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«Manchmal habe ich mich überfordert»

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28.02.2022
Werner Kriesi hat bei Exit bis heute Hunderte in den Freitod begleitet. Warum Menschen sterben wollen und warum er ihnen dabei hilft, schilderte der Pfarrer in Münchenstein BL.

Werner Kriesi begleitet seit rund 30 Jahren Menschen beim Sterben. Nach seiner Pensionierung als Gemeindepfarrer leitete er ab 1998 bei Exit die Freitodbegleitung. Er hat mit hunderten Kranken und Verzweifelten gesprochen. Er selber ist mit seinen 90 Jahren geistig und k├Ârperlich topfit und tritt immer noch ├Âffentlich auf. Im Februar war er in der Kirchgemeinde M├╝nchenstein BL zu Gast und absolvierte ein volles Programm. Am Nachmittag besucht er die Seniorinnen und Senioren, am Abend h├Ąlt er einen Vortrag im vollbesetzten Saal. Leidenschaftlich spricht er ├╝ber sein Engagement und seine ├ťberzeugungen und fesselt das Publikum mit seinen Erlebnissen als Freitodbegleiter.

Keine Routine
Kriesi weiss, dass das Thema umstritten ist, und kl├Ąrt gleich zu Beginn Grunds├Ątzliches: ┬źSie d├╝rfen daf├╝r, aber auch dagegen sein.┬╗ Wenn Hoffnung bestehe, dass jemand eine Krise ├╝berwinden kann, helfe Exit nicht. Kriesi ist aber ├╝berzeugt davon, dass es Krankheiten gibt, mit denen ein Mensch weder leben kann noch muss. Schon als Gemeindepfarrer stand er regelm├Ąssig Krebskranken bei. Wer im Endstadium an der Krankheit leide, w├Ąhle in der Regel den Freitod. ┬źIch war selber viele hundert Male dabei, wenn ein Mensch seine letzte Stunde erlebte┬╗, berichtet der Pfarrer, man glaubt ihm, dass er dies bis heute nicht als Routine empfindet. Wie auch die vielen Gespr├Ąche und letzten Begegnungen nicht, die er mit Sterbewilligen gef├╝hrt hat: ┬źWenn man ganz nahe an den Menschen ist, muss es einen ber├╝hren.┬╗

Kriesi w├Ąchst in einer freikirchlichen Familie auf. Doch das Bild vom strafenden Gott ├╝berzeugt ihn nicht und so studiert er an der Universit├Ąt Basel Theologie. Er akzeptiere es, wenn jemand glaubt, dass man als Christ seine Sterbestunde nicht selber festlegen darf, meint er. F├╝r ihn stellt sich diese Frage nicht: ┬źMit Gott hat das nichts zu tun, sondern mit moderner Medizin.┬╗ Diese sei der Grund daf├╝r, dass etwa in der westlichen Welt die Frauen heute kaum mehr im Kindbett sterben. Mehrmals betont der Pfarrer, dass Krankheiten nat├╝rliche Ursachen h├Ątten und keine Gottesstrafe seien. ┬źEin strafender Gott ist eine der schlimmsten menschlichen Erfindungen. Diese Gotteserziehung ging mir lange nach.┬╗

W├Ąhrend seinen 30 Jahren im Pfarramt hat Werner Kriesi viele Schicksale erlebt. Den Umgang damit k├Ânne man nicht ein├╝ben, meint er. Wenn er Entlastung braucht, unternimmt er ausgedehnte Wanderungen und ┬źl├Ąuft sich frei┬╗ und er gesteht: ┬źManchmal habe ich mich auch ├╝berfordert, und das ist nicht spurlos an mir vorbeigegangen.┬╗

Heikle Entscheide
Werner Kriesi schildert Ergreifendes und blendet das Dilemma nicht aus: Den Umgang mit Menschen, die sterben m├Âchten, weil sie an schweren k├Ârperlichen Gebrechen oder psychischen Erkrankungen leiden. Die Hilfe in den Freitod w├╝rde bei ihnen den Sterbeprozess einleiten, nicht beschleunigen. Es seien diese F├Ąlle, die zu Vorw├╝rfen f├╝hren, sagt Kriesi. Erlebt hat er sie alle: Den Mann mit den psychischen Problemen, der sich vor 15 Jahren noch einen Monat gab und bis heute lebt. Die Frau, der man den Freitod nicht bewilligen wollte und die Kriesi anrief, bevor sie sich vor den Zug warf, weil sie es nicht mehr aushielt. Oder die junge Querschnittsgel├Ąhmte, die man zwei Jahre lang bat, ihren Entschluss zu ├╝berdenken, bevor sie sich nicht mehr damit abfinden wollte und von Exit Hilfe erhielt. ┬źWer gibt mir das Recht, jemandem zu sagen, wie lange er oder sie warten muss?┬╗, fragt der Pfarrer rhetorisch.

Karin M├╝ller, Kirchenbote-online

Buchtipp: Suzann-Viola Renninger: ┬źWenn Sie kein Feigling sind, Herr Pfarrer ÔÇô Werner Kriesi hilft sterben┬╗, Limmat-Verlag 2021, 256 Seiten, ca. 30 Franken.

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