Prinzip Hoffnung: Heilung, die aufrichtet
Am Beispiel der verkrümmten Frau erleben wir im Evangelium nach Lukas, Kapitel 13 eine Person, die 18 Jahre krank war und dann am Sabbat von Jesus geheilt wird. 18 Jahre ist eine lange Zeit für eine Krankheit. Hatte sie noch auf Heilung gehofft?
Der Bibeltext sagt wenig über ihren inneren Gemütszustand aus, wie es ihr in ihrer Krankheit geht. Aber als Jesus die Frau sieht, weiss er sofort: Sie braucht Heilung, Sabbat hin oder her. Auch wenn sie die Hoffnung schon aufgegeben haben sollte, so ist es die Heilung selbst von ihrem körperlichen, aber auch ihrem seelischen Leiden, die ihr wieder Hoffnung auf Leben gibt.
Die Heilung einer verkrümmten Frau am Sabbat
[Jesus] lehrte in einer Synagoge am Sabbat. Und siehe, eine Frau war da, die hatte seit achtzehn Jahren einen Geist, der sie krank machte; und sie war verkrümmt und konnte sich nicht mehr aufrichten. Als aber Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sprach zu ihr: Frau, du bist erlöst von deiner Krankheit! Und legte die Hände auf sie; und sogleich richtete sie sich auf und pries Gott. Da antwortete der Vorsteher der Synagoge, denn er war unwillig, dass Jesus am Sabbat heilte, und sprach zu dem Volk: Es sind sechs Tage, an denen man arbeiten soll; an denen kommt und lasst euch heilen, aber nicht am Sabbattag. Da antwortete ihm der Herr und sprach: Ihr Heuchler! Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Krippe los und führt ihn zur Tränke? Musste dann nicht diese, die doch eine Tochter Abrahams ist, die der Satan schon achtzehn Jahre gebunden hatte, am Sabbat von dieser Fessel gelöst werden? (Lukas 13,10-17)
Hoffnung spielt eine Rolle
Für den Rheumatologen Ian Pirker ist die Hoffnung seiner Patientinnen und Patienten auf Heilung zentral in der Behandlung. Er spricht davon, wie «ein gesundes Mass an Optimismus und Zuversicht» den Krankheitsverlauf und das eigene Wohlbefinden positiv verändern könne.
Pirker ist es wichtig, gut zuzuhören, den Menschen als Ganzes wahrzunehmen und gemeinsam einen Behandlungsplan festzulegen. Denn wenn unser Körper leidet, leidet oft auch unsere Psyche und Seele. Krank sein macht einsam, betont Pirker. Seiner Erfahrung nach können vor allem chronische Krankheiten, wie die der verkrümmten Frau, zu sozialem Rückzug führen, aber auch zu Verlust des Arbeitsplatzes und zu Un- und Missverständnissen im sozialen Umfeld.
So spricht Jesus auch nicht nur über den Rücken der Frau, als er sagt, sie sei von Satan gefesselt gewesen. Sie wurde nicht wahrgenommen von anderen und konnte anderen nicht in die Augen schauen. Die Scham, die ihr angetan wurde, ausgeschlossen zu sein und ignoriert zu werden, hatte ebenfalls Macht über sie. Dazu kamen der Schmerz und die Umstände des Rückens. Es war schwer für sie, aufrecht zu gehen.
Teilen, was schwer ist
Die bekannte mexikanische Künstlerin Frida Kahlo hatte als Teenagerin einen Unfall, als sie in einem Bus fuhr, der mit einer Strassenbahn kollidierte. Sie zog sich schwere Wirbel- und Beinbrüche zu. Kahlo hatte ein Leben lang Schmerzen, was in ihren Bildern zum Ausdruck kam. Ihre Bilder sind weltberühmt, aber wenige wissen um ihr körperliches Leiden, obwohl ihre Kunst davon geprägt war.
Es gibt Kunst und berühmte Bücher über Liebe und Krieg, über Abenteuer und Mord, aber warum gibt es keine grossen Klassiker über Krankheit? Es gibt «Der alte Mann und das Meer», warum gibt es kein «Der alte Mann und der Bandscheibenvorfall»? Ian Pirker merkt an, dass wir als Gesellschaft viel über Krankheiten und Gebrechen als Grosses und Ganzes reden. Aber dabei wäre es auch wichtig, sich direkt im eigenen nahen Umfeld umzusehen, ob ein Mensch mit einer Erkrankung hadert.
Schon kleine Gesten, wie beispielsweise ein Gespräch, können positiv wirken. Warum reden wir also nicht mehr über unsere Zerbrechlichkeit? Wir sollten vielleicht das, was schwer ist, mehr miteinander teilen.
Der Glaube als Ressource kann ein wichtiger Bestandteil des Genesungsprozesses sein.
Auf Heilung hoffen
Einen grossen Klassiker, in dem viel über Krankheit und Heilung steht, gibt es natürlich: die Bibel. Jesus zeigt uns in der Heilung der verkrümmten Frau, was nach der Heilung kommt: Die Frau preist Gott. Jetzt hat sie wieder eine Verbindung zu anderen Menschen und eine neue Perspektive. Unsere Leiden werden von Gott gesehen. «Als Begleiter eines kranken Menschen kann Jesus eine Rolle spielen – der Glaube als Ressource kann ein wichtiger Bestandteil des Genesungsprozesses sein», sagt auch Ian Pirker.
Hoffnung verstummt nie Die Geschichte der verkrümmten Frau lehrt uns, dass wir Hoffnung auf Heilung haben dürfen und sollen Hoffnung ist wie ein Lied, das immer spielt und nie verstummt – aber manchmal hören wir es nicht (mehr). Emily Dickinson hat in «Hope is the thing with feathers» (zu Deutsch: Hoffnung ist das Ding mit Federn) davon geschrieben, dass Hoffnung eine Melodie ist, die nie aufhört:
«Hoffnung» ist das Ding mit Federn
Das in der Seele sitzt
Und die Melodie ohne die Worte singt
Und niemals aufhört – überhaupt.
Und am süssesten – im Sturm – wird’s gehört
Und heftig muss der Sturm sein,
Der den kleinen Vogel beschämen könnte
Der so viele wärmte.
Ich habe es gehört auf dem kühlsten Land
Und dem schwierigsten Meer
Jedoch nicht mal in äusserster Not
Hat es verlangt ein Körnchen – von mir.
Quelle: The Poems of Emily Dickinson. Edited by R. W. Franklin
(Harvard University Press, 1999). Übersetzung aus dem Englischen: Sonja Pilman
Prinzip Hoffnung
«Prinzip Hoffnung» lautet 2026 das Jahresschwerpunktthema des Kirchenboten. Als Basis zu einer theologischen Betrachtung mit fachlichem Aktualitätsbezug dient jeweils eine mutmachende Bibelstelle – diesen Monat ist es Kapitel 13
aus dem Lukasevangelium.

Prinzip Hoffnung: Heilung, die aufrichtet