News aus dem Thurgau

Ein moderner Ablasshandel?

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20.01.2023
Kabarettistin und Slam-Poetin Patti Basler über Spenden, Steuern und den letzten Urnengang. Absolution gebe es nicht, sagt die Schweizer Sprachkünstlerin, weder von der Kirche noch von Mutter Erde.

Während ich blute, sammelst du Zaster
und klebst auf die Wunde ein Bébé-Pflaster
mit Tier-Motiven, so mit WW-√Ąffchen
gegen die Wehwehchen der Welt.
Und immer wieder spendest du Geld.
Dann wäschst du deine
umweltverschmutzten Hände
im unschuldigen Geldtopf
deiner nutzlosen Spende.

 

So lautet ein Auszug aus einem Brief, den mir Mutter Erde geschrieben hat. Ich bin nur die √úberbringerin, nur das Sprachrohr, quasi die Uriella f√ľr Arme. Und statt in ein jungfr√§ulich weisses Brautkleid bin ich in schwarzen Stoff geh√ľllt. Anlass zur Trauer gibt es genug. Mit jedem Urnengang beerdigen wir ein bisschen des christlich-solidarischen Gedankens in der Schweiz.

Spenden m√∂gen die wohlhabenden Eidgenossen und die reichen Schweizerinnen gerne. Sie suchen Gelder f√ľr die Umwelt, sie sammeln f√ľr Einsame, sie tummeln sich an Galas f√ľr T√ľmmler und Wale. Nur bei den Wahlen sind sie nicht mehr ganz so grossz√ľgig. Da wird gew√§hlt, wer den Erhalt des Reichtums verspricht. Da wird so abgestimmt, dass das Geld in der eigenen Kasse sich vermehrt.

 

Mit Steuern kann man keinen Wahlkampf betreiben. Mit Spenden schon.

 

Dabei w√§re es doch der allerletzte Urnengang, der eigene Tod, welcher die gr√∂sste Spende erm√∂glichen w√ľrde. Das Erbe k√∂nnte direkt als Steuer f√ľr das Allgemeinwohl eingesetzt werden. Gegen hohe Erbschaftssteuern stimmen allerdings zuverl√§ssig jene, welche sich gerne als grosse Spender und Stifterinnen inszenieren. Ginge es nur ums erkaufte Seelenheil, w√ľrde es reichen, viele Steuern zu zahlen. W√§re nur der Ablass der S√ľnden nach dem Ableben erw√ľnscht, k√∂nnte man sich f√ľr ein progressives Steuersystem einzusetzen: Reiche finanzieren einen starken Sozialstaat.

Doch Spenden sind so viel lohnender als Steuern. Steuern bezahlt man selbst, bei Spenden sind Sammelaktionen gang und gäbe. So genannte Graswurzel-Bewegungen, die nicht von oben vorgegeben sind, sondern vermeintlich von unten nach oben wachsen wie Gras. Deshalb heisst es wohl Kraut-Fönding. Mit Steuern kann man keinen Wahlkampf betreiben. Mit Spenden schon. Wegen der Steuern veranstaltet man keine Gala-Abende. Mit Steuern kann man sich kein Denkmal setzen. Bei Steuern hat man keinen direkten Einfluss auf die Verwendung. Steuern lassen sich nicht von der Steuer abziehen. Steuern sind sozialdemokratisch. Die Spende ist buchstäblich das SP-Ende.

 

Spenden sind nicht der moderne Ablass, sondern sehr viel mehr.

 

Spenden sind also nicht der moderne Ablass, sondern sehr viel mehr. Denn der Ablass zielte auf das Leben nach dem Tod. Wer ihn zahlte, wollte in den Himmel kommen. Wer ihn zahlte, hatte auch nicht den Anspruch, die diesseitige Welt besser zu machen. Das Jenseits gen√ľgte. Zumal man mit den Ablasszahlungen Kirchen finanzierte, statt Krankenh√§user, den Papst, statt das Proletariat.

Heute will man alles und man will es jetzt. Eine Win-Win-Situation. Die Beruhigung des Gewissens ist schon beinahe ein Nebeneffekt der Imagepflege und Steueroptimierung. Doch etwas hat sich seit dem Sp√§tmittelalter nicht ge√§ndert: Wenn man es sich genug einredet, glaubt man tats√§chlich selbst, etwas Gutes zu tun. Hauptsache, die Erbschaftssteuer kann verhindert werden. Wer auch gegen h√∂here Steuern f√ľr Reiche k√§mpft, ist herzlich eingeladen f√ľr den Wahlkampf zu spenden. Steuerfrei. Absolution hingegen gibt es nicht, weder von der Kirche noch von Mutter Erde.

 

Denn egal, ob du Wale und T√ľmmler rettest,
dich an strahlende K√ľhlt√ľrme kettest,
an Spendengalas dein Geld verwettest
mehr zahlend, ¬ęCO2-neutral¬Ľ
um die Welt jettest,
ob du Hybrid fährst, Tesla oder Volvo:
Ego numquam te absolvo.

 

Text: Patti Basler, kirchenbote-online

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