News aus dem Thurgau
Protest

Kein roter Teppich für Anna Netrebko

von Noemi Harnickell
min
19.10.2026
Am 30. November soll die russische Opernsängerin Anna Netrebko in Basel auftreten. Dagegen protestierte der Verein «Ukrainer in Basel»: Netrebko stehe dem Kreml nahe. Unterstützt wird der Verein von der Reformierten Kirche Basel-Stadt, die sich zum Konzert differenziert äussert.

Ein gewöhnliches Konzert im Stadtcasino Basel. Greatest Hits aus Film- und Popmusik, gemischt mit klassischen Werken. Nichts daran ist besonders politisch. Aber auf dem roten Teppich, der auf der Treppe vor dem Haupteingang liegt, stehen Schilder mit der Frage «Wo bleibt die Ethik?» Links und rechts stehen Menschen mit gelb-blauen Fahnen Spalier. Sie halten Plakate in die Höhe, auf denen etwa steht: «Die Sängerin Netrebko ist ein Beispiel, wie Kunst der Politik dienen kann.» 

Anna Netrebko: Weltstar der Opernszene. Mehrfach ausgezeichnete Sopranistin. Primadonna ohnegleichen. Und für ihre Kritikerinnen und Kritiker auch: ein Instrument des russischen Staats. Am 30. November soll Netrebko ihr Basler Debüt im Stadtcasino feiern. Für Vertreterinnen und Vertreter der ukrainischen Gemeinschaft ist ihr Auftritt ein Affront: Indem sie der russischen Sopranistin eine Bühne biete, legitimiere die Stadt Basel eine vom Kreml geförderte Kulturpolitik in Westeuropa. Eine Petition des Vereins «Ukrainer in Basel», lanciert von Halyna Ilyasevych Rauber, fordert die Veranstalter auf, «ihre Entscheidung zur Durchführung dieses Konzerts zu überdenken». Die Veranstalter dagegen bestehen auf der strikten Trennung von Kunst und Politik. Aber ist diese Trennung zu Kriegszeiten wirklich möglich?

Teuer: dem Publikum und dem Kreml

Anna Netrebko live zu erleben, ist für viele Opernliebhaber ein Highlight. Bis zu 440 Franken kosten die Eintrittskarten bei ihrem geplanten Auftritt im Basler Stadtcasino. Die Gage für die Künstlerin dürfte um die 20'000 Franken betragen, wie die BZ berichtet.

Doch Netrebko ist nicht nur dem Publikum viel wert. So unterzeichnete die gebürtige Russin, die nebst einem Wohnsitz in Wien auch die österreichische Staatsbürgerschaft hat, 2012 eine Petition, in der die Wiederwahl Putins gefordert wurde. 2014 spendete sie eine Million Rubel an das Opernhaus im von prorussischen Separatisten kontrollierten Donezk und posierte gemeinsam mit dem prorussischen Separatistenführer Oleg Zarjow. Dabei hielt sie eine Flagge von «Noworossija» hoch, einer selbsternannten Konföderation in der Ukraine. Netrebko selbst bezeichnete sich in der Vergangenheit immer wieder als unpolitisch und Opfer einer missverständlichen Presseberichterstattung. Den Krieg in der Ukraine verurteilte sie in einem persönlichen Statement im Februar 2022 ausdrücklich.

«Ein Schlag ins Gesicht»

Für manche Veranstalter ist das Statement eine ausreichende Rechtfertigung, Netrebko einzuladen. Kritische Stimmen sehen darin jedoch eine inhaltsleere Marketingstrategie. «Netrebkos Agent hat sehr gute Arbeit geleistet», sagt Margarita Antoni, Vorständin des Vereins. Um sich wirklich zu rehabilitieren, müsse sich Netrebko für ihr früheres Verhalten entschuldigen und klar Stellung zum Krieg beziehen, nicht nur mit Worten, sondern auch mit Spenden. «Es spielt keine Rolle, ob Netrebko ein guter oder schlechter Mensch ist», sagt Antoni. «Relevant ist ihre Wirkung. Mit ihren Auftritten in Westeuropa promotet sie das russische Regime.»

Natürlich würde man Kunst und Politik gerne voneinander trennen, sagt Halyna Ilyasevych Rauber. «Aber mit ihrem Handeln, insbesondere mit ihrer öffentlichen Unterstützung prorussischer Separatisten im Donbas, hat Netrebko aus unserer Sicht zur gesellschaftlichen Akzeptanz dieser Kräfte und zu ihrer Legitimation beigetragen. Diese Kräfte haben die Souveränität der Ukraine infrage gestellt. Bis heute hat sie sich nicht glaubwürdig von diesen Taten distanziert.»

Benjamin Schenk, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Basel, spricht mit Blick auf das geplante Konzert von einer Soft-Power-Politik Russlands: «Der Krieg gegen die Ukraine findet nicht nur dort und in Form von Raketenangriffen statt, sondern wird auch andernorts im Sport und in der Kunst geführt. Die russische Aussenpolitik versucht ganz klar, einem westlichen Publikum die russische Kultur schmackhaft zu machen und Russland so zu normalisieren.» Dies geschehe vor dem Hintergrund eines systematischen Kriegs gegen die ukrainische Kultur, in dem nachweislich Bibliotheken, Archive und Bildungseinrichtungen zerstört, die ukrainische Sprache verboten und Strassen und Städte umbenannt würden. «Russland führt einen Krieg gegen die ukrainische Sprache und Kultur und gegen eine eigenständige ukrainische Nation», so Schenk. «Wenn Städte und Veranstalter diese Soft-Power-Politik einfach akzeptieren, ist das für die Ukrainerinnen und Ukrainer ein Schlag ins Gesicht.»

Zürich: erst ausgeladen, dann zurückgeholt

Dass das Konzert abgesagt wird, glaubt Margarita Antoni kaum. Zwar gibt es Absagen: Die Metropolitan Opera in New York engagiert Netrebko seit 2022 nicht mehr, und 2024 wurde ein geplantes Konzert im KKL Luzern aus Sorge vor Protesten abgesagt. Wie sich die Haltung verschieben kann, zeigt aber das Opernhaus Zürich. Im März 2022 sang Netrebko dort nicht wie geplant die Lady Macbeth; ihre öffentliche Position sei mit der Haltung des Hauses nicht vereinbar, hiess es damals. Im November 2025 holte das Opernhaus sie zurück, für Verdis «La forza del destino». Daran hielt es fest, obwohl die ukrainische Botschafterin eine Absage gefordert hatte.

Das Stadtcasino Basel lehnte ein Interview mit dem Kirchenboten «aus Kapazitätsgründen» ab, betonte jedoch in einem Statement, die Casino-Gesellschaft Basel sei keine Veranstalterin, sondern vermiete lediglich ihre Räumlichkeiten – in diesem Fall an die Act Entertainment AG. «Solange Veranstaltungen unsere inhaltlichen Richtlinien einhalten und sich im rechtsstaatlichen Rahmen bewegen, sehen wir aus grundsätzlichen Gründen davon ab, deren Inhalte im Detail zu bewerten oder zu kommentieren.» Thomas Dürr von Act Entertainment hält gegenüber der BZ fest, er halte nichts von Auftrittsverboten: «Wir leben in einer Demokratie, die Auftritte erlaubt.»

«Wir wissen nicht, wie sie wirklich denkt»

Lukas Kundert, Kirchenratspräsident der Reformierten Kirche Basel-Stadt, kann verstehen, warum der Verein «Ukrainer in Basel» gegen Netrebkos Auftritt protestiert. Aber er mahnt auch: «Wir wissen nicht, wie Anna Netrebko wirklich denkt und wie frei sie sich äussern kann. Kollektiv alle Russinnen und Russen für die Handlungen des russischen Staats haftbar zu machen, spielt jenen Kräften in die Hände, die uns spalten und gegeneinander aufbringen wollen.» Die Reformierte Kirche Basel-Stadt unterstützt den Verein projektbezogen, etwa mit Kollekten, Räumlichkeiten oder Beiträgen an einzelne Projekte. Die Petition unterstützt sie jedoch nicht ausdrücklich; in dieser Frage positioniert sie sich frei.

Halyna Ilyasevych Rauber und Margarita Antoni hoffen, dass mit den Protesten eine Debatte entsteht. «Wir möchten, dass Veranstalter und Konzertlokale spüren, dass es nicht gemütlich wird, wenn sie Künstlerinnen wie Netrebko einladen», sagt Ilyasevych Rauber. Antoni wünscht sich mehr: «Wir würden ein Podiumsgespräch begrüssen, bei dem die verschiedenen Parteien zusammenkommen.»

 

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