Ehemalige Prostituierte blühen auf
«Wir sind gläubige Frauen und machen unsere Arbeit motiviert von christlicher Nächstenliebe.» Luisa Egli, Sozialarbeiterin beim Verein Blossom, bringt damit auf den Punkt, was den Verein seit zehn Jahren prägt. Blossom unterstützt Frauen aus dem Thurgauer Rotlichtmilieu beim Ausstieg aus der Prostitution. «Blossom» ist Englisch und bedeutet «Aufblühen ». Luisa Egli fügt an: «Unsere Motivation ist, Frauen in schwierigen Lebenssituationen Hoffnung, Mut und Würde zuzusprechen und ihnen konkrete Hilfe anzubieten.»
Prostitution sei im Thurgau präsenter, als viele Leute denken würden. Nach Schätzungen des Vereins Blossom arbeiten im ganzen Kanton 300 bis 500 Personen in der Prostitution – grossmehrheitlich Frauen. Wer aus der Prostitution aussteigen will, kann das Neuorientierungsprogramm des Vereins absolvieren. Dazu gehören eine temporäre Stelle in einer der beiden vom Verein betriebenen Secondhandfilialen «2nd» in Amriswil oder Weinfelden, eine Wohnmöglichkeit, ein Deutschkurs und psychosoziale Begleitung.
Luisa Egli sagt: «Wir leben unseren Glauben in erster Linie durch unser Handeln – durch Wertschätzung, Zeit und ehrliches Interesse. Gespräche über den Glauben entstehen freiwillig und ohne Druck. Viele der Frauen kommen aus katholisch oder orthodox geprägten Ländern wie Ungarn, Rumänien oder lateinamerikanischen Ländern und glauben an den Gott der Bibel.» Häufig würden sie sich über ein gemeinsames Gebet oder über gemeinsames Bibellesen freuen und Gott als Ermutiger und Helfer erleben.
Auch Rückschläge gehören dazu
Der Arbeitsalltag der angestellten Frauen reicht vom Sortieren von Kleiderspenden über die Reinigung von Laden und Lager bis hin zur ansprechenden Präsentation der Kleidung. Je nach Deutschkenntnissen gehören auch die Beratung der Kundinnen sowie der Verkauf dazu. Laut Luisa Egli erlebt der Verein Blossom immer wieder, dass Frauen durch ein unterstützendes Umfeld an Selbstvertrauen gewinnen und aufblühen.
«In den vergangenen Jahren durften wir einige Frauen auf ihrem Weg aus der Prostitution hin zu einem stabilen, selbstbestimmten und gesunden Leben begleiten. Heute arbeiten einige von ihnen als Verkäuferinnen, Küchenhelferinnen oder Reinigungskräfte», fügt sie an. Dieser Prozess sei jedoch oft lang und herausfordernd – und nicht selten auch von Rückschlägen geprägt.
Betroffene fand sich wieder
Ein besonders berührender Moment war für Luisa Egli der Brief einer Frau, die sich für die Unterstützung bedankte und schrieb, sie habe durch die Beratung und das Neuorientierungsprogramm wieder zu sich selbst gefunden: «Ich habe diese alte Linda (Name geändert) wieder zurück, ich habe sie fünf bis zehn Jahre vermisst – und dank euch ist sie jetzt wieder da.»
Im April feierte der Verein Blossom sein 10-Jahr-Jubiläum im Secondhandladen in Amriswil. Rückblickend sagt Luisa Egli, dass der Verein in dieser Zeit viele Frauen regelmässig besuchte und jährlich über 300 Geschenke im Thurgauer Rotlichtmilieu verteilen konnte. Derzeit können jährlich etwa fünf Frauen aufgenommen werden. Luisa Egli fügt an: «Da die Nachfrage oft grösser ist als unser Angebot, würden wir – abhängig von Spenden und Fördermitteln – sehr gerne künftig mehr Frauen in das Programm aufnehmen.»
Ehemalige Prostituierte blühen auf