News aus dem Thurgau

«Achtsam und sorgsam Kirche sein»

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29.10.2020
Die Evangelische Landeskirche Thurgau hat ein Schutzkonzept zum Thema Grenzverletzungen erarbeitet. Die beiden Kirchenrätinnen Ruth Pfister und Gerda Schärer sowie Dekanin Esther Walch Schindler erzählen, welche Ziele dahinter stehen.

Sie waren Teil der Arbeitsgruppe, die das neue Schutzkonzept erarbeitet hat. Wie hat der Prozess begonnen?

Walch Schindler (Bild 1): Begonnen hat alles mit Fallbeispielen. Wir sind F√§lle von Grenzverletzungen im kirchlichen Rahmen durchgegangen, um ein Gef√ľhl daf√ľr zu bekommen. Sch√§rer: Danach haben wir alle Pr√§ventionskonzepte, die wir finden konnten, gesichtet und intensiv studiert. Dabei haben wir bei Schulen, Kantonalkirchen und anderen Organisationen in der Deutschschweiz angeklopft. Pfister: In Zweierteams wurden jeweils Themen intensiver erarbeitet, die dann in der ganzen Arbeitsgruppe pr√§sentiert, diskutiert und erg√§nzt wurden. Jedes Mitglied der Arbeitsgruppe brachte sein Wissen aus seiner Berufs- und Erfahrungswelt ein. Ein Gl√ľcksfall war auch, dass wir auf das Fachwissen von Konfliktexpertin Monica Kunz z√§hlen konnten und zuk√ľnftig z√§hlen d√ľrfen.

Weshalb wurde √ľberhaupt ein Konzept erarbeitet?

Sch√§rer (Bild 2): Man muss sagen, dass es schlichtweg noch kein Konzept gab, das genau f√ľr die Evangelische Landeskirche des Kantons Thurgau passte.

Walch Schindler: Nat√ľrlich wird in der Landeskirche des Kantons Thurgau seit vielen Jahren √ľber Pr√§vention gesprochen, jedoch war es uns ein Anliegen, das Thema st√§rker sichtbar zu machen und auch vorhandene Tabus abzubauen. Wir m√∂chten, dass offen dar√ľber gesprochen werden kann und dass die Landeskirche mit dem neuen Schutzkonzept einen grossen Teil zur Vorbeugung allf√§lliger Grenzverletzungen beitragen kann.

Was ist neu am Schutzkonzept?

Pfister (Bild 3): Es liegt nun ein Gesamtkonzept f√ľr die Evangelische Landeskirche des Kantons Thurgau vor, das aus Schulungen, Informationsmaterial, einheitlichen Massnahmen und einer Anlaufstelle f√ľr Opfer, T√§ter oder Dritte besteht.

Sch√§rer: Das Angebot dieser Anlaufstelle ist bereits ein wichtiger Teil der Pr√§vention. Betroffene wissen, wohin sie sich wenden k√∂nnen. Sie haben also bereits fr√ľh die M√∂glichkeit, Hilfe zu holen, bevor eine Grenzverletzung passiert.

Walch Schindler: Dabei ist besonders zu betonen, dass diese Anlaufstelle streng vertraulich mit den einzelnen Anfragen umgeht. Zudem soll diese Stelle sehr niederschwellig und diskret kontaktiert werden können. Besonders in der familiären Landeskirche des Kantons Thurgau ist das entscheidend.

Wie ist das Konzept theologisch begr√ľndet?

Walch Schindler: Hier haben wir uns an den theologischen Begr√ľndungen der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) orientiert. Entscheidend ist dabei, dass der Leib ¬ęein Tempel des Heiligen Geistes¬Ľ ist, wie es im 1. Korinther 6,19 steht. Dieser Leib steht als Tempel Gottes unter unbedingter Achtung und seine W√ľrde ist stets zu sch√ľtzen. Die Menschenw√ľrde darf nicht angetastet werden.

Wie reagiert das neue Konzept auf unterschiedliche Wahrnehmungen von Grenzverletzungen?

Pfister: Besonders in den Schulungen, die das neue Konzept vorsieht, werden die unterschiedlichen Wahrnehmungen thematisiert. Durch die Diskussion und die Reflexion kann die Wahrnehmung von Grenzverletzungen geschärft werden.

Walch Schindler: Beim Verständnis von Nähe und Distanz gehen die Wahrnehmungen am meisten auseinander. Die Anlaufstelle ist eine Möglichkeit, bei Unsicherheiten Hilfe und Auskunft zu holen.

Was √§ndert sich f√ľr die Kirchgemeinden konkret?

Sch√§rer: F√ľr Pfarrpersonen und ordinierte Diakone und Diakoninnen muss bei deren Neueinstellung ein Sonderprivatauszug angefordert werden. Das Konzept empfiehlt den Kirchgemeinden dar√ľber hinaus, von allen Mitarbeitenden, egal ob beruflich oder freiwillig, eine einheitliche Selbstverpflichtung einzufordern. Zudem ist in jeder Kirchenvorsteherschaft eine Person daf√ľr verantwortlich, dass das Thema der Pr√§vention regelm√§ssig besprochen wird.

Was macht diesen Sonderprivatauszug so speziell?

Pfister: Er umfasst erg√§nzend zum Privatauszug s√§mtliche Urteile, die ein T√§tigkeits- oder Berufsverbot f√ľr die Arbeit mit Minderj√§hrigen und anderen besonders schutzbed√ľrftigen Personen erlassen.

Was sind die Chancen des neuen Konzepts?

Pfister: Wir wollen achtsam und sorgsam Kirche sein. Zudem wollen wir als Kirche bereit sein, um zu handeln, wenn es nötig ist.

Walch Schindler: Wir hoffen, dass wir eine Vorarbeit geleistet haben, die es den einzelnen Kirchgemeinden vereinfacht, vor Grenzverletzungen zu sch√ľtzen und im Notfall zu handeln.


(Interview: Micha Rippert)

 

Mehr zum Thema:
Grenzverletzungen begegnen
Anlaufstelle schaffen

 

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