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Fokus: Vorsätze und Vorbilder

Gute Vorsätze 2026: «Pfeif drauf!» – Warum Scheitern dazu gehört und wie wir daraus Kraft schöpfen

von Nicole Noelle, Tilmann Zuber
min
05.01.2026
Neujahr ist die Zeit der guten Vorsätze. Doch wie gelingt Veränderung? Die Journalistin Ulrike Gastmann hat in ihrem Buch das Leben von 99 Prominenten untersucht und herausgefunden, warum sie erfolgreich sind. Mit dem ehemaligen Industriepfarrer Martin Dürr spricht sie darüber, was das Leben prägt.

Ulrike Gastmann, wie kamen Sie auf die Idee, das Leben von 99 Prominenten zu analysieren, um herauszufinden, warum diese erfolgreich sind?

Gastmann: Die Idee stammte vom Verleger des Kanon-Verlags in Berlin. Er schlug vor, ich solle ein Ratgeberbuch schreiben. Ich fand das Angebot reizvoll, war aber wenig begeistert von der Vorstellung, Menschen ungefragt Ratschläge zu erteilen. Schliesslich einigten wir uns darauf, das Konzept anhand von 99 Biografien umzusetzen, die wir in einem Buch veröffentlichten.

Der Titel lautet: «99 Menschen, die dein Leben besser machen.» Ist unser Leben nicht gut genug?

Gastmann: Ich würde nie behaupten, unser Leben sei schlecht. Aber vielleicht hilft es, im Leben von anderen Anregungen und einen roten Faden zu finden, um nicht ständig zu stolpern. Gerade in politisch instabilen Zeiten suchen Menschen nach etwas, worauf sie sich im Kern beziehen können.

 

Ulrike Gastmann
Die «Zeit»-Journalistin wuchs in Tübingen auf, lebt heute in Leipzig und verfasst Reiseberichte, Kolumnen, Porträts sowie Bühnenstücke.

Martin Dürr
Martin Dürr, pensionierter Industriepfarrer in Basel, nennt «99 Lessons für Life» das beste Buch des Jahres 2025. Er lud Ulrike Gastmann zu Lesungen ein.

Buch
«Lessons für Life, 99 Menschen, die dein Leben besser machen», Ulrike Gastmann, Verlag Kanon

 

-> Zum Artikel: Von Federer bis Franziskus: Was wir von Prominenten über das Leben lernen können

 

Sie haben als Journalistin viel mit Prominenten zu tun. Wie erleben Sie Prominente?

Gastmann: Ich intereressiere mich in erster Linie für Menschen, ganz gleich, ob sie im Rampenlicht stehen oder nicht. Prominente haben natürlich oft eine höhere Reichweite ihrer Strahlkraft, aber ihre Probleme stehen exemplarisch für die meisten Menschen. Auch viele Prominente haben dunkle Zeiten durchlebt, mussten Krisen und Krankheiten bewältigen, Depressionen überwinden. Das verbindet uns alle. Man muss nicht prominent sein, um solche Erfahrungen zu machen.

Dürr: Viele der 99 Geschichten erinnern mich an Leonard Cohens Zeile: «There is a crack in everything, that’s how the light gets in.» Oder, religiöser ausgedrückt: Heilige sind nicht fehlerlos, sondern Menschen, die fallen und wieder aufstehen. Das gibt mir Hoffnung. Nicht das Strahlen der Prominenten, sondern ihr Durchhaltevermögen inspiriert mich. Es zeigt, dass man weitermachen kann – und das macht Mut.

 

| Foto: Dominik Plüss

Hoffnung liegt in den Begegnungen und indem man Verantwortung übernimmt und aktiv wird. Daraus kann sich eine unglaubliche Kraft entwickeln. Verantwortung zu übernehmen, ist heute etwas aus der Mode gekommen.

Vieles im Leben ist nicht glänzend, sondern unspektakulär und langweilig.

Dürr: Natürlich. Ich habe kürzlich einen alten Schulfreund getroffen, den ich 20 Jahre nicht gesehen hatte. Er meinte, seit meiner Pensionierung sei ich von der Champions League in die Kreisklasse abgestiegen. Niemand höre oder lese mehr von mir. Genau dies finde ich wunderbar. Jetzt habe ich viel mehr Zeit für echte Begegnungen, lade Menschen ein, die ich kennen lernen will.

Gastmann: Langeweile gehört zum Leben – auch Prominente sind langweilig und langweilen sich. Wir glauben heute zu oft, jede Minute müsse zielgerichtet und konkret genutzt werden, wir dürften keine Zeit verschwenden. Rilke schrieb: «Wunderliches Wort, die Zeit vertreiben, sie zu halten, wäre das Problem.» Heute wird Zeit meist nur noch utilitaristisch verstanden. Ist die Zeit wirklich verschwendet, wenn wir sie mit Menschen verbringen, die uns wichtig sind?

Ihr Buch trifft den Nerv unserer Zeit, die konstant Selbstoptimierung fordert. Die heutigen Stars sind die Influencer, die uns das vollkommene Leben vorspielen.

Gastmann: Das ist richtig, aber auch soziale Medien haben zwei Seiten. Einerseits setzen sie uns permanent unter Druck, perfekt auszusehen, tolle Reisen zu unternehmen und ein aufregendes Leben zu führen – und all das der Welt zu dokumentieren. Das erzeugt möglicherweise viel Frust und Neid. Andererseits bedeuten die sozialen Medien ein Stück Demokratisierung: So bieten sie Menschen eine Plattform, die sonst nie Gehör und den Weg in die Öffentlichkeit finden. Wie alles im Leben haben auch die sozialen Medien Licht und Schatten. Spielen wir deren lichten Seite aus!

 

| Foto: Dominik Plüss

Jesus wurde gefragt, wie oft wir verzeihen sollten. Und er antwortete, man solle 7 mal 70-mal vergeben. Das bedeutet: Du kannst so oft scheitern, doch du hast die Gnade, immer wieder neu anzufangen.

Der christliche Glaube stellt die Bedürftigen und Schwachen ins Zentrum. Die Kirche hat heute eine schwierige Zeit. Sollte sie sich da nicht stärker auf die Erfolgreichen fokussieren?

Dürr: Die Kirche hat den Auftrag, für alle da zu sein – ebenso für die Starken wie für die Schwachen und die Vergessenen. Jesus suchte das Gespräch mit jedem, rückte aber die Armen und Bedürftigen ins Zentrum seiner Botschaft. Denn auch in ihnen zeigt sich das Reich Gottes. Das übersehen wir oft. In meiner Arbeit, ob im Gefängnis, in der Gemeinde oder in der Industrie, habe ich gelernt: Entscheidend ist, den Menschen zu sehen, der vor einem steht. Neben der Fürsorge für jene, die in der Gesellschaft am Rande stehen, dürfen wir die anderen nicht aus dem Blick verlieren.

Gastmann: Astrid Lindgren schrieb: «Wenn du stark bist, musst du auch gut sein.» Ihre Heldin Pippi Langstrumpf nutzt ihre Stärke nie für Machtspielchen, sondern für die Freude und für andere Menschen. Wir sollten unsere Macht als Geschenk sehen und sie für Gutes einsetzen.

 

Astrid Lindgren: «Wenn du stark bist, musst du auch gut sein.» | Foto: Astrid Lindgren Aktiebolag / Jacob Forsell GmbH

 

Hat jeder eine zweite Chance verdient?

Gastmann: Nicht nur eine zweite, sondern viele Chancen. Menschen machen Fehler, das gehört zum Leben. Jeder Tag bietet neue Möglichkeiten. Natürlich fallen wir allzu gern immer wieder in alte Muster zurück, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich etwas später als die Erbtante.

Dürr: Hätte ich nur eine zweite Chance gehabt, wäre ich längst gescheitert. Jesus wurde gefragt, wie oft wir verzeihen sollten. Und er antwortete, man solle 7 mal 70-mal vergeben. Das bedeutet: Du kannst so oft scheitern, doch du hast die Gnade, immer wieder neu anzufangen – mit Narben und Wunden, aber auch mit Entschuldigung und Versöhnung. Diese Möglichkeit macht das Leben lebenswert.

Es gibt den schönen Begriff Fehlerkultur. Dazu gehört, verzeihen zu können. Vergebung ist ein grosses Talent, das wir unbedingt fördern sollten. Wer nicht verzeihen kann, sich verweigert, landet in einer Sackgasse.

Sie sprechen die Fehlerkultur an. Sind wir toleranter geworden?

Gastmann: Nicht überall, gerade im Medialen sind wir viel unbarmherziger geworden. Wir überschütten Menschen mit sogenannten Shitstorms für Aussagen, die meist aus ihrem Kontext gerissen sind. Das wird aber den wenigsten Menschen gerecht. Wir sollten nachfragen: Was sind ihre Beweggründe? Warum äussern sie sich so? Was ist ihre Geschichte? Stattdessen treiben wir sie wie Säue durch das Dorf, bis wir den nächsten vermeintlichen Empörungsgrund ausfindig gemacht haben

Dürr: Unsere Fehlerkultur ist schwach. In der Industrie habe ich oft eine Kultur der Angst erlebt: Lieber nichts tun als etwas falsch machen. Doch ich habe gelernt, Risiken einzugehen. Mein Leben ist auch eine Geschichte von Momenten, in denen ich einfach etwas gewagt habe.

Vielen gelingt das nicht, sie fühlen sich ohnmächtig und hilflos. Wo findet man Hoffnung in der heutigen politischen Lage?

Gastmann: Ich selbst wohne in Leipzig. Die mediale Wahrnehmung bildet Ostdeutschland in den letzten Jahren als einen Ort mit populistischem Wahlverhalten ab. Tatsächlich wählen in den neuen Bundesländern nicht wenige Menschen die AfD. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einer davon ist sicher, dass sich einige tatsächlich ohnmächtig fühlen und das wachsende Gefühl haben, von der Politik überhört zu werden. Doch es gibt immer Hoffnung. Hoffnung liegt in den Begegnungen und indem man Verantwortung übernimmt und aktiv wird. Daraus kann sich eine unglaubliche Kraft entwickeln. Verantwortung zu übernehmen, ist heute etwas aus der Mode gekommen. Es ist bequemer, zu kritisieren und zu jammern. Doch wer sich engagiert, sich mit anderen zusammenschliesst, kann viel bewirken. Empörung ist gut, aber sie muss in eine Handlung münden.

Dürr: Mir gefällt, dass die 100. Lektion in ihrem Buch leer bleibt – für eigene Gedanken und Hoffnungen. Ich denke, wir sagen viel zu selten, was wir an anderen schätzen. Dabei sind es die kleinen Gesten, die Hoffnung machen und die Welt verändern. Wir glauben, wir brauchen diese eine grosse Idee, um die Welt zu retten, und werden schnell daran scheitern. Wenn wir aber anderen Menschen offen und ohne Erwartungen begegnen, entsteht etwas Neues. 

Ich wünsche der Gesellschaft mehr Leichtigkeit. Wir sollten Dinge ausprobieren, ohne Angst vor Fehlern zu haben. Das macht das Leben reicher.

Welche Rolle spielen Glaube und Spiritualität im Leben?

Dürr: Mein Glaube hat sich im Lauf der Jahre verändert, ist aber unverzichtbar. Wenn ich nicht weiss, wie ich mit einer Situation oder jemandem umgehen soll, formuliere ich es als Gebet, das hilft mir, eine neue Haltung zu finden. Es gibt Erfahrungen, die sich nicht erklären lassen, die aber Hoffnung und Zuversicht schenken. Das ist für mich essenziell.

Gastmann: Glaube kann Menschen tragen. Sammy Basso, ein junger italienischer Wissenschafter, lebte trotz schwerer Krankheit, die ihn zum kleinwüchsigen Menschen machte, voller Freude. Er sagte: «Ich bin nicht meine Krankheit, ich bin Sammy Basso.» Sein zutiefst katholischer Glaube hat ihn in seinem kurzen Leben getragen. Die Italiener liebten ihn. Oder Pfarrer Nikolaus Krause, der in der DDR gegen das Regime kämpfte, inhaftiert wurde und schwierige Zeiten im Gefängnis durchmachte. Trotzdem war er nicht verbittert, sondern voller Lebensfreude und Zugewandtheit. Solche Menschen zeigen, wie Glaube Hoffnung schenkt – auch in widrigen Zeiten.

Ulrike Gastmann, das DDR-Regime hat das Christentum bekämpft. Spüren Sie das heute noch?

Gastmann: Ja, die DDR hat Religion und Kirchen systematisch zurückgedrängt. Das war ein Kahlschlag. Gleichzeitig bot ihre angebotene Ideologie den Menschen eine Art Orientierung, wie sie sich verhalten sollten. Menschen brauchen einen Leitfaden. Heute preist man unentwegt den Wert der Demokratie. Das ist richtig und wichtig. Doch Demokratie muss mit Inhalten gefüllt werden, auf denen man aufbauen kann. Sonst bleibt sie eine leere Hülle.

 

Erich Kästner: «Lasst euch die Kindheit nicht austreiben.» | Foto: Wikimedia

 

Welches ist Ihre Lieblingslektion aus dem Buch?

Gastmann: Es gibt Persönlichkeiten wie Erich Kästner, der mich schon mein Leben lang begleitet. Für mich ist er eine literarische Schatztruhe und Hausapotheke für kluge Ratschläge. Mit seinem Humor und seiner Leichtigkeit hat er mich seit meiner Kindheit berührt. Kästner war privat ein Mensch voller Fehler, der seine eigenen Maximen oft nicht einhielt. Doch er versuchte stets, sich zu bessern, und ermutigte andere, das Gute und Widersprüchliche im Leben zu sehen. Viele Menschen in diesem Buch hätten allen Grund, verbittert zu sein, doch sie sind es nicht. Solche Persönlichkeiten schätze ich besonders. Und natürlich jene, die Humor und Leichtigkeit ins Leben bringen.

Martin Dürr, Ulrike Gastmann, welchen Vorsatz geben Sie uns für das neue Jahr mit?

Dürr: Hab den Mut, dein Leben zu entdecken, und lass dich darauf ein!

Gastmann: Ich wünsche mir, dass die Menschen sich mehr füreinander öffnen. Und wenn es ganz hart kommt: Pfeif drauf! Vieles im Leben sollte man nicht zu ernst nehmen. Nicht alles betrifft uns oder muss bewertet werden. «Pfeif drauf!» – Das ist der Rat des legendären Schiedsrichters Pierluigi Collina. Manchmal hilft das wirklich.

 

Ulrike Gastmann, Martin Dürr, herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute zum neuen Jahr.

 

Von Federer bis Franziskus: Was wir von Prominenten über das Leben lernen können

Der «Kirchenbote» hat Ulrike Gastmann und Martin Dürr in einem spontanen Spiel zu ausgewählten Prominenten wie Hazel Brugger (Bild) befragt: Was können wir von ihnen lernen? 

-> Zum Artikel: Von Federer bis Franziskus: Was wir von Prominenten über das Leben lernen können

Foto: Keystone

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