News aus dem Thurgau

Eine Welt ohne Tod

von Angelo Fässler
min
29.10.2026
Wie sieht eine Welt aus, auf die es sich zu hoffen lohnt? Die Bibel wagt eine mutige Antwort: eine Welt ohne Tod, Trauer und Schmerz. Was zunächst wie eine unerreichbare Utopie klingt, ist für Christinnen und Christen die Verheissung einer neuen Welt Gottes.

Wir machen uns ständig Gedanken über die Zukunft. Wie werden wir in 20 Jahren leben? Wie wird sich das Klima verändern? Werden Kriege und Ungerechtigkeit irgendwann überwunden sein? Was wird aus uns, unseren Familien und den Menschen, die uns wichtig sind? Bei vielen dieser Fragen schwingt eine Hoffnung mit: Es soll gut werden. Noch besser als heute. Gleichzeitig fällt es oft leichter, uns eine schwierige Zukunft vorzustellen als eine wirklich gute.

Nachrichten über Krieg, politische Spannungen oder Krankheiten zeigen uns täglich, dass die Welt nicht so ist, wie wir sie gerne hätten. Vielleicht kennen wir deshalb diese Sehnsucht nach einer anderen Welt. Eine Welt, in der Menschen nicht plötzlich aus dem Leben gerissen werden, Krankheit nicht das Leben bestimmt und Menschen einander nicht verletzen. Warum sterben Menschen? Warum gibt es Ungerechtigkeit? Warum können Beziehungen zerbrechen? Irgendetwas in uns sagt, dass es eigentlich nicht so sein sollte.

Christian Stettler, in Stettfurt aufgewachsener Theologe und Professor für Neues Testament, Autor mehrerer Bücher und heutiger Pfarrer in Flaach, sieht in dieser Sehnsucht etwas grundlegend Angelegtes im Menschen. Für ihn beschreibt die Offenbarung keine fromme Vertröstung. Sie nimmt die Erfahrung ernst, dass mit unserer Welt etwas nicht stimmt, und stellt ihr eine andere Zukunft gegenüber.

Eine neue Welt

In der Offenbarung findet sich eines der eindrücklichsten Zukunftsbilder der Bibel. Johannes sieht einen neuen Himmel und eine neue Erde. Er sieht die heilige Stadt, die von Gott herabkommt, und hört: «Siehe, die Wohnung Gottes ist bei den Menschen.» Gott wird alle Tränen abwischen. Tod, Trauer, Geschrei und Schmerz werden nicht mehr sein. Doch was bedeutet «eine neue Erde»? Für Stettler gehören Gegenwart und Zukunft zusammen. Christen hoffen nicht einfach darauf, diese Welt hinter sich zu lassen.

Gleichzeitig geht es auch nicht darum, dass unsere heutige Welt unverändert weiterbesteht. So verbindet das Zukunftsbild beides: Gott schafft Neues, und doch geht nicht einfach alles verloren, was wir heute kennen. Der Autor C.S. Lewis beschreibt den Gedanken folgendermassen: «Wenn wir in uns selbst ein Bedürfnis entdecken, das durch nichts in dieser Welt gestillt werden kann, dann können wir daraus schliessen, dass wir für eine andere Welt erschaffen sind.» Liebe, Freundschaft, Schönheit und Freude auf dieser Welt lassen uns erahnen, wonach wir uns sehnen.

 

Christian Stettler, Theologe und Professor für Neues Testament, Autor mehrerer Bücher und heutiger Pfarrer in Flaach. (Bild: zVg)
Wir leben noch in dieser ‹ersten› Welt und wissen gleichzeitig von der ‹zweiten›, kommenden Welt.

 

Zu schön, um wahr zu sein? 

Die Visionen der Offenbarung sind auch heute nicht einfach zu erklären. Dazu kommen unterschiedliche Vorstellungen darüber, was nach dem Tod geschieht. Warum sollte gerade dieses schöne, aber unscharfe Zukunftsbild glaubwürdig sein? Stettler weist darauf hin, dass die Bibel ihre Zukunftshoffnung nicht losgelöst von der Geschichte erzählt. Die Auferstehung von Jesus Christus ist für ihn der entscheidende Anknüpfungspunkt für die Hoffnung auf eine kommende Welt.

Vielleicht liegt hier auch ein Grund dafür, warum die Vision einer neuen Welt heute weniger attraktiv erscheint. Wir sind es gewohnt, unser Leben selbst zu gestalten. Die Vorstellung, dass die letzte Zukunft nicht von uns selbst gemacht, sondern von Gott geschenkt wird, steht dieser Selbstbestimmung entgegen. Doch die Sehnsucht nach einer anderen Welt verschwindet dadurch nicht. Wenn ein Mensch zu früh stirbt oder wir Ungerechtigkeit erleben, empfinden wir, dass etwas nicht stimmt. Die Bibel gibt darauf keine einfache Erklärung. Aber sie macht deutlich: Das Böse hat nicht das letzte Wort. 

 

Die neue Schöpfung

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und die heilige Stadt, ein neues Jerusalem, sah ich vom Himmel herabkommen von Gott her, bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Und ich hörte eine laute Stimme vom Thron her rufen: Siehe, die Wohnung Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und Gott selbst wird mit ihnen sein, ihr Gott.

Und abwischen wird er jede Träne von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, und kein Leid, kein Geschrei und keine Mühsal wird mehr sein; denn was zuerst war, ist vergangen. Und der auf dem Thron sass, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er sagt: Schreib, denn diese Worte sind zuverlässig und wahr. Und er sagte zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich werde dem Dürstenden von der Quelle des Lebenswassers zu trinken geben, umsonst.

Offenbarung 21,1-6

 

Schon heute anfangen

Bedeutet das, dass Christen einfach auf eine bessere Welt warten und die jetzige sich selbst überlassen können? Gerade das meint die Offenbarung nicht. Die ersten Leserinnen und Leser lebten in kleinen christlichen Gemeinden und waren Minderheiten in einer Welt verschiedener Religionen und politischer Mächte. Die Hoffnung auf Gottes Zukunft sollte ihnen Mut geben, nicht aufzugeben und sich weiterhin für andere einzusetzen.

Das gilt auch heute. Wer glaubt, dass Gott eine Welt ohne Tod, Trauer und Schmerz verspricht, kann sich gerade deshalb gegen Tod, Trauer und Schmerz in dieser Welt einsetzen. Christliche Hoffnung kann dazu bewegen, Menschen zu helfen, Frieden zu suchen, Ungerechtigkeit nicht hinzunehmen und die Schöpfung zu bewahren. Stettler beschreibt es als eine Art Vorausblick: «Wir leben noch in dieser ‹ersten› Welt und wissen gleichzeitig von der ‹zweiten›, kommenden Welt.»

Die Hoffnung auf Gottes Zukunft wird damit nicht zu einer Flucht aus der Gegenwart. Und so bleibt die Frage, die Johannes vor fast 2000 Jahren in den Raum stellt, aktuell für unsere Zeit: Wie sieht eine Welt aus, in der Tod, Trauer und Schmerz nicht mehr das letzte Wort haben?

 

Prinzip Hoffnung


«Prinzip Hoffnung» lautet 2026 das Jahresschwerpunktthema des Kirchenboten. Als Basis zu einer theologischen Betrachtung mit fachlichem Aktualitätsbezug dient jeweils eine mutmachende Bibelstelle – diesen Monat ist es Offenbarung 21.

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