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Religionen

Das Birchermüesli – ein göttlicher Speiseplan

Von der veganen Schöpfung über den Aufruf zum fröhlichen Schlemmen bis zum Abendmahl: Es geht in der Bibel oft um Essen und Trinken. Gestillt wird dabei auch der Hunger nach Gemeinschaft.

Für Liebhaber blutiger Steaks und für Fonduefans sind es schlechte Nachrichten: Gott hatte eine vegane Vision für seine Schöpfung. So beschreibt es zumindest die erste Erzählung der Bibel. Gott schuf Himmel und Erde mit  einer klaren Vorstellung davon, was seine
Geschöpfe essen sollen. Zu den Menschen sagte Gott: «Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen
tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen.» (Gen 1,29) Und auch für die Tiere standen Pflanzen auf dem Speiseplan.

Paradiesisches Birchermüesli
Der berühmte Ernährungsreformer Dr. Bircher-Benner würde wohlgefällig nicken, wenn er diese Zeilen lesen könnte. Das Menü von Adam und Eva war ein Birchermüesli. In Bircher-Benners Originalrezept wurden Samen (Haferflocken) mit einem zerriebenen Apfel (vorzugsweise mit Kernen) vermischt. Einzig die Kondensmilch ist nicht biblisch. Und was ist mit dem Salami?

Blutwurst bleibt tabu
Es ist kein Zufall, ändert der Speiseplan des Menschen nach der Sintflut. Das Zorngericht erging, weil sich die Menschen als böse entpuppten. Im Bund mit Noah erlaubte Gott doch noch den Fleischgenuss: «Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das grüne Kraut habe ich es euch alles gegeben.» (Gen 9,3) War das ein Zugeständnis an die verhinderten Veganer? Immerhin schränkte Gott sogleich ein: «Allein esst das Fleisch nicht, das noch lebt in seinem Blut.» (Gen 9,4)

Jesus isst sich regelrecht durchs Evangelium.

Blutwurst und Tatar bleiben tabu. Wir stossen hier auf ein erstes, elementares Speisegebot im Alten Testament: Fleisch muss durchgegart sein. Und es sind noch viele weitere, die folgen. Von den 613 Geboten, an die sich orthodoxe Juden bis heute halten, drehen sich viele ums Essen und Trinken. Einige Tiere gelten als rein, andere als unrein, wie zum Beispiel der Storch (Dtn 14,18). Wir wissen nicht, was die Kriterien für diese Auslese war.

Wenn der Löwe Stroh frisst
Bemerkenswert ist aus heutiger Sicht der ursprüngliche Wille des Schöpfers zu einer blutfreien Kost. Anders als bei den vertrackten Reinheitsvorstellungen muss man nicht lange über die Gründe rätseln: Wer sich von Samen und Gräsern ernährt, tut keiner Fliege etwas zuleide. Auch wenn es uns schwerfällt, es zu akzeptieren: Selbst wer nur eine Olma-Bratwurst verzehrt, nimmt in Kauf, dass dafür ein Tier sterben musste. In Gottes neuer Schöpfung aber wird es keine Metzgereien mehr geben. Denn vom Ideal der Gewaltfreiheit künden die Hoffnungsbilder einer zukünftigen Welt ohne Tod und Geschrei. Dann sollen Wolf und Lamm zusammen weiden, der Löwe Stroh fressen wie ein Rind und die Schlange Erde. So weissagte der Prophet Jesaja.

Herz als Quelle der Unreinheit
Es ist also nicht gleichgültig, was wir essen und trinken. Davon zeugt das Alte Testament. Umso erstaunlicher ist es, wie unbekümmert Jesus in dieser Frage war. Von den Reinheitsgeboten der Pharisäer hielt er nicht viel. Nicht was der Mensch esse, mache ihn unrein, sondern was aus ihm herauskomme. Die Quelle der Unreinheit sei das Herz. Daraus kämen böse Gedanken und Mord, Ehebruch und Diebstahl, falsches Zeugnis und Lästerung (Mt 15,17-19). Ähnlich äusserte sich Paulus. Von den «Feinden des Kreuzes» behauptete er, sie gehorchten dem «Gott des Bauches» (Phil 3,19). Mit dem Bauch kann auch der Darm gemeint sein, oder der Penis. Der Bauch ist eine Metapher für die «fleischliche Gier».

Jesus, der Fresser und Säufer?
Wie passt das zum Vorwurf, dass Jesus ein Fresser und Säufer gewesen sein soll? (Mt 11,19) Es war üble Nachrede! Die griesgrämigen Johannesjünger nahmen es ihm übel, dass er nicht wie ihr Meister von Heuschrecken und Wildhonig lebte. Tatsächlich isst sich Jesus regelrecht durchs Evangelium. Mahlgemeinschaften gehörten zu seinem Leben und waren Teil seiner Botschaft, Gottes Reich sei nahe. Jesus war genussfreundlich.

Das Lob des Weines zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel.

Doch Fleisch wurde ihm selten aufgetischt. Die Menschen lebten damals vor allem von Getreide, Linsen und Bohnen. Gemüse war abgesehen von Knoblauch, Zwiebeln und Gurken nicht weit verbreitet. Vereinfacht gesagt: Brot war das Grundnahrungsmittel. Und was hat man getrunken? Natürlich Wasser. Wer es vermochte, genehmigte sich ein wenig verdünnten Wein. Das Lob seiner heilenden und erheiternden Wirkung zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel. 

Mehr als Brot und Wein
Mit Brot und Wein sind wir bei den Zutaten des Abendmahls. In der Nacht, als er verraten wurde, ass Jesus mit seinen Jüngern – allerdings nicht nur Brot und Wein. Es war ein richtiges Abendessen. Und so hielten es auch die frühen Christen. Das Abendmahl war eine Mahlgemeinschaft, zu der jede und jeder etwas beitrug, eine sogenannte Agape-Feier. Wer zur Gemeinde gehörte, brachte sein Essen mit. Man ass, was gesammelt wurde, Resten wurden an die Armen verteilt. Die Aufteilung in eine weltliche und eine heilige Speisung setzte sich erst im dritten Jahrhundert durch.

Abendmahl für Leib und Seele
Die Entwicklung zu einem heiligen Essen, das in erster Linie die Seele sättigte, hatte eine gewisse Logik. Je grösser die Gemeinden wurden, desto schwieriger erwies sich eine Verköstigung. Wenn in unseren Kirchen seit einigen Jahren wieder mit der ursprünglichen Form experimentiert wird, hat das sicher seinen Reiz. Es stösst aber an dieselben Grenzen. Man soll bei aller Sympathie für ganzheitliche Feiern den Symbolgehalt des Abendmahls nicht geringschätzen. In vielen Gemeinden werden beide Formen gepflegt – die Mahlgemeinschaft, bei der es Gutes zu essen und zu trinken gibt, und die Mahlgemeinschaft, in der die Gebetshaltung und die Gegenwart Christi im Zentrum stehen. Beides ist schön, beides tut gut.

«Du sollst fröhlich sein»
Ob Weihnachtsessen oder Kirchenkaffee, Mittagstisch oder Gemeindepicknick – wir sollen fröhlich sein vor dem Herrn. So lautet das Gebot. Das fünfte Buch Mose ist eine Anleitung zum Festen. «Du sollst fröhlich sein», wird im Kapitel 12 wieder und wieder gesagt. Im selben strengen Ausdruck wie in den zehn Geboten macht das Gesetz – ja, das Gesetz! – Festfreude zur Pflicht. Einige Verse sind völlig ungeeignet für Alkoholiker. Wein und Bier werden ausdrücklich genehmigt (Dtn 14,26). Die Suchtgefahr stand damals nicht im Vordergrund, denn die wenigsten konnten sich den Dauerkonsum alkoholischer Getränke leisten.

Birchermüesli gegen Einsamkeit
Was uns heute wohl noch mehr zu schaffen macht als die Sucht, ist die Einsamkeit. Ist nicht sie der wahre Hunger, aus der auch die Sucht kommt? Der Nachdruck, mit dem die Bibel Gemeinschaft beschwört, ist ein Aufruf zu einer Fülle und Lebensfreude, die wir auch beim gemeinsamen Essen und Trinken erfahren. Wir geniessen und teilen das, was den Leib zusammenhält. Liebe, die von Herzen kommt, geht auch durch den Magen. Warum nicht einmal mit einem Birchermüesli?

 

Text: Ralph Kunz | Foto: pd   – Kirchenbote SG, Februar 2020

 

Ralph Kunz

Ralph Kunz ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Zürich. Am 11. Mai organisiert er mit der Evangelischen Kirche Schweiz eine Tagung zum Thema «Nährende Bilder im Abendmahl». Auskunft erteilt: ra.kunz@bluewin.ch 

 


Von Jürg Hartmann erfasst am 28.11 2019 21:42

Zum Thema "Glaubensvorstellungen"

Fragen an Buddha Fragen an Allah Fragen an Gott Fragen an Manitou Fragen an Mohammed Fragen an das Göttliche im Menschen Wenn ich mir vorstelle, das Göttliche würde mir gegenübersitzen, was wäre dann? So setze ich mich hin und bitte das Göttliche, mir gegenüber Platz zu nehmen. Die Stühle sind bequem, sehr geeignet, ganz hier zu sein. Ganz. Da sitzen wir zwei, schweigsam, nachdenklich aber ganz da. Mich sieht man gut, mich erkennt man gut, das Göttliche aber lässt weder Worte noch Bilder zu, denn in Worte und Bilder gefasst ist das Göttliche nicht mehr göttlich sondern menschlich. Für unsere Kinder sind die Bilder wichtig und notwendig, für erwachsene Menschen bezweifle ich das ernsthaft. Die Antworten aber, die kann ich hören, vielleicht auch wahrnehmen, das reicht, muss reichen. Und so komme ich zu meiner ersten Frage: «Ich weiss, ich könnte Dich jetzt fragen, warum Du all das Schreckliche, Böse und Teuflische auf dieser Welt zulässt, die Kriege, die Gewalt, Vernichtung und Tod. Doch genau diese Frage stelle ich jetzt nicht. Ich versuch’s also andersherum. Ich frage Dich und nur Dich: Wie kommt es denn, dass wir Dich immer wieder fragen, was ich fragen könnte wie oben erwähnt. Wie also kommt das?» Das Göttliche ist irgendwo im Raum, meine ich, seine Stimme aber kann ich klar und deutlich hören, das ist die Hauptsache, und damit höre ich auch seine Antwort. ES sagt: «Deine Frage ist gut, lieber Mensch, ich denke nach. Kannst Du Dir vorstellen, welcher Art meine Gedanken hier sind?» Ich bin überrascht. Da stelle ich ihm eine meiner ganz wichtigen Fragen und nun soll ich mir vorstellen, was ES meint, was ES denkt. Komisch, ungewohnt, ich weiss nicht recht und bin verwirrt. So antworte ich: «Du siehst, Deine Antwort macht mich wirr, die Worte in meinem Kopf fliegen kreuz und quer und suchen nach einer Ordnung. Das will nun heissen, ich denke nach, ich denke laut nach, dann kannst Du meine Gedanken gleich mithören. Also: Deine Antwort wirkt, ich beginne zu suchen, suche jedoch bei mir und in mir. So weit bin ich im Moment.» Das Göttliche antwortet sofort: «Ganz genau, Du hast es erkannt denn Du suchst bei Dir. Du suchst nicht in den Wolken, hinter denen Du mich vermutest, Du suchst nicht beim Papst, meinem angeblichen Stellvertreter auf Erden, Du suchst nicht aussen, sondern innen, das ist der Punkt!» Damit bin ich wieder allein im Raum, allein mit meinen Fragen, ganz auf mich zurückgeworfen, auf mich gestellt. Vielleicht ist das der Punkt, vielleicht ist das die Antwort des Göttlichen an mich: «Geh auf die Suche, immer wieder, und suche in Dir, mit Dir und natürlich auch zusammen mit anderen Menschen. Doch bleib auf der Suche, immer.»

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