News aus dem Thurgau

Mutter sein in Afrika

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08.05.2020
Mutter sein kann schwer sein. In einem entwickelten Land wie der Schweiz und erst recht in Afrika, wo es an allem mangelt – ausser an Mutterliebe, wie ein Projektbesuch für den Verein «Licht für die Welt» vor Ort zeigte.

Gondar, ├äthiopien. Eine staubige Strasse mit riesigen L├Âchern, ab und zu ein paar Lehmh├Ąuser, irgendwann eine Baracke, in die notd├╝rftig medizinische Ger├Ąte gepackt wurden, die als ┬źAugenklinik┬╗ angeschrieben ist. W├Ąre dieser Ort nicht Ziel einer Projektreise f├╝r die Schweizer Hilfsorganisation ┬źLicht f├╝r die Welt┬╗, w├╝rde wohl kein Ausl├Ąnder je einen Fuss in diesen abgelegenen Winkel der Welt setzen. Das war im Oktober letzten Jahres, lange bevor Corona zum Thema wurde. Es ist sechs Uhr fr├╝h. Hunderte Menschen, viele davon M├╝tter mit Kindern, kauern auf dem staubigen Vorplatz der Augenklinik. Auf einen Augenarzt kommen in ├äthiopien 1,3 Millionen Menschen. Nur einmal im Jahr schaffen es zehn Augen├Ąrzte in diese Gegend, um innert einer Woche rund 7000 Menschen zu untersuchen.

Kein Geld f├╝rs Augenlicht
Eine der Patientinnen ist Gododa Muhubam, ein abgemagertes, ver├Ąngstigtes M├Ądchen, kauernd, neben ihrem Vater. Vor vier Monaten hat sie ihr Augenlicht verloren. ├ťber Nacht. Als sie aufgestanden sei, erz├Ąhlt sie, sei alles schwarz vor ihren Augen gewesen. Von da an habe sie ihre Mutter nicht mehr losgelassen, tagelang mit ihr geweint, sie gedr├╝ckt, ihre Hand gehalten. Gododa ist m├╝de. Sie hat einen Fussmarsch von sieben Stunden hinter sich. Vier Monate hatte sie gewartet, um zum Arzt gebracht zu werden. Die Eltern mussten zuerst die Ernte einholen. Der Mutter habe das fast das Herz gebrochen. Doch ohne Ernte kein ├ťberleben. Gododa versteht das. Auch, dass ihre Mutter nicht mitkommen konnte. Wer h├Ątte sich sonst um die f├╝nf Geschwister gek├╝mmert?

Ihre Mutter sei das Beste, was ihr h├Ątte passieren k├Ânnen. Sie sei immer da gewesen, erz├Ąhlt sie. Und jetzt erst recht, in der Not. Gododa ist an der Reihe. Der Arzt ortet einen Grauen Star bei ihr. Dieser k├Ânnte mit einer 15-min├╝tigen Operation behoben werden. 30 Franken kostet diese. Geld, das die Familie nicht hat, sagt der Vater. Seine Frau hatte ihm jedoch aufgetragen, alles zu verkaufen, das n├Âtig sei, den Esel, die Kuh, ihre H├╝tte, einfach alles, das sie besitzen, um Gododas Augenlicht wiederherzustellen. Gododa l├Ąchelt, als sie h├Ârt, was ihre Mutter vorhat. Ein riskantes Vorhaben. Setzt dieses doch die Zukunft der gesamten Familie aufs Spiel.

Alles f├╝r die Kinder
Weiter in die Region Amhara, Dessie. Ein schmaler Pfad f├╝hrt auf einen Hang mit mehreren H├╝tten. Zwei Buben, 6 und 4, laufen diesen hinunter. Ihre Hosen, die einzigen, die sie haben, sind l├Âchrig, ihre Nasen laufen, Schuhe haben sie keine. Ihre Mutter, Amare Tigrinja, 30, geht mit den beiden in die kleine H├╝tte. Diese ist drei mal drei Meter gross, ausgestattet mit zwei Sofas, einer Feuerstelle und ein wenig Kochgeschirr. Kein Strom, kein fliessendes Wasser, keine Toilette. Vor drei Jahren verschwand Amares Ehemann ├╝ber Nacht. Er ging nach Eritrea, gr├╝ndete dort eine neue Familie. Unterst├╝tzung erh├Ąlt sie keine von ihm. Ebenso wenig von einer Beh├Ârde. Amare ist v├Âllig auf sich allein gestellt. Ohne Ausbildung. Ohne Geld.

Gleichzeitig wurde vor drei Jahren bei Abush, 6, ihrem mittleren Sohn, ein Nervenleiden diagnostiziert, das daf├╝r verantwortlich war, dass er weder gehen noch laufen konnte. Amare hatte Gl├╝ck und ┬źGottes Beistand┬╗, wie sie sagt. Ein Sozialarbeiter von ┬źLicht f├╝r die Welt┬╗ entdeckte sie auf der Strasse, wo sie bettelte. Er bezahlt ihr diese H├╝tte und gab ihr 30 Franken Startkapital. Damit machte sie sich selbstst├Ąndig. Mit dem Geld kaufte sie Kochgeschirr und Lebensmittel. Seither stellt sie Fladenbrote her, die sie an Hotels verkauft. Mit den Einnahmen h├Ąlt sie ihre Familie ├╝ber Wasser. Dank einer Therapie kann Abush heute laufen. Nur mit dem linken Fuss hinkt er noch ein wenig.

Lieben, erziehen, geben
Die drei Schweizer Schokoladetafeln, die Amare von uns erh├Ąlt, gibt sie den Kindern. Die Jungs verputzen diese im Nu, kein Gedanke daran, sie mit der Mutter zu teilen. Amare strahlt. Geht es ihren Kindern gut, geht es ihr gut. Sie steht f├╝r viele Hunderttausende andere. Mutterliebe ist universell, ├╝berall auf der Welt zu finden. Amare gab, ohne eine Sekunde zu z├Âgern, ihren Kindern die Schokolade. Gododas Mutter h├Ątte ihr letztes Erspartes gegeben f├╝r das Augenlicht ihrer Tochter. Die Behandlung schlussendlich ├╝bernahm ┬źLicht f├╝r die Welt┬╗. M├╝tter begleiten, leiden mit, sorgen sich, stecken zur├╝ck, lieben, erziehen, geben. Selbst dann, oder erst recht, wenn die Bedingungen so schwierig sind wie in Afrika.

Studien zeigen, dass M├╝tter in Afrika, global gesehen, es noch immer am schwierigsten haben. Es ist ein t├Ąglicher Kampf ums ├ťberleben, um die Gesundheit, um die Zukunft ihrer Kinder. Weil sie diese lieben. Ein Hoch deshalb auf all die M├╝tter dieser Welt. Und besonders jene unter schwierigen Bedingungen, wie in Afrika.

Carmen Schirm-Gasser, kirchenbote-online

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