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Kirche

Warum Schweizer selten an Kirchentage gehen

In Deutschland ist Kirchentag, und alle gehen hin. In der Schweiz ist das Interesse verhaltener und Glaube Privatsache. Entsprechend fehlen die Massen. Für einen gesamtschweizerischen ökumenischen Kirchentag sieht Christina Aus der Au, Präsidentin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, aber Potenzial.

Von Karin Müller

Der Deutsche Evangelische Kirchentag DEKT ist ein Event der Superlative. Zur 35. Ausgabe in Stuttgart kamen letztes Jahr hunderttausende Besucher, 95 000 wohnten allein dem Schlussgottesdienst bei. Der Anlass wartete mit 2500 Veranstaltungen auf. Am Kirchentag zeigen sich auch immer hochrangige Politiker. Ministerpräsident Winfried Kretschmann eröffnete das Fest. Bundespräsident Joachim Gauck und Bundesminister Thomas de Maizière diskutierten auf den Podien. Letzterer sitzt zusammen mit weiteren Prominenten aus Wirtschaft und Kultur im Präsidium des Kirchentags. Neben dem DEKT feierte der Katholikentag 2016 mit 40 000 Teilnehmern seine hundertste Ausgabe.

In der Deutschschweiz sind Kirchentage bescheidenere Veranstaltungen. Der traditionsreichste ist der Bodenseekirchentag BKT, der am kommenden Wochenende zum 17. Mal stattfindet. Mit rund 150 Veranstaltungen lädt er dieses Jahr nach Konstanz-Kreuzlingen. 8000 Besucher erwartet der Kreuzlinger Pfarrer Gunnar Brendler, Mitglied der Geschäftsführung des Bodensee-Kirchentages 2016.

Der BKT, der alle zwei Jahre, und der Tag der Kirchen am Rheinknie Kirk, der alle drei bis vier Jahre stattfindet, sind die grössten und bekanntesten Kirchentage der Deutschschweiz. Ein besonderes Merkmal ist ihre ökumenische und grenzüberschreitende Ausrichtung: Der BKT wird alternierend von Deutschland, der Schweiz und Österreich aus organisiert, der Kirk von Deutschland, der Schweiz und Frankreich aus. Als der Kirk 2011 in Basel über die Bühne ging, lockte er 6500 Besucher an.

Selbstverständlich ökumenisch

Der Kirchentag zeige «dass es für Christen keine unüberwindlichen Grenzen gibt – weder geografische noch sprachliche oder politische», schrieb im Jahresbericht 2014 der reformierten Kirche Baselland Pfarrer Markus Wagner, Mitglied der Kirk-Steuerungsgruppe. Dass diese Kirchentage mit Schweizer Beteiligung «so selbstverständlich ökumenisch» sind, schätzt auch Christina Aus der Au. Die Leiterin des Zentrums für Kirchenentwicklung an der Theologischen Fakultät in Zürich präsidiert als Schweizer Reformierte den Deutschen Kirchentag, der im Jahr des Reformationsjubiläums 2017 in Berlin und Wittenberg stattfindet. Mit ökumenischen Kirchentagen tue man sich in Deutschland etwas schwerer. Bisher gab es zwei, in den Jahren 2003 und 2010.

Doch die Zukunft des trinationalen Kirk ist unsicher. Die reformierte Kirche Basel-Stadt hat angekündigt, sich nicht mehr zu beteiligen. Zu gross sei der Aufwand für eine Veranstaltung, die vor allem von Insidern besucht werde und deren Wirkung begrenzt sei. Christine Aus der Au weist darauf hin, dass auch beim Deutschen Kirchentag über 80 Prozent der Teilnehmenden zu Hause am Gemeindeleben teilnähmen. Dies zeige die Auswertung der entsprechenden Statistiken. 

Schweizer weniger politisch

Der Kirchentag in Deutschland habe von Anfang an eine politische Dimension gehabt, so Aus der Au. «Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten viele Christinnen und Christen das Gefühl, versagt zu haben, weil sie nicht wachsam genug waren. Sie wollten verhindern, dass dies wieder passiert. Die Schweizer Reformierten sind politisch zurückhaltender, bei uns ist Religion eher Privatsache.» Im Gegensatz zur Schweiz nutzen darum deutsche Politiker den Kirchentag gerne für Auftritte. Sie erhalten die Gelegenheit, vor 150 000 bis 200 000 Leuten über den Auslandeinsatz von bewaffneten Soldaten oder über Wirtschaft und Wachstum zu diskutieren.

Ein Drittel des Geldes für den Kirchentag komme in Deutschland vom Bund, den Bundesländern und den Städten, also von politischer Seite, sagt Christina Aus der Au. Das wäre in der Schweiz kaum denkbar und ist auch in Deutschland nicht mehr unumstritten. So hat etwa der Rat der Stadt Münster beschlossen, den Katholikentag 2018 finanziell nur noch mit «Sachleistungen» zu unterstützen.

Kirchentage sind Laientreffen

In der Schweiz stehe die föderalistische Struktur der Gemeinschaftlichkeit etwas im Weg. Trotzdem glaubt Christine Aus der Au, dass es möglich wäre, einen gesamtschweizerischen ökumenischen Kirchentag durchzuführen. Ein Kirchentag könne jedoch nicht von oben angeordnet werden. Das würde auch in Deutschland nicht funktionieren. Der DEKT lebe vom lustvollen Engagement Ehrenamtlicher und Freiwilliger. Nur die Mitarbeitenden der Geschäftsstelle seien von der Kirche angestellt, erklärt Aus der Au.

«Ein ökumenischer Schweizer Kirchentag könnte dazu beitragen, die Identität der Schweizer Christinnen und Christen zu festigen», meint Christina Aus der Au. Er biete zudem die Chance, über die Rolle der Schweiz in Europa und der Welt nachzudenken. Vorerst ist die Präsidentin des DEKT aber mit dem Aufbau eines europäischen ökumenischen Kirchentages beschäftigt. «Gerade jetzt, wo Europa auseinanderfällt, wollen wir mit den Menschen darüber reden, was wir zu einer europäischen Zivilgesellschaft beitragen können. Wie können wir uns über Grenzen hinweg für ein Europa einsetzen, in dem man gut lebt?» Dem Verein für einen europäischen Kirchentag gehört aus der Schweiz auch die reformierte Zürcher Landeskirche an, die für die Planung eine Sekretariatsstelle von 15 Prozent finanziert. 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».


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