfluss und Verwaltungsratsmandate, Anerkennung und Ansehen…Auch sich selbst schloss Locher ein, wenn er als Prediger darauf bedacht wäre, danach den Satz zu hören: «Herr Pfarrer, diese Predigt war gut.»

Zu «Tätern» des Evangeliums werden

Mit seiner Radikalität meine der Evangelist Matthäus, dass es gelte, sein Herz nicht an irdische Schätze zu hängen. Es sei aber durchaus denkbar, die irdischen Schätze für gute Zwecke zu nutzen und so himmlische Schätze zu sammeln. Wer himmlische Schätze sammle, sei in gewissem Sinne «hochherzig». Locher gab auch gleich eine Anleitung dazu. Himmlische Schätze sammle, wer von seinem Besitz verschenke, wer sich selbst, anderen Menschen und Gott Zeit schenke und wer Liebe in Form von Aufmerksamkeit, Nächstenliebe und Sorgsamkeit verschenke. Die schwerste Form der Liebe sei dabei die Feindesliebe.

Locher ermutigte die Festgemeinde, zu «Tätern» des Evangeliums zu werden: «Alltag und himmlisches Reich gehören zusammen. Der Umgang mit Ihrem Portemonnaie hat etwas mit dem Sammeln von himmlischen Schätzen zu tun.»

Nicht auf leichte Schulter nehmen

Zum Abschluss seiner Predigt öffnete Gottfried Locher den Blick für die weltweite Kirche und berichtete von seinem Besuch im Nahen Osten, wo in Syrien, in Irak und Aegypten christliche Kirchen und menschliche Gemeinschaften bedroht seien, die seit mehr als 500 Jahren Bestand gehabt hätten. Bezogen auf die Zukunft der christlichen Kirchen in der Schweiz mahnte Locher, es nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, wenn die Gottesdienstgemeinde in den Kirchen zurückgehe. Die Situation in der Welt mache auch deutlich, dass es nicht selbstverständlich sei, wenn Christen ihren Glauben ohne Angst leben könnten. Dieser «Ernst der Lage» sei den Kirchen in der Schweiz und in der Welt als Auftrag gegeben: «Dabei begleitet uns die Zusage unseres Herrn, dass er bei uns bleiben wird.»

 

(Ernst Ritzi, 03.11.2017)