News aus dem Thurgau

Fasnacht, Fische, Freundschaft

von Christian Stahmann
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25.02.2026
Angeblich durchtrennen bis heute zwei imaginäre Grenzzäune die ansonsten kunterbunt vereinigte Eidgenossenschaft: der Röstigraben und die Fasnacht. Auch wenn es Ausnahmen gibt, hat das Treiben der fünften Jahreszeit bei Zwinglis Erben nicht so richtig Fuss gefasst, oder?

Zwingli hat mit seinem Wurstessen das Fastenbrechen durcheinandergebracht und Jahre später per Mandat in Zürich die Fasnacht untersagt. Wer sich also vom närrischen Konstanz aus über die Grenze nach Kreuzlingen begibt, erkennt unschwer: Da, wo der reformierte Glaube zu Hause ist, tun sich Kostümträgerinnen und -träger schwer. Nicht nur auf den Strassen, auch in den Gottesdiensten.

In Basel gibt es tatsächlich Trommeln und Pfeifen in evangelischen Kirchen, aber nach wie vor sind das eher Ausnahmen. Weder Zwingli noch Luther hatten es mit der Fasnacht. Zu römisch-katholisch ins Kirchenjahr gezwängt, zu viel Reue auf knappem (Zeit-)Raum, wo doch nach dem Wittenberger Reformator das ganze Jahr und Leben eine grosse Busse sein sollte.

Fasnacht dank Gegenpapst

Dennoch oder gerade deswegen gibt es auch im Thurgau fröhlich-freche Ausnahmen. Eine von ihnen ist die Groppenfasnacht in Ermatingen.

Der Legende nach habe Gegenpapst Johannes XXIII. während des Konstanzer Konzils (1414 bis 1418) Reissaus in den freien Thurgau genommen. Und als Dank gegenüber den grossherzigen und migrationsfreundlichen Ermatingern jenseits von Aschermittwoch diesen die «späteste Fasnacht der Welt» geschenkt. Da Fasnacht, Fische, Freundschaft der Papst dort angeblich täglich in der Fastenzeit Groppen (Süsswasserfisch) verspeist habe, wurde dieses Schuppentier zum Wahrzeichen: Groppenfasnacht.

«Seegfrörni» am Ursprung

Etwas weniger bekannt und weitaus jünger ist neben der Groppenfasnacht ein weiteres «Grenzphänomen». Es ist in Münsterlingen zu Hause und hat ebenfalls einen Bodenseefisch zum Paten. Ungleich grösser als die Groppe – den Hecht.

Die Geschichte hinter den Münsterlinger «Hechtlern» ist aber mindestens so spannend und fröhlich wie jene vom Untersee. 1963 war der Bodensee zugefroren. Während der «Seegfrörni» hat sich aus dem katholischen Immenstaad die Narrenzunft der «Hennenschlitter» zum anderen Ufer nach Münsterlingen auf den Weg gemacht. Ziel und Zweck: das Münsterlinger Kloster, Abgabe des Zehnten in Form von Fleisch und Wurst, aber auch Hennen.

Die Überraschung und Freude am Thurgauer Ufer war so gross, dass ein Empfangskomitee später die Immenstaader nach Hause begleitete und wohl etwas länger im deutschen Ausland verblieb. Ein Jahr später haben sich die Herren aus Münsterlingen im «Gasthaus zum Hecht» versammelt, um eine Schweizer Narrenclique zu gründen. Das Gasthaus samt Fisch wurde zum Markenkern. Das Häs (Kostüm) natürlich darauf abgestimmt: gestreifte Hose, Gehrock, und nicht zu vergessen die Eigenkreation eines Hutes mit aufgesetztem übergrossen Hecht.

Folgt Gegeneinladung?

Seit 1964 sind die Münsterlinger «Hechtler» – längst sind auch Frauen Mitglieder – samt Oberhecht unterwegs, um in Immenstaad mit den «Hennenschlittern» zu feiern. Jedes Jahr sind die Thurgauer am 11.11. zur Eröffnung der Fasnet jenseits des Sees, dann zur traditionellen «Hennensuppe» Ende Januar, zum «Schmotzigen Dunnschtig» und zum «Fasnetsmarkt» am Fasnachtssonntag willkommene Gäste.

Vielleicht ist es an der Zeit, die Immenstaader nach Münsterlingen einzuladen. Vielleicht auch zum Gottesdienst, ökumenisch versteht sich.

 

Groppenfasnacht in Ermatingen

Wann? 11. bis 15. März 2026

Kontakt für Neumitglieder der Münsterlinger Hechtler:
entenmann-architektur@bluewin.ch 

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