Hoffnung stirbt nicht, aber der Weg ist weit
Menschen, die Verluste erleiden, gehen oft schwere Trauerwege. Einsamkeit und sich-unverstanden-Fühlen gehören zu den Empfindungen, die von Betroffenen als beschwerlich beschrieben werden. Auch wenn Trauer keine Krankheit darstellt, so sehen sich Trauernde grossen Herausforderungen gegenüber – Wege, die allein zu gehen keine einfache Aufgabe darstellt. Nicht wenige Menschen berichten, dass das Leben für die nicht oder nicht so nah Betroffenen ja weitergehe und dass sie mit ihren Reaktionen und Gefühlen nach kurzer Zeit allein bleiben.
Cafés für Menschen mit Verlusterfahrungen, auch unter dem Begriff «Cafés für Trauernde» oder «Trauer-Cafés» bekannt sind, bilden niederschwellige Anlaufstellen für Betroffene. Ohne vorherige Anmeldung finden Trauernde hier regelmässig einen Ort, an dem professionelle Begleitende ein offenes Ohr haben für ihre grossen Fragen, für die sie im Alltag oft kein Gehör mehr finden. Solche Cafés sind ein aktiver Teil der «Caring Community», der «sorgenden Gemeinschaft», in denen Kirchgemeinden wesentliche Aufgaben übernehmen.
Eines dieser Cafés für trauernde Menschen befindet sich – als offenes Angebot der Evangelischen und Katholischen Kirchgemeinde – in Frauenfeld. Es wird von Sabine Schoch, Esther Walch Schindler und Alexandra Mayer geleitet.
Karin Kaspers-Elekes (KKE) war mit zwei der drei Trauerbegleiterinnen, Sabine Schoch (SSCH) und Esther Walch Schindler (EWSCH), im Gespräch, um zu erfahren, welche Unterstützung Trauernde im Trauer-Café erwarten können.
KKE: Welche Erfahrungen macht Ihr: Kostet es Trauernde in der Regel viel Überwindung, ins Trauer-Café zu kommen?
EWSCH: Beim ersten Besuch kostet es einige Überwindung, weil die Gäste nicht wissen, wer auch dort ist und sie befürchten, dass sie weinen müssen. Nachdem die erste Schwelle überwunden ist, freuen sich die meisten auf das nächste Café, weil sie erlebt haben, dass sie Verständnis und Solidarität finden. Es ist eine offene Runde und wir Verantwortlichen schauen, dass alle ihren Platz finden und sich mit ihrer persönlichen Lage einbringen können.
SSCH: Ja, der erste Besuch kostet oft Überwindung, da man nicht weiss, welche Gefühle hochkommen können. Für uns ist es wichtig, dass man nichts muss, man also einfach kommen und dabei sein darf. Bei einigen ist der Verlust ganz frisch und bei anderen ist er bereits einige Wochen / Monate oder Jahre her. Ich würde die Verfassung beim ersten Besuch teilweise als «glasig» und unsicher beschreiben. Unser Ritual am Anfang, wo die Teilnehmenden ihren Namen und den Grund ihres Daseins ganz kurz nennen, bewegt die Trauernden oft. Sobald die Gäste erkennen, dass Gefühle und Tränen ihren Platz haben dürfen, entsteht eine sehr vertrauensvolle und offene Atmosphäre. Zwischendurch wird auch gelacht, geschmunzelt oder geschwiegen.Bei einigen ist der Verlust ganz frisch und bei anderen ist er bereits einige Wochen, Monate oder Jahre her.
KKE: Mit dem Verlust eines Menschen geht ja oft zerbrochene Hoffnung einher. Wie könnt Ihr Menschen stärken auf ihrem Weg durch die Trauer?
SSCH: Die Trauernden befinden sich in verschiedenen Phasen des Trauerprozesses. In der Trauergruppe ist es eine Abmachung, den andern keine ungefragten Ratschläge zu geben und einander in der individuellen Art zu respektieren. Dadurch erkennen die Gäste, dass der Trauerprozess etwas Bewegliches ist und sich wandeln kann. Darum würde ich sagen, dass sich die Trauernden gegenseitig durch Ihr Erleben und Erzählen stärken und Hoffnung schenken auf ihrem individuellen Trauerweg.
KKE: Was sind Hauptziele Eurer Begleitung in den Treffs für Trauernde?
EWSCH: Wir möchten den Raum bieten, um gemeinsam zu trauern, sich zu erinnern, Solidarität zu erleben, Verständnis zu erhalten, das aussprechen zu können, was einem belastet und Mühe macht. Dass bei jedem Trauercafé auch mal gelacht oder mindestens geschmunzelt wird, gehört auch dazu. Das Trauercafé soll stärken und unterstützen bei der Bewältigung der Trauer und des Verlustes.
SSCH: Die Treffen stehen jeweils unter einem Thema rund um den Trauerprozess, welches wir vorbereiten. Durch die Inputs geben wir Wissen und Anregungen in die Runde. Zu diesem geführten Teil gehören immer wieder Austauschrunden und Zeit, die eigenen Erfahrungen dazu zu teilen. Das Trauercafé ist ein Ort, an dem sich Trauernde treffen, einander zuhören, schweigen, sich erinnern und neuen Mut schöpfen können. Es steht allen Menschen offen, unabhängig ihres Alters oder ihrer Konfession und es ist kostenlos. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Das Hauptziel unserer Treffen ist für mich ein vertrauensvoller Ort, wo Menschen sich öffnen und austauschen können und so willkommen sind, wie sie sich fühlen.
KKE: Wie wichtig ist die persönliche Spiritualität/der Glaube für trauernde Menschen, die zu Euch ins Café kommen?
SSCH: Für die einen ist der Glaube ein Halt und Trost, andere tasten sich an die Spiritualität heran, oder spüren einfach, dass es da noch etwas Grösseres gibt. Es wird auch gezweifelt und gerungen mit diesem Gott. Die Hoffnung oder der Glaube, dass die geliebten Verstorbenen nun ihren Frieden haben und nicht mehr leiden müssen, ist für viele ein Trost. Wir gestalten das Trauercafé in diesem Bereich sorgfältig und offen. Manchmal geben wir etwas mit, z. B. das Gebet «Von guten Mächten» von Dietrich Bonhoeffer oder ein Segen. Da spüre ich schon, dass das berührt.
EWSCH: Wer darauf vertraut, dass die geliebte verstorbene Person an einen guten ewigen Ort gekommen ist und dass man sie dann einmal dort wieder trifft, nimmt leichter (vorläufigen) Abschied. Das persönliche Gottesbild spielt aber eine grosse Rolle, nämlich, wie man den Verlust einordnen kann und ob die Vorstellung vom Jenseits hilfreich oder problematisch ist. Ein problematisches oder einseitiges Gottesbild kann das Loslassen auch erschweren. Religiöse Zweifel können aufbrechen und Gott wird in einem anderen Licht gesehen als früher. Die warum-Frage des Leidens lässt sich nicht einfach auflösen. Wenn Gott als mitleidender, begleitender Gott erfahren wird, der mitträgt und mithilft, dann kann das eine grosse Stärkung sein.
KKE: Wie sorgt Ihr für Euch? Was sind Eure Ressourcen als Begleitende?
EWSCH: Wir sind gut vorbereitet und immer zu zweit als Leitung und Co-Leitung im Trauercafé dabei. So kann man einander unterstützen. Beim Aufräumen ist ein Debriefing gut. Oft bin ich nach einem Trauercafé beflügelt und zufrieden, weil es um wesentliche Lebensthemen ging. Ich lerne auch immer von den anderen Menschen Neues dazu. Die Offenheit und das Vertrauen der Gruppe ist sehr schön. Ich fühle mich genau am richtigen Platz. Wenn es irgendwie geht, mache ich anschliessend frei, um das Erlebte noch nachklingen zu lassen. Es ist anstrengend, mit allen Sinnen offen zu sein und es ist gleichzeitig sehr hoffnungsvoll und schön, also eine wesentliche und sinnstiftende Arbeit.
Angebote für Trauernde
Das Nachmittags-Café für trauernde Menschen in Frauenfeld öffnet seine Türen wieder am Dienstag, 5. Mai 2026, 14 bis 16 Uhr im Pfarreizentrum Klösterli, St. Gallerstrasse 24.
Das neu eingerichtete Abendangebot für Trauernde erwartet seine Gäste am Montag, 11. Mai, von 19.30 bis 21 Uhr im evangelischen Kirchgemeindehaus in Frauenfeld.
Hoffnung stirbt nicht, aber der Weg ist weit