Entspannt statt «ferienmüde»
«Ferienmüde» und «abgefahren»
Ferienmüde? Dieses Thema greift der Historiker Valentin Groebner in seinem Buch auf, das den Titel trägt: «Ferienmüde: Als das Reisen nicht mehr geholfen hat». Mit dem Buch «Abgefahren. Reisen zum Vergnügen» hat er – ebenfalls im Wallstein-Verlag – nachgedoppelt. Was der Historiker und sein Verlag online ausführen, wird auszugsweise auf diesem Link zitiert.
Ihre Lebensumstände sind völlig verschieden, doch ihre Erlebnisse diesen Sommer zeigen: Ferien sind mehr als kollektive Illusion – vor allem, wenn Gott oder das Interesse für Kirchen auch noch eine Rolle spielen. Auf Spuren- und Tippsuche mit Silvio Rüegger und Jeannette Tobler.
Barfuss und fitter
Silvio Rüegger aus Bischofszell arbeitet als kaufmännischer Mitarbeiter bei den Sozialen Diensten einer Stadt und kann seine Erholung daran messen, wenn er nicht mehr so schnell gereizt ist und seine Augen vom PC entwöhnt sind. Das heisse für ihn auch mal «barfuss rumlaufen, nichts tun, beobachten, geniessen». Er komme meistens fitter aus den Ferien, als er reingegangen sei. So auch dieses Jahr, als er mit seiner Frau und den zwei Kleinkindern an der italienischen Adriaküste in einem Bungalow auf einem Familiencampingplatz lebte.
Geheimrezept: «Früh aufstehen»
Die ersten Eingewöhnungstage waren zwar stressig und für die Kinder sorgend, doch dann sehr erholsam. Sein Geheimrezept? «Früh aufstehen, in der Frühe joggen, lesen und Zeit mit Gott verbringen: Ein derartiger guter Start in den Tag ist für mich die Basis für gute Ferien.»
Ferienkalender aufgegleist
Das habe auch bedeutet, einen gemeinsamen Ferienkalender aufzugleisen, klare Absprachen für die Kinderbetreuung zu treffen. Das funktioniere, sagt der 37-Jährige, der in seiner Kirchgemeinde zur Zeit vor allem im Gottesdienst singt oder die Kinderhüte betreut: «Enttäuschende Ferien habe ich eigentlich noch nie erlebt. Denn die Natur ist für mich immer etwas vom wichtigsten. Ich lasse sie auf mich wirken und erlebe an neuen Orten besondere Momente mit Gott.»
Im Glauben «aufzutanken» habe gerade in diesen Sommerferien einen hohen Stellenwert gehabt. «Fehlt das, sind es für mich keine Ferien.» Für die Gottesbeziehung müsse in den Ferien einfach auch ausgedehnter Zeit vorhanden sein.
Bewusster und fokussierter
Jeannette Tobler aus Romanshorn fühlt sich nach Ferien ebenfalls erholt: «Ich fühle mich entspannt und zufrieden, nehme die Menschen und die Umwelt um mich herum bewusster wahr und bin fokussiert. Und – ich vergesse weniger», sagt sie schmunzelnd.
Die «perfekte Erholung» geniesst die 55-jährige Kirchenpräsidentin und Sozialversicherungs-Fachfrau einer Pensionskasse mit ihrem Mann oder mit der ganzen Familie in einem gemieteten Ferienhaus – «am besten in den Bergen oder an einem See oder am Meer». Sie geniesse es, Ausflüge zu Fuss oder mit dem Velo zu machen, die Gegend zu erkunden, Land, Kultur und Geschichte kennenzulernen. «Gemeinsam zu kochen und über Gott und die Welt zu diskutieren» mache ihr Freude.
Besonders spannend in Dänemark
Diese Sommerferien waren für sie besonders spannend: Die ganze Familie hat eines der drei erwachsenen Kinder in Dänemark auf der Insel Bornholm besucht, wo eine Tochter als Freiwillige die Anbauweise der Permakultur kennenlernte. Unter anderem besuchten sie Nadine auf dem Hof. «Die Tavolata und das Kennenlernen der dort ansässigen Agrotourismus-Familie waren sehr schön und eindrücklich.»
Aus diesem Besuch habe sich kürzlich sogar ein Gegenbesuch in der Schweiz ergeben: Die Kinder der Familie aus Dänemark haben das Kinder-Sommerferienlager besucht, das ihre Tochter leitete. «Ich liebe es, wenn sich solche Begegnungen ergeben, insbesondere, wenn daraus neue Freundschaften entstehen.»
Aber von noch mehr «Ferien-Spätfolgen» profitiert Jeannette Tobler – unter anderem vom 800-seitigen Buch über den Reformator Jan Hus, das sie noch zu Ende lesen wird. Ausserdem hat sie einiges über die dänische Kirche erfahren. Wen wunderts: Nicht alles konnte sie während der Ferien machen, und deshalb lautet ihr Tipp auch: «Nicht zu viel bei der Planung schon ‹hineinpacken›, sich nicht zu viel vornehmen, mehr Zeit für Spontanes freihalten.»
Entspannt statt «ferienmüde»