«Ferienmüde» und «abgefahren»
Alles andere als «ferienmüde»
Wie können Ferien erholsam und kein Selbstbetrug sein, sondern gleichsam auch eine bereichernde spirituelle und persönliche Erfahrung? Genau das beschreiben Silvio Rüegger und Jeannette Tobler im Artikel des Kirchenboten.
Seit März 2004 ist Valentin Groebner gemäss seinem Lebenslauf auf der Webseite der Universität Luzern Professor für Geschichte des Mittelalters und der Renaissance an der Universität Luzern.
Er selber schreibt dort: «2017 wurde ich als Mitglied in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung gewählt und 2024 ausgezeichnet mit dem Wissenschaftspreis der Aby-Warburg-Stiftung Hamburg und dem Kulturpreis der Stadt Luzern. Die Geschichte, die mich beschäftigt, ist mit der Gegenwart verhängt und mit schmutziger Empirie, also Mischungsverhältnissen zwischen wissenschaftlicher Arbeit und ausserakademischem Alltag. Mich interessieren Reinszenierungen, die Weiterbenutzung von alten Bildern und Geschichten in der Konsumkultur und der Wunschmaschine Tourismus. Ich verstehe mich als Autor und Hochschullehrer. Beides ist miteinander verbunden, ich entwickle meine Bücher in meinen Lehrveranstaltungen und lerne von meinen Studierenden und Mitarbeitern.»
«Letzte grosse soziale Utopie»
In seinem vielbeachteten Buch über Ferienmüdigkeit liess er aufhorchen: Die Buchbeschreibung auf der Webseite des Verlags nimmt Bezug auf das Schlagwort »overtourism« («Zu viel an Tourismus»): «Überfüllung der Städte, der Strände, der Traumdestinationen. Dann kam die grosse Stillstellung im Frühjahr 2020: Geschlossene Grenzen, gesperrte Flughäfen, menschenleere Innenstädte. Mit der Rückkehr zur Normalität wird dann auch wohl das Fernweh wiederkommen, der grosse Aufbruch in die Ferien. Aber wohin? Reisen im 21. Jahrhundert ist - nicht ganz freiwillig - eine postromantische Angelegenheit. Was haben die fast eineinhalb Milliarden Menschen gefunden, die sich 2019 auf die Suche nach der Schönheit gemacht haben, nach dem gelungenen Ferienerlebnis, nach der Auszeit, der grossen Wiedergutmachung des eigenen Lebens durch Reisen? Urlaub war in keiner der grossen Sozialutopien der letzten Jahrhunderte vorgesehen, in Tommaso di Campanellas Sonnenstaat ebenso wenig wie im kommunistischen Paradies oder in der vermeintlichen Auflösung aller Körper und Grenzen im selbstverwalteten Digitalien der 1990er Jahre. Umsturz? Revolution? Alles uninteressant. Am Beginn des 21. Jahrhunderts war der Urlaub die letzte grosse soziale Utopie, das Territorium der Freiheit, drei Wochen im Jahr. Dummerweise hört diese Utopie gerade auf zu funktionieren. Es ist voll und eng geworden im Paradies. Deswegen ist es – wie jedes Paradies – leider unlängst endgültig geschlossen worden. Die Erfüllung der Träume hat zu viel Schmutz hinterlassen, jede Menge Überdruss und Müdigkeit. Dann kam Corona. Und irgendwann kehrt die Normalität zurück. Grund genug für eine kleine Bilanz. Worum ging es beim touristischen Aufbruch in die Freiheit eigentlich - und was lässt sich heute damit anfangen?»
«Angst, etwas zu verpassen»
Zum zweiten Buch in diesem Zusammenhang schreibt der Verlag auf der Webseite: «Eine Reise zum Vergnügen ist die große persönliche Belohnung, die Auszeit, das Abenteuer, das Entkommen aus allen Zwängen und Pflichten. Und unterlegt mit der Angst, etwas zu verpassen. Fünf Jahre nach den geschlossenen Grenzen der Pandemie sind weltweit so viele Menschen zum Vergnügen unterwegs wie nie zuvor und die Nachrichten von Überfüllung und Zerstörung der vermeintlichen Idyllen allgegenwärtig. Ist der Tourismus eine Falle und die Belohnung Selbstbetrug? Nach seinem vielbeachteten Essay Ferienmüde hat sich Valentin Groebner erneut auf die Reise gemacht: von den Traumstränden mit Wohnmobilen zur Wellness auf tropischen Inseln, von alpinen Idyllen und ihrer Erschließung zur großen Erfüllung in der bukolischen Leere im Burgund. Woher kommt die Angst des Touristen, immer zu spät zu kommen zum wirklich Schönen und Echten? Und was sieht man, wenn man endlich angekommen ist an den Orten, an denen die verführerischen Bilder geknipst worden sind, die in den sozialen Medien kursieren? Ob auf griechischen Parkplätzen, an Mittelmeerstränden oder im Schatten der schmelzenden Gletscher, die Zukunft des Reisens wird voll sein mit Touristen; alle geplagt von Angst vor Verspätung, dem Versäumen des Besten und der bangen Furcht, schon wieder zu kurz gekommen zu sein. Dabei ist genug authentische Erfahrung für alle da. Man muss sie nur machen wollen – und sich überraschen lassen.» red
Genau das beschreiben Silvio Rüegger und Jeannette Tobler im Artikel des Kirchenboten.
«Ferienmüde» und «abgefahren»