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Prinzip Hoffnung: Komm, Heiliger Geist!

von Werner Dietschweiler
min
06.05.2026
Der Heilige Geist schenkt uns eine neue Perspektive: Hinter Leiden und Vergänglichkeit wartet nicht das Nichts, sondern Gottes Herrlichkeit. Diese hoffnungsvolle Sicht im konkreten Leben einzuüben, ist Sache des Einzelnen, aber auch der Gemeinschaft – zum Beispiel im vertraulichen Beziehungsnetz eines Hauskreises.

Gott ist keine Erfindung, wie oberflächliches Denken oft schnellfertig urteilt. Gott ist eine Erfahrung, ein Widerfahrnis der Heiligen Geistkraft. Aufgrund dieser Erfahrung sagt Paulus die ungeheuren Worte: All unser Leiden in dieser Welt ist nichts verglichen mit der Herrlichkeit, die Gott uns dereinst schenken wird.

Begegnung mit dem Auferstandenen

Wie kommt Paulus zu dieser grundstürzenden Perspektive? Weiss er denn nicht, wie Schmerz und Leid uns das Leben schwer, ja unerträglich machen können? Doch, er kennt es nur zu gut: Im zweiten Brief an die Korinther, Kapitel 6 und 11, schildert er ausführlich seine physischen und psychischen Leiden und Qualen, die ihm sein Dienst am Evangelium verursacht hat.

Dazu kommt eine Krankheit, die ihn in seinem Wirken immer wieder behindert. Aber trotz alledem ist Paulus überzeugt: Die leidvolle Gegenwart ist nichts verglichen mit der lichtvollen Zukunft! Es sind Tiefenerfahrungen, die diesen ganz anderen Blick auf die Wirklichkeit möglich machen.

Paulus war ursprünglich Gegner der ersten Christen und hat sie blutig verfolgt. Dann begegnet ihm Christus in einem strahlenden Licht. (Apg 9) Diese Begegnung hat ihn total verwandelt: Aus Ablehnung und Hass wird Zustimmung und Liebe. Aus dem glühenden Gegner wird ein feuriger Bekenner und Verkünder.

Lebensverändernde Erfahrungen

Entfernt Ähnliches hören wir heute von Todesnähe- Erlebnissen: Menschen werden im klinischen Tod überrascht von einem Licht, einer Güte und Liebe, wie sie in dieser Welt so nicht vorkommen. Sie begegnen in wenigen Sekunden allem, was sie im Leben getan und erlitten haben. Und ihnen wird dabei bewusst, wo sie richtig und wo sie falsch gehandelt haben.

Der Massstab ist bedingungslose Liebe. Sie sind von dieser Erfahrung dermassen überwältigt, dass sie kaum die passenden Worte dafür finden. Entscheidend dabei ist, wie Langzeitstudien ergeben haben: Diese Erfahrung an der Grenze des Lebens verändert Menschen bleibend. Sie verlieren die Angst vor dem Tod, sie haben mehr Mitgefühl für andere, die Ehrfurcht vor dem Leben nimmt zu, sie werden durchlässig für das, was hinter allem Sichtbaren waltet. Leid und Schmerz empfinden sie zunehmend als Durchgangsstadium für etwas Neues.

«Im vertraulichen Beziehungsnetz eines Hauskreises können Glaube, Liebe und Hoffnung wachsen und zum Segen für andere werden.»

Leben durch Gottes Geist

Ich bin sicher, dass alles, was wir in dieser Welt erleiden, nichts ist, verglichen mit der Herrlichkeit, die Gott uns einmal schenken wird. … Wir wissen, dass die gesamte Schöpfung jetzt noch leidet und stöhnt wie eine Frau in den Geburtswehen.

Aber auch wir selbst, denen Gott bereits jetzt seinen Geist als Anfang des neuen Lebens gegeben hat, seufzen in unserem Innern. Denn wir warten voller Sehnsucht darauf, dass Gott uns als seine Kinder zu sich nimmt und auch unseren Körper von aller Vergänglichkeit befreit.

Darauf können wir zunächst nur hoffen und warten, obwohl wir schon gerettet sind. Hoffen aber bedeutet: noch nicht haben. Denn was einer schon hat und sieht, darauf braucht er nicht mehr zu hoffen.

Hoffen wir aber auf etwas, das wir noch nicht sehen können, dann warten wir zuversichtlich darauf, dass es sich erfüllt. (Römer 8,18;22-25)

Ganzes Kapitel 8 aus dem Römerbrief.

 

Lebendige Hoffnung

Paulus sieht dieses Durchgangsstadium wie einen Geburtsprozess. Die ganze Schöpfung leidet und stöhnt wie eine Frau in den Geburtswehen, heisst es im Römerbrief im 8. Kapitel. Und die Christen werden nicht verschont vor den schmerzhaften Folgen, auch sie leiden und seufzen. Allerdings haben sie einen Vorteil: Gott hat ihnen seinen Geist als Anfang des neuen Lebens gegeben – und das ist das Entscheidende!

Denn Gottes Geist weckt in uns die Hoffnung auf eine neue Welt, und diese Hoffnung bleibt auch dort lebendig, wo unsere Möglichkeiten erschöpft sind. Die Kirche lebt von der Kraft dieser Hoffnung und gibt sie in ihren unterschiedlichen Angeboten weiter.

Dazu gehören auch die Hauskreise, die aufzubauen und zu begleiten für Pfarrer Peter Keller seit Jahrzehnten ein wichtiges Anliegen ist: «Hier entdecken Laien die Heilige Schrift als hilfreiches Lebensbuch, aus dem sie Kraft und Mut, Hoffnung und Sinn schöpfen können. Sie geben einander Anteil an ihrem Leben und tragen einander in Schwierigkeiten und Problemen.»

Regelmässige und verbindliche Begegnungen haben ein Potential, das man allein kaum entdecken kann, ist Peter Keller überzeugt: «Glaube, Liebe und Hoffnung wachsen und werden so zum Segen für die Einzelnen, für die Kirchgemeinde und für die Gesellschaft. Hauskreise sind übrigens keine Konkurrenz zum Gemeindegottesdienst, sondern eine wertvolle Ergänzung und Vertiefung.»

Lebendige Kirche

Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes, wird auch als Geburtsstunde der Kirche gesehen. Gerade für eine lebendige Kirche sind Kleingruppen wichtig, meint Pfarrer Keller: «In den Hauskreisen können die Gaben der einzelnen Gemeindeglieder entdeckt, ausprobiert und gefördert werden. Die Teilnehmer werden dadurch motiviert, ihre Talente auch in der Kirchgemeinde, in Nachbarschaft und Gesellschaft einzubringen. In einer Zeit des zunehmenden Pfarrermangels wird es immer wichtiger, dass engagierte Laienchristen ermutigt werden, sich ausrüsten zu lassen, um Dienste und Aufgaben in der Gemeinde zu übernehmen.»

Das Hauskreis-Modell erinnert an die erste Zeit der Kirche, als die Menschen sich in ihren Häusern trafen und jeder etwas beitragen konnte mit Wort oder Tat. Pfarrer Keller weist auf das Priestertum aller Gläubigen hin, das auch Martin Luther gefordert hat: «In den Hauskreisen findet es seine Verwirklichung. Und in der Gemeinde kann die Vielfalt der Gaben ihrer einzelnen Glieder zum Tragen kommen. Aus einer auf Pfarrpersonen zentrierten Kirche der Vergangenheit kann auf diese Weise eine lebendige Gemeinschaft werden, die bereit ist für die Zukunft mit ihren vielfältigen Herausforderungen.»

 

Prinzip Hoffnung

«Prinzip Hoffnung» lautet 2026 das Jahresschwerpunktthema des Kirchenboten. Als Basis zu einer theologischen Betrachtung mit fachlichem Aktualitätsbezug dient jeweils eine mutmachende Bibelstelle – diesen Monat ist es Kapitel 8 aus dem Römerbrief.

 

 

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