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Gesellschaft

«Die Debatte über das Fliegen verstellt den Blick auf das grosse Ganze»

Das Reisen mit dem Flugzeug gerät immer stärker in die Kritik. Auch die Vertreter kirchlicher Organisationen fliegen um die Welt - obwohl die Bewahrung der Schöpfung hoch auf Ihrer Agenda steht. Chris Ferguson, Generalsekretär der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WGRK), räumt die Notwendigkeit der Diskussion ein, will auf das Fliegen jedoch nicht verzichten.

Herr Ferguson, Ihre Organisation ist weltweit vernetzt, Vertreter der Mitgliederkirchen fliegen um die Welt zu Treffen und Konferenzen. Hat die Debatte über Flugscham Auswirkungen auf die Reisetätigkeit Ihrer Organisation?
Die Debatte über das Fliegen ist wichtig. Wir bemühen uns, auf Flugreisen möglichst effizient verschiedene Treffen unter einen Hut zu bringen. Aber als Netzwerkorganisation, die Christen weltweit verbindet, können wir auf persönliche Treffen nicht verzichten. Würden wir die Menschen nicht zusammenbringen, hätten wir keine Chance, die grossen Probleme dieser Welt zu lösen. Dazu gehört der Kampf gegen den Klimawandel aber auch der Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit. Und die Frage, wie wir das Wirtschaftssystem verändern können, um wirklich Verbesserungen für Mensch und Umwelt zu erreichen.

Unternehmen setzen vermehrt auf Videokonferenzen und teilen Dokumente über das Internet. Ist das für Sie eine Lösung?
Wir machen auch vermehrt Gebrauch von diesen Möglichkeiten. Aber sie lassen sich nur begrenzt einsetzen. Denn unsere Mitglieder sind teils in Regionen dieser Welt aktiv,  in denen die Internetverbindung für derartige Dienste nicht ausreicht. Rund 80 Prozent unserer Mitglieder leben im Süden des Globus. Hilfsmittel wie Skype und Whatsapp sind hingegen Instrumente des Nordens. Auch gibt es bei Videokonferenzen Sprachbarrieren. Bei unseren Treffen und der Generalversammlung, bei der alle sieben Jahre hunderte Vertreterinnen und Vertreter zusammenkommen, haben wir Dolmetscher. Das ist wichtig, sonst würden diejenigen, die Englisch sprechen, die Debatten dominieren.

Erleben Sie die Debatte über das Fliegen als eine Debatte, die nur in nördlichen Wohlstandsgesellschaften geführt wird?
Es ist schon eine Debatte der Mittelklasse. Was mich stört, ist, dass sie den Blick verstellt auf das grosse Ganze. Wichtige Themen geraten in den Hintergrund.
Ein Beispiel: Als Greta Thunberg ans Weltwirtschaftsforum nach Davos reiste, interessierten sich die Medien vor allem dafür, dass sie den Zug wählte. Dabei hatte Greta Thunberg viele andere wichtige Botschaften im Gepäck. Die Welt ist so komplex und die Menschen müssen sich derart schwierigen Herausforderungen stellen. Anders als früher kann man den Kindern in der Sonntagsschule heute nicht mehr sagen, es reicht, wenn ihr Bäume pflanzt und den Bus nehmt. Die Debatte über das Fliegen gaukelt eine einfache Lösung vor und lenkt ab.

Ist der Verzicht aufs Fliegen nicht für viele ein erster Schritt, um selbst etwas zu verändern?
Natürlich ist es immer einfach, mit leichten Massnahmen anzufangen. Banken kann man problemlos dazu überreden, auf jedem Flug ihrer Mitarbeiter die entstandenen Treibhausgase zu kompensieren und Geld in Umweltprojekte zu stecken. Aber wir müssen mit den Banken über andere Themen sprechen: Ethische Investitionen zum Beispiel. Diese Frage betrifft im übrigen auch die Kirche: Wie investieren die kirchlichen Pensionsfonds ihr Geld, investieren sie in fossile Brennstoffe?

Heisst das, in Ihrer Organisation werden Flüge nicht kompensiert?
Sicher sollten wir künftig mehr Rechenschaft ablegen über unsere Flugtätigkeit und ihre Auswirkungen. Was die Kompensation von Treibhausgasen angeht, gibt es keine generelle Regelung. Es ist eine kontroverse Angelegenheit. Einige unserer Mitgliederkirchen legen Wert darauf zu kompensieren. Andere sind jedoch der Ansicht, dass die Kompensation von Treibhausgasen nur das Gewissen beruhigt, ohne der Krise gerecht zu werden, mit der wir uns auseinandersetzen müssen.

Was braucht es Ihrer Ansicht nach?
Wir müssen das ganze Wirtschaftssystem ändern, um wirklich etwas zu erreichen
Es geht um Themen wie Besteuerung, die ungleiche Verteilung von Reichtum. Die Einsicht, dass das ewige Streben nach Wachstum den Planeten zerstört und davon eine kleine Minderheit profitiert, während die Mehrheit Schaden nimmt.  Themen, die übrigens die Schüler der Fridays-for-Future-Bewegung stark umtreiben. Die Debatte über das Fliegen darf nicht dazu führen, dass sich Christen nicht mehr vernetzen. Und dass der Norden und der Süden nicht mehr miteinander über den nötigen Wandel der Welt sprechen.

Cornelia Krause, reformiert.info, 25. Juli 2019


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