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Politik

Christliche Werte stehen im Fokus

THURGAU. Kirchen, Glaube und christliche Werte bestimmen den Alltag manchmal unbemerkt. Manchmal diffus, manchmal bewusst. Das zeigt auch die Diskussion im Thurgauer Kantonsparlament.

Von Roman Salzmann

«Ich fürchte nicht die Stärke des Islam, son- dern die Schwäche des Christentums», stand am Anfang einer Interpellation im Grossen Rat, womit der Regierungsrat herausgefordert werden sollte, sich mit der Bedeutung christ- licher Werte im Thurgau auseinanderzusetzen und Stellung zu beziehen.

Freiwillige Analphabeten

Der Fragenkatalog im parlamentarischen Vorstoss unter der Führung von Andrea Vonlanthen (SVP, Arbon) war umfassend, die Antwort des Regierungsrats umfangreich, differenziert, teils wohl bewusst zurückhaltend und ausgleichend, teils bekennend. Er bekräftigt, dass «christliche Grundsätze» ausdrücklich als Leitlinien der schulischen Erziehung im Gesetz verankert seien. Er betont aber auch, dass viele Grundsätze ethischen Handelns vielschichtige Wurzeln hätten. Vonlanthen bezweifelt, dass diese Breite genügt und beklagt zusammen mit Medienschaffenden, die er in Kolumnen zitiert, dass die heutige Jugend zu «freiwilligen Analphabeten» punkto christliche Werte und Bibelwissen geworden seien.

Im Alltag leben, aber wie?

Die Diskussion im Grossen Rat zeigt, dass sich Politikerinnen und Politiker mit unterschiedlichen Standards zufrieden geben. Christa Thorner (SP, Frauenfeld) nannte als Beispiel die drei Werte Nächstenliebe, Gerechtigkeit sowie Solidarität und Barmherzigkeit, die in Politik und Wirtschaft oft unter Druck gerieten. Brigitta Hartmann (GP, Weinfelden) sah die Dringlichkeit nicht, dass im Grossen Rat über christliche Werte gesprochen wird. Brigitte Kaufmann (FDP, Uttwil) taxierte das Anliegen der Interpellanten «mehr als berechtigt», um umgehend zu relativieren: Christliche Werte müssten in verfassungsmässig garantierten Rechten eingebettet sein, wie beispielsweise der Glaubens- und Gewissensfreiheit.

«Was von Christus kommt»

Astrid Ziegler (CVP, Birwinken) bekräftigte mit weiteren Votanten, dass Werte vor allem vorgelebt werden müssten. Man müsse bewusst dafür einstehen, woran man glaube. Iwan Wüst (EDU, Tuttwil) grenzte die Diskussion ein und definierte christliche Werte als das, «was von Jesus Christus kommt». Der Staat habe gute Rahmenbedingungen zu schaffen, dass sie gelebt und vermittelt werden können. Er mahnte: «Wenn die christlichen Werte aus Rücksicht auf andere Religionen verdrängt oder verboten werden, entspricht dies nicht mehr der Toleranz der Glaubens- und Gewissensfreiheit.» Es bestehe noch grosser Handlungs- und Informationsbedarf.

Viel oder nicht viel Christentum?

Daniel Vetterli (SVP, Rheinklingen) drückte es etwas anders aus: «Das Vermitteln der Bedeutung der wichtigsten Feste im Jahreslauf wird an den meisten Orten gelebt, gerät aber in kulturell sehr heterogenen Schulen zunehmend unter Druck.» Lucas Orellano (GLP, Frauenfeld) sagte, dass viele Werte, die als christlich gälten, gar nicht christlichen Ursprungs seien; er nannte beispielsweise Eigenverantwortung, Fairness, Chancengleichheit oder Toleranz. Angesichts anderer Einflüsse bleibe vom Christentum nicht mehr viel übrig. Er wünschte, dass die aufklärerisch-humanistischen Werte gestärkt würden. Hansjörg Haller (EVP, Hauptwil) konterte, dass die Gleichwertigkeit des Menschen bereits bei Jesus Christus klar ersichtlich sei. Die Aufklärung sei nur möglich geworden, «weil es die Reformation gegeben hat». Viele soziale Errungenschaften hätten einen christlichen Hintergrund.

«Glauben Sie an Gott?»

Roland A. Huber (BDP, Frauenfeld) spitzte die Diskussion zu und fragte: «Glauben Sie an Gott?» Man könne Gott in der Diskussion um christliche Werte nicht einfach ausklammern. Sie könnten aber nicht in Gesetzes- und Schulbüchern festgeschrieben werden. Es sei nötig, dass Politiker wieder vermehrt aus dem Glauben heraus Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit geben. Jürg Wiesli (SVP, Dozwil) forderte die Ratsmitglieder auf, den christlichen Glauben aktiv zu praktizieren.