News aus dem Thurgau

«Klimaschutz ist keine Religion»

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26.09.2019
Kurt Zaugg-Ott, Leiter der Fachstelle Kirche und Umwelt oeku, ist enttäuscht, dass sich nicht mehr Kirchen an der Klimademonstration beteiligen. Für ihn ist Klimaschutz keine Religion, aber eine absolute Notwendigkeit.

Herr Zaugg, warum sollen die Kirchenglocken am 28. September l├Ąuten?
Die Sch├╝lerbewegung fordert, unterst├╝tzt von vielen Wissenschaftlern, dass mehr f├╝r den Klimaschutz getan wird. Wenn wir mit den Kirchenglocken l├Ąuten oder die Uhr auf f├╝nf vor Zw├Âlf stellen, unterst├╝tzen wir diesen Notruf: Es ist Zeit zu handeln. Das war auch die ├ťberschrift einer Resolution in der Z├╝rcher Kirchensynode.

Bis jetzt machen nur 108 Kirche bei der Klimademo mit. Haben Sie mit einer h├Âheren Beteiligung gerechnet?
Ja, im ersten Moment war ich ├╝ber den R├╝cklauf etwas entt├Ąuscht. Die E-Mails von ┬źFastenopfer┬╗ und ┬źBrot f├╝r alle┬╗ sind anfangs Sommerferien rausgegangen. In der Zwischenzeit habe ich geh├Ârt, dass viele trotz unserer Medienmitteilung und dem Newsletter-Versand den Aufruf nicht zur Kenntnis genommen haben. Einigen scheint unser Anliegen nicht zu passen.

Tun die Kirchen zu wenig f├╝r den Klimaschutz?
Ja, denn eigentlich haben sich die Schweizer Kirchen schon lange f├╝r einen st├Ąrkeren Klimaschutz ausgesprochen, beispielsweise f├╝r eine CO2-Abgabe auf Treibstoffe und f├╝r h├Âhere Klimaziele. Aber sie haben dies etwas halbherzig getan, beispielsweise gerade dann, wenn eine Klimakonferenz stattgefunden hat. Sie haben aber kaum nachgedoppelt und sich aktiv f├╝r diese Ziele eingesetzt. Es ist fast nur bei Stellungnahmen geblieben.

Gibt es auch positive Beispiele?
Sicher. Es gibt einige sehr aktive Kirchgemeinden, die das Umweltmanagement ┬źGr├╝ner G├╝ggel┬╗ einf├╝hren, systematisch ├ľl- und Gasheizungen durch erneuerbare Systeme ersetzen oder ganz einfach ihre Geb├Ąude isolieren und versuchen, den Energieverbrauch zu senken. Das ist schon sehr viel.

Was k├Ânnen die Kirchen konkret f├╝r den Klimaschutz tun?
Sehen Sie, die Klimakrise ist auch eine Sinnkrise. Wir sind als Wohlstandsgesellschaft aufgefordert, unseren Lebensstil zu ver├Ąndern. Doch viele empfinden es als Zumutung, wenn ihre liebgewonnenen Gewohnheiten infrage gestellt werden: Mehrmals pro Jahr mit dem Flugzeug reisen, in grossz├╝gigen und gut beheizten Wohnungen leben, zwei oder drei Autos besitzen und t├Ąglich sein St├╝ck Fleisch verzehren. Die Kirchen hingegen kennen eine starke Tradition der Gen├╝gsamkeit und Askese und sie sind lokal verwurzelt. Sie k├Ânnen die Menschen bei der Suche nach dem Lebenssinn unterst├╝tzen. Es ist fatal, wenn wir den Sinn unseres Lebens ausschliesslich mit Wohlstand und Konsum verbinden. N├Ąchstenliebe, soziale Kontakte und das Engagement f├╝r eine lebbare Zukunft w├Ąren alternative Sinnangebote, die tragen. All dies wirkt nat├╝rlich sehr viel glaubw├╝rdiger, wenn eine Kirchgemeinde ihren ├Âkologischen Fussabdruck unter die Lupe nimmt und verkleinert. Eine Gemeinde kann so zum Vorbild f├╝r ihre Mitglieder werden.

Besteht nicht auch die Gefahr, dass der Klimaschutz zur neuen Religion wird und militante Verfechter auf den Plan ruft?
Selbstverst├Ąndlich gibt es in der Klimaschutzbewegung Gruppierungen, die ungeduldig und militant sind. Das ist auch verst├Ąndlich, wenn man auf die letzten Jahrzehnte zur├╝ckblickt. Seit 1990 haben wir es gerade mal geschafft, unseren CO2-Ausstoss zu stabilisieren. Das Ziel war aber, ihn zu reduzieren. Zwischen 2030 und 2050 sollten wir bei Netto-Null-Emissionen sein, also keine Treibhausgase mehr ausstossen. Sogar der Bundesrat anerkennt heute diese Notwendigkeit mit seinem neuen Ziel f├╝r 2050. Klimaschutz ist keine Religion, es gibt verschiedene Wege zum Ziel. Die Sch├╝lerbewegung, die auf den Strassen demonstrierte, hat die Gesellschaft wachger├╝ttelt. Damit hat sie eine prophetische Rolle ├╝bernommen ÔÇô ohne diese bewusst gesucht zu haben.

Adriana Schneider, kirchenbote-online, 26. September 2019

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