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Gesellschaft

Ein Erfolgskonzept für alltägliche Probleme von Migrantinnen

Der Verein Femmes-Tische leitet seit über 20 Jahren an zu einem einfachen Mittel: Probleme aus dem Alltag im kleinen Rahmen unter Seinesgleichen bereden.

Was beschäftigt im Alltag? Ernährung und Bewegung, psychische Gesundheit, Kindergarten, gesund sein und bleiben: Diese Themen stehen zuvorderst bei vielen Frauen von zugewanderten oder in die Schweiz geflüchteten Familien. Das zeigt eine Auswertung der Organisation «Femmes-Tische».

Grundlage ist nicht eine Studie, sondern das Angebot von Femmes-Tische selbst. Trotzdem sind die Zahlen eindrücklich: 2164 Gesprächsrunden wurden gemäss dem Jahrsbericht 2018 durchgeführt. Unterstützt von 334 Moderatorinnen und Moderatoren redeten dabei knapp 13'000 Teilnehmende miteinander, an 30 Standorten von der West- bis in die Nordostschweiz – und in über 20 verschiedenen Sprachen.

Seit 22 Jahren erfolgreich
Für Dubravka Lastric, Standortleiterin in Langenthal, ist der Erfolg des bereits 22 Jahre existierenden Konzeptes nachvollziehbar. Sie kam selbst aus Kroatien vor 20 Jahren in die Schweiz und sagt: «Ich bin überzeugt, dass mein Weg um einiges einfacher gewesen wäre, hätte es damals in meiner Gemeinde Femmes-Tische gegeben.»

In Lastrics Augen zeigt der fortlaufende Erfolg des Angebots in Zeiten der elektronischen Kommunikationskanäle ausserdem etwas Entscheidendes: «Der zwischenmenschliche, direkte Kontakt hat eine grosse Bedeutung und kann durch nichts ersetzt werden.» Ausserdem ermögliche die Nähe der Moderatorinnen und Moderatoren zu den Leuten, aktuelle Themen rasch aufzunehmen.

Vertrauen als Basis
Doch wie funktioniert das? Und warum reichen die zahlreichen Angebote von staatlichen und anderen Institutionen und Organisationen offenbar nicht? «Zentral ist, was für Personen die Moderatorinnen und Moderatoren sind», sagt Femmes-Tische-Geschäftsführerin Isabel Uehlinger. Sie müssten insbesondere gut vernetzt und bekannt sein in ihren «Communities» und eine hohe Glaubwürdigkeit geniessen.

Zu den Gesprächsrunden kommt es dann sehr direkt und persönlich. Die Moderatorinnen und Moderatoren sprechen selbst Personen an, die sich dafür interessieren könnten, oder laden diese ein. Fast drei Fünftel der maximal anderthalb Stunden dauernden Treffen finden in Wohnzimmern statt. Die übrigen halb- oder ganz öffentlichen Orten sind oft auch religiöse Zentren. Und zusammen kommen möglichst nicht mehr als sieben Personen.

Grossteils in Fremdsprachen
«Das Vertrauen und der kleine, geschützte Rahmen sind wesentliche Erfolgsfaktoren», hält Isabel Uehlinger fest. Ausserdem solle es auch Spass machen: Neben den sachlichen Inputs von den moderierenden Leuten hat es durch die Bedingungen immer auch viel Platz für die persönlichen Anliegen aller Beteiligten und spontane Entwicklungen. Geführt werden die Gespräche zum grossen Teil nicht auf Deutsch, sondern in den Muttersprachen der Mitmachenden.

Für solche niederschwelligen Angebote für Alltagsfragen unter Migrantinnen und Migranten haben andere Organisationen offenbar oft zu wenig Ressourcen. Darauf weist die Tatsache hin, dass Femmes-Tische häufig von staatlichen Stellen, Organisationen und Institutionen im Bildungs-, Integrations- oder Gesundheitsbereich angeboten werden. «Dazu müssen sie eine Lizenz für 3000 Franken kaufen und zahlen einen jährlichen Mitgliederbeitrag von 1000 Franken an das Netzwerk», sagt die Femmes-Tische-Geschäftsführerin. Als Gegenleistung gibt es eine Einführung und ein Coaching nach Bedarf im ersten Jahr, ausserdem Material wie Kärtchen und Filme zu bestimmten Themen für die Gesprächsrunden und regelmässige Möglichkeiten für den schweizweiten Erfahrungsaustausch unter den Moderierenden.

Gemeinnütziges Franchise-System
Damit ist der gemeinnützige Verein Femmes-Tische aber noch nicht finanziert. Denn trotz des Franchise-Systems ist er eben kein profitorientiertes Unternehmen. Nationale Förderpartner sind das Staatssekretariat für Migration, das Bundesamt für Gesundheit, Gesundheitsförderung Schweiz, Caritas und das Schweizerische Rote Kreuz. «Viele Standorte arbeiten auch mit Kirchgemeinden zusammen, die zudem zu den Spendenden zählen», sagt Uehlinger. Dass das Konzept insgesamt ein Erfolg ist, zeigt auch das permantente Wachstum: «Wir bauen zurzeit Standorte im Tessin auf.» Ausserdem gibt es nicht nur Frauenrunden: Seit 2014 sind neben Femmes-Tischen an 29 Standorten auch bereits sieben Männer-Tische entstanden.

Marius Schären, reformiert.info, 18. Oktober 2019

www.femmestische.ch