News aus dem Thurgau

Meine Feinde erschlagen?

von Meike Ditthardt
min
23.09.2026
Der König von Israel fragte den Propheten Elisa: «Soll ich meine Feinde erschlagen?» Viele Leute kennen Menschen, die einem das Leben schwer machen. Elisa sagt: «Gib ihnen zu essen und zu trinken.» In dieser Geschichte erkennt Paul Baumann Lernfelder für Konfliktsituationen.

Sollst du deine Feinde erschlagen? Welcher Name kommt dir gerade in den Sinn? Hast du sie oder ihn in Gedanken schon erschlagen? Paul Baumann ist Diakon, Coach, Organisationsberater und Gemeindeentwickler. In seiner Beratertätigkeit stolpert er immer wieder in Konfliktsituationen hinein, da diese zu Entwicklungsprozessen dazugehören.

Perspektive wechseln

In 2 Könige 6,15-17 fragt der Diener von Elisa verzweifelt angesichts all der Probleme: «Was sollen wir jetzt bloss tun?» Das ist seine Perspektive: Er sieht das feindliche Heer, die Übermacht der Streitkräfte und bekommt es mit der Angst zu tun. Elisa aber hat eine andere Perspektive: Er schaut nicht auf das feindliche Heer, sondern er sieht das Heer Gottes und ermutigt den Diener: «Du brauchst keine Angst zu haben! Denn auf unserer Seite steht ein noch grösseres Heer.» Dann ermutigt er ihn mit Gebet: «Bitte, Herr, öffne ihm die Augen!» Paul Baumann erklärt, dass dieses «Augenöffnen» wichtig sei: «Wer stark unter Druck gerät, bekommt nicht selten einen Tunnelblick und blendet vieles aus.» Da brauche es ermutigende Freunde an der Seite. Man bekomme sehr viel Halt, wenn man sozial oder kirchlich in Gruppen eingebunden sei, in denen echter, persönlicher Austausch möglich sei.

 

Diese Geschichte zeigt, wie lösungs- und zukunftsorientiert es sein kann, anders mit Widerstand umzugehen.

Auf Feinde zugehen

In den Versen 21 bis 23 schlägt Elisa dem König von Israel etwas Aussergewöhnliches vor: Statt die Feinde zu erschlagen, soll er ihnen zu essen und zu trinken geben. Und so lässt der König ihnen ein herrliches Festmahl auftischen. Baumann meint: «Diese Geschichte zeigt, wie lösungs- und zukunftsorientiert es sein kann, anders mit Widerstand umzugehen.»

Das Festmahl in der Geschichte in 2 Könige 6 lässt sich lesen als eine Art Vorbote des Abendmahls mit Brot und Wein, das Jesus initiierte und das man auch als Friedensmahl erleben kann. Von daher fordert Baumann auf: «Geht auf Gegnerinnen und Gegner zu, ladet sie zum Essen ein!» Dies gilt auch im übertragenen Sinn: «Geh auf den Widerstand in dir selbst zu und feiere mit ihm!»

Herzenstür geöffnet

Das erinnert mich (Meike Ditthardt) an eine Begegnung mit einer Frau, die voller Kritikgeist war. Sie hatte an allem etwas auszusetzen. Ich ging ihr eher aus dem Weg. Und ins Gebet. Dann kam ihre Tochter in den Konfirmandenunterricht, begann mich zu mögen und kam zum Glauben. Schliesslich kam die Mutter auch mal mit in den Gottesdienst. Sie sah, wie ihre Kinder Spass hatten. Und das war so ein Kairos-Moment: Sie machte ihre Herzenstür einen Moment auf, ich kam mit ihr ins Gespräch, und ich merkte, dass sich hinter der harten, spöttischen Fassade eine zutiefst unglückliche Frau versteckte.

Sie fühlte sich mit den Kindern und der Arbeit völlig überfordert. Erschwerend kam hinzu, dass ihr Mann ihr keine Wertschätzung gab. Ich lud sie und ihre Familie zum Essen ein, die Mutter taute immer mehr auf. Ein paar Wochen später gestand sie mir, dass sie gerne mit ihrem Mann zu uns in die Paarberatung kommen würde. Ich ermutigte sie, diesen Wunsch bei ihrem Mann anzusprechen. In der darauffolgenden Woche standen beide vor unserer Haustür.

 

Festmahl für Feinde

Als Elisas Diener früh am Morgen aufstand und vor das Haus trat, da traute er seinen Augen kaum: Die Stadt war von einem Heer mit Pferden und Streitwagen eingeschlossen! «Ach, mein Herr, was sollen wir jetzt bloss tun?», rief er. Doch Elisa beruhigte ihn: «Du brauchst keine Angst zu haben! Denn auf unserer Seite steht ein noch grösseres Heer.» Dann betete er: «Bitte, HERR, öffne ihm die Augen!» Da öffnete der HERR Elisas Diener die Augen, und er konnte sehen, dass der ganze Berg, auf dem die Stadt stand, von Pferden und Streitwagen aus Feuer beschützt wurde. (…)

Als der König von Israel seine Feinde sah, fragte er Elisa: «Mein Vater, was rätst du mir? Soll ich sie alle umbringen lassen? Soll ich sie erschlagen?» «Nein, das sollst du nicht!», entgegnete der Prophet. «Du würdest doch nicht einmal Soldaten erschlagen, die du im Kampf gefangen genommen hast! Gib ihnen zu essen und zu trinken, und dann lass sie zurück zu ihrem Herrn ziehen.» Da ließ der König den Syrern ein herrliches Festmahl auftischen. Nachdem sie gegessen und getrunken hatten, durften sie in ihr Land zurückkehren. Von da an unternahmen die syrischen Truppen keine Raubzüge mehr auf israelitisches Gebiet.

2 Könige 6,15-17 und 21-23

 

Zunächst das Gespräch suchen

Paul Baumann empfiehlt, in Konfliktsituationen immer zuerst das direkte Gespräch zu suchen, Missverständnisse auszuräumen und Klarheit zu schaffen. Allerdings gelinge das nicht immer, vor allem bei destruktivem Verhalten wie beispielsweise bei Mobbing. Dies ist laut Baumann definiert als Gruppentätigkeit, beziehungsweise Gruppenübergriffigkeit, wo rasch externe Fachhilfe gesucht werden muss. Wenn jemand eine Einzelperson mit völlig unangemessenem Verhalten erlebt, empfiehlt Baumann zunächst das direkte Gespräch. Sollte dies nichts nützen, müsse eine Meldung an vorgesetzte oder weisungsberechtigte Personen erfolgen, notfalls sogar an die übernächste vorgesetzte Stelle.

 

Prinzip Hoffnung


«Prinzip Hoffnung» lautet 2026 das Jahresschwerpunktthema des Kirchenboten. Als Basis zu einer theologischen Betrachtung mit fachlichem Aktualitätsbezug dient jeweils eine mutmachende Bibelstelle – diesen Monat ist es 2 Könige 6.

 

 

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