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«Gott ist Fiktion, deshalb existiert er»

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17.05.2022
Markus Gabriel gilt als einer der renommiertesten Philosophen der Gegenwart. Mit seinen neuen Ansätzen kritisiert er den Anspruch der Naturwissenschaften und holt Gott zurück ins Denken.

Markus Gabriel, Ihr Buch ¬ęWarum es die Welt nicht gibt¬Ľ hat viel Aufsehen erregt. Wie kommt ein Philosoph zu dieser Ansicht?
Das Buch basiert auf dem Gedanken, dass es nicht eine Welt gibt, in der alles mit allem zusammenhängt und die man mit den Gesetzen der Naturwissenschaften erklären kann. Es gibt eine Wirklichkeit von Basel, vom Tessin, von Ignazio Cassis, der Zahl 7 oder der Bauchschmerzen.

Sie greifen den Anspruch an, die Welt mit den Naturwissenschaften zu erklären. Warum?
Weil die Vorstellung eines naturwissenschaftlichen Weltbildes suggeriert, dass es einen Allzusammenhang, ein Universum oder die Welt gibt. Dieser Anspruch behauptet, die Welt setzt sich von Anfang bis Ende aus kleinen Puzzleteilchen zusammen und man kann sie erforschen, berechnen, erkl√§ren und beherrschen. Dieses Weltbild ist falsch. Wir k√∂nnen nicht naturwissenschaftlich erkl√§ren, warum 7 plus 5 12 ergibt, warum der Angriffskrieg gegen die Ukraine ungerecht ist oder wie das Leben und das Bewusstsein entstehen. Das meiste, das f√ľr uns von Bedeutung ist, k√∂nnen die Naturwissenschaften nicht erkl√§ren.

In Zeiten der Corona-Pandemie und des Krieges in der Ukraine tragen die alten Erklärungsmuster nicht mehr. Man spricht von Zeitenwende. Sind Sie der Philosoph der Zeitenwende?
Diesen Anspruch nehme ich gerne an. Das meiste, was ich schreibe, enthält das Adjektiv neu: Neuer Realismus, neue Aufklärung, neuer Existenzialismus.

Sie vertreten die Ansicht, dass jeder Mensch in seinem eigenen Sinnesfeld und damit in seiner eigenen Welt lebt.
Ja, es gibt diese individuellen Perspektiven, die gleichzeitig objektiv erforschbar sind. Da es die Welt nicht gibt, leben wir nicht in unseren eigenen Welten, sondern in geteilten Sinnfeldern, auf die wir subjektiv blicken.

Jetzt sprechen Sie in Rätseln.
Jeder lebt in seinem Sinnfeld, sei es in Basel, Z√ľrich oder anderswo. Und auch als Basler und Z√ľrcher sind wir v√∂llig verschieden. Was uns aber vergleichbar macht, sind die geteilten menschlichen Erfahrungen, etwa dass man sich verliebt oder Opfer eines Gewaltverbrechens wird. Dies f√ľhlt sich f√ľr alle Menschen etwa gleich an und bildet den gemeinsamen Nenner zwischen den einzelnen Individuen.

Kann man sich aufgrund der Erfahrung nicht täuschen?
Nat√ľrlich, Vorstellungen k√∂nnen wahr oder falsch sein. Die Menschen sind radikal frei, sich ihre eigenen Bilder und Vorstellungen zu machen.

Diese Freiheit kann so weit gehen, dass manche glauben, das Corona-Virus sei eine Erfindung der Medien und die Erde sei eine Scheibe. Gefährdet diese Freiheit nicht die Basis der Gesellschaft?
Wichtig ist die Einsicht, jeder und jede kann sich t√§uschen. Deshalb ist es die Aufgabe der Demokratie, Menschen aufzukl√§ren, in Schulen und Universit√§ten. Der Staat darf aber seinen B√ľrgerinnen und B√ľrgern die Wahrheit nicht diktieren.

Eine Ihrer Aussagen, mit der Sie die philosophische Welt vor den Kopf stossen, lautet: Schein ist Sein. Wie meinen Sie das?
Politische Rhetorik arbeitet mit Schein. Oder Kunstwerke sind Schein. Landl√§ufig glaubt man, die Wirklichkeit sei das eine und der Schein etwas ganz anderes. Das ist falsch. Die Wirklichkeit ist immer vom Schein behaftet. Wenn sich die Wahnvorstellungen von Wladimir Putin in Propaganda ausdr√ľcken, so hat dies f√ľr eine ganze Reihe von L√§ndern enorme Folgen. Der Schein wird im Krieg in der Ukraine zur Realit√§t. Deshalb m√ľssen wir den Schein loswerden, damit das Wirkliche frei vom Schein wird. Das ist die Forderung des neuen Realismus.

Sind Ihre √úberlegungen die Konsequenz daraus, dass wir heute in der medialen und digitalen Welt in einer Scheinwelt leben.
Klar. Die Welt der Digitalisierung hat sich als zweite Welt √ľber die erste gelegt und interagiert mit ihr in Form von Daten, Algorithmen und Elektrizit√§t. Diese hochdigitalisierte Welt erzeugt viel neuen Schein. Die Wirklichkeit findet nur noch zwischen den Zeilen statt oder dann, wenn wir den Bildschirm abschalten. Das ist eine gef√§hrliche Entwicklung.

Aus der wir aussteigen sollten?
Wir sollten uns dagegen wehren. Im Moment platzt gerade die Illusion einer Globalisierung, in der es einen Wandel durch Handel gibt. Als n√§chstes wird dann die Blase der Digitalisierung platzen und wir werden auf die nackte Wirklichkeit zur√ľckgeworfen.

Religi√∂se Zeitgenossen atmen bei Ihren Thesen auf. Sie anerkennen, dass Gott und das ewige Leben existieren ‚Äď als Fiktion, so wie es den Nikolaus oder Elfen gibt.
Fiktion ist Teil des menschlichen Geistes, weil der Geist in Vorstellungen der Zukunft und in Vorstellungen denkt, die andere haben. Der monotheistische Gott ist mindestens die m√§chtigste Fiktion, die wir haben k√∂nnen. Fiktion schliesst nicht aus, dass Gott existiert. Es k√∂nnte ja sein, dass er, sie oder es sich √ľber Fiktionen an uns wendet. Die Bibel spricht in Parabeln, oder, wie es Paulus nennt, in R√§tseln. Die Bibel nennt keine Fakten, etwa wann die Welt untergeht oder Jesus wiederkehrt. Wenn ich Gott eine Fiktion nenne, ist dies keine Blasphemie. Die Welt der Fiktionen ist die Welt, die Gott bewohnt. Und wenn es Gott gibt, k√∂nnte er die m√§chtigste aller Fiktionen sein.

Und diese Fiktion Gott hat Auswirkungen auf die reale Welt?
Nat√ľrlich. Dadurch, wie Menschen glauben und sich zu Gott verhalten, wird die Welt radikal ver√§ndert. Diese Ver√§nderungen sind historische Tatsachen. Der Glaube an Gott heisst nicht, dass Gott existiert. Niemand von uns weiss es und wie es im Neuen Testament heisst, keiner hat Gott je gesehen.

Die Kraft der Fiktion ist das, was die Kirche den Heiligen Geist nennt.
Richtig, oder Pneuma. Nur redet die Theologie anders dar√ľber, da sie annehmen muss, dass die Sendung noch einen Sender hat. Als Philosoph weiss ich dies nicht, aber ausschliessen kann ich es auch nicht. Meine Philosophie ist nicht antireligi√∂s, sondern respektiert, dass die meisten Menschen auch einer s√§kularen Gesellschaft religi√∂se Vorstellungen haben. Da sollte man sich doch fragen, warum √ľbt die Religion so eine Macht auf den menschlichen Geist aus?

Naturwissenschaftler k√∂nnten Ihnen jetzt vorwerfen, Sie kehren zur√ľck zum magischen Denken und in eine Welt voller Feen, Zauber und Einh√∂rner.
Es sind doch genau die Naturwissenschaften, die auf einem magischen Denken beruhen.

Inwiefern?
Die Naturwissenschaften haben den Anspruch, dass man alles berechnen und beherrschen kann. Das ist magisches Denken. Die Erfolge und Methoden der Naturwissenschaften sind im Einzelnen beeindruckend. Das sollte uns nicht daran hindern, ihr Weltbild und ihre Haltung, √ľber allem zu stehen, zu kritisieren. Ich sage in aller Sch√§rfe, das gef√§hrlichste Werkzeug, das die Menschheit je hatte, ist die Kombination aus Technik und Wirtschaft. Wir st√ľnden nicht am Rande eines Nuklearkrieges und der Klimakatastrophe, wenn die Philosophie, die Theologie und andere Geisteswissenschaften beteiligt w√§ren. Angesichts der heutigen Bedrohungslage sollten sich die Naturwissenschaften drei Stufen zur√ľcknehmen und sich bei der Menschheit f√ľr ihre Fehler entschuldigen. Das w√§re die angebrachte Haltung.

Sie sprechen von einer Zusammenarbeit aller Sparten?
Ja, f√ľr diese neue Aufkl√§rung, wie ich dies nenne, sollten Natur- und Geisteswissenschaften, Wirtschaft, Technik, Politik und die K√ľnste auf Augenh√∂he zusammenarbeiten. Das w√§re ein radikal demokratischer Ansatz.

Sollte sich auch die Theologie daran beteiligen?
Unbedingt, sonst sind die Kirchen bald leer. Das Erfolgsrezept der reformierten Theologie ist, dass sie moralisch avancierter sein sollte als jede andere Wissensform. Das Versprechen der Kirche ist, dass sie die Speerspitze des moralischen Fortschrittes ist. Die Theologie muss sich als Disziplin verstehen, die vollmundig versucht, uns in den Kontakt zum Geist zu setzen. Wenn sich die Theologie auf die Seite der Naturwissenschaften schlägt, wird sie erlöschen.

Sie sprechen die Moral an. Entgegen dem Zeitgeist, dass alles kulturell und subjektiv ist, sagen Sie, es gibt moralische Tatsachen, die f√ľr alle Menschen und Lebewesen gelten. Wie sehen diese aus?
Zum Beispiel, du sollst keine Raketen auf Kinderg√§rten schiessen, du sollst keine Menschen foltern, du sollst Kleinkinder vor dem Ertrinken retten oder deiner Nachbarin, der in der Corona-Pandemie die Lebensmittel ausgehen, etwas zum Essen bringen. Das sind elementare Sollen-S√§tze, die f√ľr jeden Menschen gelten, egal wer er oder sie ist. Anderes, wie du sollst in der Schweiz h√∂flich sein, beschreibt soziale Normen.

Die moralischen Tatsachen leiten sich aus der Existenz des Menschen ab?
Richtig. Die moralischen Tatsachen gr√ľnden im Sein des Menschen. Der Mensch ist dasjenige Lebewesen, das einen moralischen Auftrag hat, nur weil er Mensch ist.

Mit Verlaub: Der Blick in die Geschichte zeigt, wie die Epoche, Kultur und Tradition die Moral pr√§gen. Im antiken Rom f√ľhlte sich niemand unmoralisch, wenn er Sklaven besass.
Die R√∂mer irrten sich da. Wenn M√§dchen in einem indischen Dorf nicht in die Schule d√ľrfen, dann t√§uscht sich die Gesellschaft. Oder wenn in Afrika Frauen beschnitten werden. Oder in Deutschland im zweiten Corona-Winter die Schulen geschlossen waren. Es ist v√∂llig egal, wie die Kultur dies legitimiert und welcher Glaube dort herrscht. Man m√ľsste ja nur die Betroffenen fragen, wie sie sich dabei f√ľhlen. Auch wir t√§uschen uns in vielem. Ich halte den Umstand, dass wir das Kinderwahlrecht nicht kennen, f√ľr ein moralisches Verbrechen und ein Demokratiedefizit.

St√ľlpen Sie mit diesem Ansatz nicht anderen Kulturen westliches Denken √ľber. So nach dem Motto, am deutschen Wesen mag die Welt genesen?
Nein, weil ich betone, dass auch wir fehlbar sind. Unser √úberkonsum zerst√∂rt etwa die Lebensgrundlagen vieler Menschen, und das ist unmoralisch. Nur weil ich manches moralisch besser weiss als Menschen auf anderen Kontinenten, heisst dies nicht, dass jene anderes nicht besser w√ľssten als ich. Gerade den Afrikanern und Afrikanerinnen traue ich vieles zu. J√ľngst zeigte mir eine afrikanische Aktivistin, wie unser Lebensstil und Kaufverhalten das Klima ver√§ndern und deshalb D√∂rfer in Uganda √ľberschwemmt werden. Da hat sie recht und wir sollten daran schleunigst etwas √§ndern.

Interview: Tilmann Zuber, kirchenbote-online

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