Abschied wird individuell gestaltet
Es ist ein warmer Sommertag. Die Abdankungshalle ist vollbesetzt. Einige Bekannte und Nachbarn des Verstorbenen stehen draussen vor der Türe, bekommen aber alles mit. Die Pfarrerin der Gemeinde leitet durch die Abdankungsfeier. «Im Familienkreis » hatte es in der gedruckten Todesanzeige geheissen, die neben den Verwandten und Bekannten auch die Nachbarn erhalten hatten. Auf eine amtliche Todesanzeige und auf einen öffentlichen Abdankungsgottesdienst haben die Angehörigen bewusst verzichtet.
Lieder von Johnny Cash
Im Mittelpunkt der Feier stehen der Verstorbene und sein Leben. Den Lebenslauf haben die Angehörigen verfasst. Zwei Lieder des verstorbenen US-Countrystars Johnny Cash verstärken das Bild, das die Angehörigen und die Pfarrerin vom Leben des Familienvaters zeichnen. «I Walk the Line» ertönt über die Lautsprecher. «I Walk the Line» bedeutet auf Deutsch sinngemäss «Ich bleibe in der Spur», «Ich bleibe anständig» oder «Ich gehe auf dem geraden Weg». Das passt zum Leben des Verstorbenen, der seinen Weg gegangen ist, auch wenn es nicht immer einfach war.
Auch die Botschaft der Predigt – die Liebe überdauert den Tod – wird durch einen Song von Johnny Cash verstärkt: «Ring of Fire», ein Lied, das von der brennenden Kraft der Liebe erzählt. Im abschliessenden Gebet wird die Kraft der Liebe mit Gott in Verbindung gebracht. Getröstet gehen die Menschen an der mit Blumen geschmückten Urne mit der Asche des Verstorbenen vorbei und treffen sich zu einem Imbiss im nahen Kirchgemeindehaus.
«Individualisiert und privatisiert»
Das Schweizerische Pastoralsoziologische Institut SPI St. Gallen hat den Wandel in der kirchlichen Abdankungskultur beobachtet und festgestellt, dass sich die Trauerkultur mit dem Bedeutungsverlust der Kirchen und der Zunahme an religiösen Vorstellungen und Bildern «individualisiert und privatisiert» hat. Das führt – wie Urs Winter-Pfändler in einem Blog im Jahr 2020 schreibt – dazu, dass es für Seelsorgende, die Abdankungen leiteten, «schwieriger und herausfordernder» sei, den unterschiedlichen Erwartungen der Hinterbliebenen gerecht zu werden.
So möchten sich einzelne Hinterbliebene aktiv in die Beerdigung einbringen (zum Beispiel musikalisch oder durch das Vortragen eines persönlichen Briefes an den Verstorbenen), was eine grössere Vorbereitung der Trauerfeier mit sich bringe. Andere Hinterbliebene möchten die Beerdigung im engen Familienkreis durchführen, was dem Auftrag, Gemeinde und Gemeinschaft zu bilden, entgegenlaufe.
In der Kirchenordnung der Evangelischen Landeskirche Thurgau wird die Abdankung so beschrieben: «Die kirchliche Abdankung ist ein Gottesdienst, in welchem angesichts des Todes und Leides die Erlösung durch Jesus Christus und die Auferstehung verkündigt wird. Sie tröstet die Hinterbliebenen und versichert sie der Nähe der kirchlichen Gemeinschaft. Leben und Person der Verstorbenen sollen in angemessener Weise gewürdigt werden.»
Wohl den 2014 bereits vorhandenen Entwicklungen geschuldet, lässt die Kirchenordnung «vereinfachte Abdankungen auf dem Friedhof» und «Abdankungen im Kreis der nächsten Angehörigen» und den «Verzicht auf das Glockengeläute» offen. Das lässt Spielraum, ohne den Grundgedanken der kirchlichen Abdankung aus den Augen zu verlieren. Zum Grundgedanken gehört auch der öffentliche Abschied, der mit den immer häufiger gewünschten Trauerfeiern «im Familienkreis» verlorengeht. Menschen, die nicht zu den Eingeladenen gehören, bleibt die Möglichkeit verwehrt, von einem verstorbenen Menschen Abschied zu nehmen.
Die vier Kasualien
Kasualien sind gottesdienstliche Feiern an den Wendepunkten des Lebens. Dazu gehören die Taufe, die Konfirmation, die Hochzeit und die Beerdigung.
Im Kirchenboten nehmen wir die vier Kasualien und ihre Bedeutung in der heutigen Zeit unter die Lupe. Mit dem Thema «Abdankung» findet die Serie ihren Abschluss.
(er)
Abschied wird individuell gestaltet