News aus dem Thurgau

«Wir sind auf dem besten Weg zurück in die 50er-Jahre»

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09.11.2016
Donald Trump ist neuer US-Präsident. Die Schweizer Pfarrerinnen Sonja Wieland und Catherine McMillan, die lange in den USA gelebt haben, sind überrascht und entsetzt. Der St. Galler Pfarrer und US-Bürger Scotty Williams sieht es dagegen nicht so dramatisch.

Sonja Wieland lebte 1997 und 1998 sowie von 2000 bis 2013 in den USA. Sie arbeitete in Kalifornien in einem Hospiz als Sterbebegleiterin. Heute ist sie Pfarrerin in den Kirchgemeinden Wintersingen-Nusshof und Arisdorf-Hersberg-Giebenach im Kanton Baselland. ┬źIch bin schockiert und entt├Ąuscht von dieser Wahl, es macht mir Angst. Trump ist ein psychopathischer Narzisst und reiht sich ein in die lange Schlange von Leuten, die es durch R├╝cksichtslosigkeit nach ÔÇ╣obenÔÇ║ schaffen┬╗, sagt sie. F├╝r sie ist der 9. November ein schwarzer Tag und der Wahlausgang Resultat einer Erodierung des Mittelstandes, die seit 20 Jahren im Gang sei. ┬źDas Bildungsniveau ging extrem nach unten, und das Volk ist m├╝de und ersch├Âpft und sehnt sich nach einem starken Mann.┬╗

Narzissmus versus Empathie
F├╝r Wieland hat die Wahl auch eine spirituell-psychologische Dimension: ┬źDer Narzissmus hat in den letzten Jahren enorm zugenommen, angefeuert unter anderem durch die Ankunft der Social Media, die ein Tummelplatz f├╝r Selbstdarsteller geworden sind.┬╗ W├Ąhrend man normalerweise den Narzissmus sp├Ątestens mit 25 Jahren ┬źausgeschwitzt┬╗ haben sollte, bleibe er heute ein lebenslanger Begleiter. Und damit sei die Gesellschaft anf├Ąllig geworden f├╝r Leute wie Trump.

Ihm gehe es nur noch um die Mehrung der Macht. ┬źWerte wie Wahrheit, Schutz der Schwachen oder Empathie spielen keine Rolle.┬╗ Dass so viele Frauen Trump gew├Ąhlt haben, kann sie sich nur mit deren Bildungsferne und der Sehnsucht nach einem starken Mann erkl├Ąren.

Die Wahl zwischen zwei Kandidaten sei meistens eine Wahl zwischen Programm ┬źblau┬╗ und ┬źrot┬╗ gewesen. Bei Clinton und Trump sei es aber zur Wahl zwischen ┬źblau┬╗ und ┬źb├Âse┬╗ geworden. Nun habe der B├Âse gewonnen, und sie hofft, dass der Kongress und die Berater Trump korrigieren k├Ânnen. Sonst seien die Fortschritte beim Umweltschutz und beim Schutz f├╝r Minderheiten ernsthaft in Gefahr. Was er aussenpolitisch anrichten k├Ânnte, dar├╝ber m├Âchte sie im Moment noch gar nicht nachdenken.

Scotty Williams: nicht ├╝berrascht
Eine etwas andere Sicht hat Pfarrer Scotty Williams. Er ist schwarzer US-B├╝rger, seit knapp sieben Jahren in der Schweiz, und arbeitet bei der ┬źAll Souls Protestant Church┬╗, einem Projekt der reformierten St. Galler Kirche. Er ist von der Wahl nicht ├╝berrascht, denn Trump habe die Arbeiterklasse und ├Ąrmere Leute angesprochen, welche die Mainstream-Republikaner und -Demokraten nicht mehr erreichen konnten. ┬źBeispielsweise viele verarmte Weisse f├╝hlten sich nicht von der Regierung unterst├╝tzt. Diese k├╝mmerte sich in ihren Augen mehr um andere Gruppen wie Immigranten. Deshalb w├Ąhlten sie Trump, der nicht vom Polit-Establishment kommt.┬╗

Williams stammt selber aus einer l├Ąndlichen Gegend in Louisiana, und er kann auch die Zweifel der Farmer gegen├╝ber der Regierung verstehen. Trumps W├Ąhler h├Ątten seinen Narzissmus als notwendiges ├ťbel f├╝r den Job gesehen. ┬źSie interpretieren den Narzissmus als Mut, ohne die Probleme zu sehen, die damit verbunden sind┬╗, sagt Williams, der weder Trump noch Clinton gew├Ąhlt hat.

Angst hat Williams keine. Als Schwarzer habe er eine andere Perspektive. In den 50er- und 60er-Jahren sei die Situation f├╝r die Schwarzen viel schlechter gewesen. Und die Angst, die heute herrsche, komme nicht von Trump, sondern von einer Politik, die schon viel fr├╝her begonnen habe. Die Polizei-Brutalit├Ąt gegen Schwarze zum Beispiel habe ihre Wurzeln in der ├ära von Richard Nixon.

Catherine McMillan: eine Katastrophe
Als ┬źKatastrophe┬╗ bezeichnet dagegen Catherine McMillan die Wahl. Sie ist in den USA aufgewachsen und hat sp├Ąter in Virginia zwei Jahre Theologie studiert. Heute ist sie Pfarrerin in D├╝bendorf und Sprecherin beim ┬źWort zum Sonntag┬╗. F├╝r sie ist die Wahl unfassbar. Sie erkl├Ąrt sie sich damit, dass viele Amerikaner Hillary Clinton hassten und generell Frauen nicht in der Politik sehen m├Âchten. Das habe sich mit der Ablehnung gegen die Politik Obamas sowie einem Misstrauen gegen die Eliten summiert. Trump sei diesen W├Ąhlern als kleineres ├ťbel erschienen.

Besonders besch├Ąmend findet McMillan, dass man jemanden gew├Ąhlt hat, der sich so frauenfeindlich benehmen k├Ânne: ┬źWir sind auf dem besten Weg zur├╝ck in die 50er-Jahre, wo das einzige Ziel der Frauen war, einen m├Ąchtigen Mann zu heiraten.┬╗ Und wenn ein Mann wie er, der sich nicht beherrschen k├Ânne, die Kontrolle ├╝ber Atomwaffen habe, k├Ânne man nur noch beten.

Matthias B├Âhni / ref.ch / 9. November 2016

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von ┬źreformiert.┬╗, ┬źInterkantonaler Kirchenbote┬╗ und ┬źref.ch┬╗.

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