Unverwechselbare Bildsprache gefunden
Max Hunziker war einer der prägenden figurativen Künstler der Schweiz im 20. Jahrhundert. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges lebte er als Maler und Zeichner in Florenz, Südfrankreich und Paris. Nach der Rückkehr in seine Heimatstadt Zürich machte der heute beinahe in Vergessenheit geratene Künstler mit Buchillustrationen auf sich aufmerksam. Auch mit seinen Glasmalereien in über 30 Kirchen und Gebäuden wurde er über die Schweiz hinaus bekannt.
Aus Anlass des Doppeljubiläums zum 125. Geburtstag und zum 50. Todestag Max Hunzikers ist im Ortsmuseum Meilen eine Ausstellung zu sehen. Im Thurgau bleibt Max Hunziker der Nachwelt durch die Glasfenster in der kleinen evangelischen Kirche in Neukirch an der Thur und durch zwei Fenster im Eingangsbereich der evangelischen Kirche in Gachnang erhalten. Max Hunziker soll immer gesagt haben: «Nöd fröge – luege!» Er hat es immer abgelehnt, seine Bilder zu erläutern. Er empfahl, man solle lieber hinschauen, das Werk betrachten und es auf sich wirken lassen.
Der frühere Neukircher Pfarrer Matthias Maywald hat sich in einer «Deutung » mit den vier Fenstern auseinandergesetzt. Dass Max Hunziker neben den drei Chorfenstern auch das südliche Seitenfenster der Kirche einbezogen hat, erklärt Maywald mit dem künstlerisch- theologischen Konzept: «In je zwei benachbarten Fenstern werden einander auf verschiedene Weise das Alte und das Neue Testament – der alte und der neue Bund – gegenübergestellt. So sind zwei Fensterpaare entstanden.»
Erinnerung: Die Glasfenster meiner Jugend
Die Bilder in den Kirchen des Mittelalters, mit denen die Reformation «aufgeräumt» hat, sollen die Bibel der Armen gewesen sein. Die Glasfenster, die Max Hunziker zusammen mit Jürg Ganz 1968 in der evangelischen Kirche in Neukirch an der Thur gestaltet hat, sind für mich, der dort seine Jugendzeit verbracht hat, eine Erinnerung an schöne und an schwere Zeiten geworden.
Ich wurde in der kleinen schmucken Kirche – damals noch ohne die farbigen Glasfenster – getauft. In der Kinderlehre habe ich sie zum ersten Mal gesehen, bei der Konfirmation und in den Gottesdiensten haben sie mich zu Gedanken über das Leben und den christlichen Glauben angeregt. Sie waren da, bei meiner Trauung und beim Abschied von meinen Eltern.
Die Bilder, die Max Hunziker geschaffen hat, haben einen Bezug zum Leben der Menschen im damals noch von der Landwirtschaft geprägten Dorf. Der Harfe spielende König David aus dem Alten Testament erfreut die Menschen, die an einem Fluss wohnen – die Menschen von Neukirch an der Thur. In der roten Sonne leuchten gelbrote Thurgauer Äpfel. Das Dorf Neukirch war damals noch von einem «Wald» von Hochstammobstbäumen umgeben – ein kleines Paradies in Mostindien. Das Glasfenster vermittelt Zuversicht.
An den nahen Friedhof muss ich denken, wenn ich das Fenster in der Mitte des Chores betrachte. Die beiden Totenschädel am Fuss des Fensters sprechen es an: Der Tod gehört zum Leben. Doch über ihm steht die Verheissung, dass wir einst – wie der auferstandene Christus – bei Gott ewiges Leben finden werden. Wie eine Zusammenfassung der Bibel sind mir die Glasfenster von Max Hunziker in der Kirche meiner Jugend in Neukirch an der Thur zur immer wieder neuen Botschaft der Hoffnung und des Trostes geworden. (er)
Unverwechselbare Bildsprache gefunden