News aus dem Thurgau

Ich bin dann mal offline

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22.06.2017
SMS, E-Mail, Telefon, Twitter und Facebook bestimmen unseren Alltag. Kann man ohne die sozialen Medien leben? Industriepfarrer Martin Dürr hat es einen Monat lang ausprobiert.

Stecker raus! Und dann herrscht Stille, Ruhe, nur der Herzschlag bestimmt den Rhythmus des Lebens. Diese Sehnsucht, die viele in sich tragen und doch nie realisieren, hat Martin D├╝rr umgesetzt. Einen Monat lang hat der Industrieseelsorger alle sozialen Medien abgestellt. Keine E-Mails, keine SMS, keine Online-Zeitung, kein Facebook und Co. Der 57-J├Ąhrige fastete digital.

Soziale Medien geh├Âren f├╝r den Basler Industriepfarrer zum Leben. Er nutzt Facebook, Linkedln und selten Twitter. Via Facebook war er anfangs vor allem mit ehemaligen Konfirmanden verbunden. Inzwischen sei das Netz stetig gewachsen, meint er. Selbstkritisch r├Ąumt D├╝rr ein, dass er nach einem ┬źPost┬╗ zu oft nachschaut, ob es Reaktionen darauf gibt.

Einfacher als erwartet
Zu D├╝rrs Verbl├╝ffung fiel ihm das Verzichten viel leichter als erwartet. ┬źIch habe wenig vermisst┬╗, sagt er. Nat├╝rlich gab es die Situationen, beim Anstehen in einer Schlange oder im Wartezimmer des Arztes, in denen er reflexartig nach dem Smartphone griff, um auf das Display zu starren. Doch das Ger├Ąt war nicht da. Nach anf├Ąnglicher Leere beschloss Martin D├╝rr, sich auf die ┬źtote Zeit┬╗ einzulassen. Er erweiterte seinen Tunnelblick, schaute sich um und meditierte tief versunken im Laden vor den Regalen ┬źwie Buddha unter dem Bodhi-Baum┬╗ ├╝ber die Herkunft von Oliven, Crevetten und Kakao und den Sinn des Lebens. ┬źSo f├╝hlt sich wohl Erleuchtung an┬╗, meint der Pfarrer augenzwinkernd.

Einsamer sei er in diesem Monat nicht geworden. Da er sein digitales Fasten im Vorfeld angek├╝ndigt hatte, h├Ątten ihm die meisten telefoniert. Oder ihm einen Brief geschickt und ihn spontan besucht. ├ťber die altert├╝mliche Kommunikation freute sich der Pfarrer: ┬źMein Gott, wann habe ich das letzte Mal von Hand geschriebene Briefe erhalten?┬╗

┬źIch nahm mir die Zeit┬╗
Martin D├╝rr hatte in dieser Zeit einige Begegnungen, die ihn bereicherten. ┬źNicht dass ich sonst keine habe, aber ich nahm sie viel intensiver wahr.┬╗ Wenn D├╝rr jemanden traf, der ihn spontan zu einem Kaffee einlud, sagte er nicht wie sonst meist, er habe keine Zeit. ┬źIch nahm sie mir.┬╗

Hat ihn dieser Monat ver├Ąndert? ┬źEr hat mich ruhiger gemacht, glaube ich┬╗, sagt Martin D├╝rr. Zurzeit arbeitet der Industrieseelsorger daran, gewisse Verhaltensweisen in seinen Alltag zu integrieren. Das heisst f├╝r ihn: Nicht mehr mehrmals t├Ąglich seine Mails checken, nicht st├Ąndig vor dem Schlafengehen nochmals die Schlagzeilen durchgehen. Ja, er sei ein News-Junkie, gesteht D├╝rr.

Die schnellen Informationen hat Martin D├╝rr in der Zeit ohne Internet vermisst, etwa nach dem Anschlag auf der Westminster Bridge in London. Eigentlich sei er auch froh gewesen, der Endlosschleife der News entkommen zu sein, in der Augenzeugen, die wenig gesehen haben, und Experten ihre Vermutungen mantram├Ąssig wiederholen. Auch ┬źdie Tweets von Leuten ├╝ber andere Leute, die ├╝ber Trump twittern┬╗, hat er nicht vermisst. Und nat├╝rlich auch nicht die Hass-Tiraden in den Social Media. ┬źDas tat mir eindeutig gut┬╗, stellt D├╝rr heute fest.

Aus dem Web auszusteigen d├╝rfte vor allem im Berufsleben schwer sein, vermutet der Pfarrer. ┬źGanz ohne Mails geht es wohl nicht mehr┬╗. Martin D├╝rr verarbeitete seine Erlebnisse in seiner Kolumne in der Basellandschaftlichen Zeitung. Die Beachtung war gross. Gerade die m├Ąnnliche Leserschaft verfolgte aufmerksam die Abenteuer des Aussteigers auf seiner analogen Insel.

┬źDie Welt funktioniert auch ohne mich┬╗
Die Umstellung in seinem Leben gelingt Martin D├╝rr mal besser, mal weniger. Er habe gemerkt, dass die Welt auch ein paar Stunden oder sogar Tage ohne ihn funktioniere. Er m├╝sse nicht permanent erreichbar sein, lautet sein Fazit. ┬źDie Selbstausbeutung durch die st├Ąndige Erreichbarkeit ist wie ein Gift, das viele Menschen zuerst s├╝chtig macht und dann zerst├Ârt.┬╗

Tilman Zuber / Kirchenbote / 22. Juni 2017

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von ┬źreformiert.┬╗, ┬źInterkantonaler Kirchenbote┬╗ und ┬źref.ch┬╗.

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