News aus dem Thurgau

Zuhören mitten im Festivaltrubel

von Lea Schmollinger
min
28.05.2026
Wenn im Sommer Zehntausende Menschen ans Open Air Frauenfeld, ans Open Air St. Gallen oder ans Greenfield strömen, entsteht eine eigene Welt: Tage voller Musik, wenig Schlaf und viel Emotionen.

Für viele gehören die Sommerfestivals zu den wichtigsten Momenten des Jahres. Menschen reisen mit Freundesgruppen an, verbringen mehrere Tage auf engem Raum zusammen und tauchen für kurze Zeit in eine eigene Realität ein. Der Alltag mit Schule, Arbeit oder Verpflichtungen rückt dabei in den Hintergrund.

Belastungen werden deutlich

Gerade in diesem Zusammenspiel von Intensität, Gemeinschaft und Erschöpfung zeigt sich aber auch eine andere Seite: persönliche Fragen oder Unsicherheiten werden sichtbarer. Der Ausnahmezustand kann verstärken, was sonst im Alltag oft überdeckt bleibt. Überforderung, Einsamkeit inmitten der Menge oder emotionale Belastungen treten plötzlich deutlicher hervor.

Teil der Szene

«Die Menschen bringen ihr Leben ans Festival mit», sagt Samuel Hug von der Metalchurch. Die reformierte Kirchgemeinde ist seit Jahren in der Metalszene unterwegs und am Greenfield präsent, sie versteht sich nicht als externe Beobachterin, sondern als Teil der Community.

Die Mitarbeitenden der Metalchurch bewegen sich bewusst mitten im Festivalgeschehen. Sie suchen nicht aktiv nach Problemen, sondern wollen ansprechbar sein. Oft entstehen Gespräche spontan auf dem Campingplatz, vor Konzerten oder beim gemeinsamen Austausch über Musik und Szeneerlebnisse.

Vertrauen entsteht beiläufig

Diese Nähe zur Szene ist entscheidend. Wer die Musik kennt und die Atmosphäre teilt, begegnet Menschen auf Augenhöhe. Vertrauen entsteht oft beiläufig, etwa beim Reden über Bands oder Konzerte. Und manchmal öffnen sich dabei auch Themen, die über die Festivalstimmung hinausgehen. Die Kirche übernimmt dabei keine klassische Veranstalterrolle, sondern ist als ansprechbare Präsenz vor Ort, erwartungsoffen und für alle da.

Fragen zu Identität oder Selbstwert

Im Kern geht es dabei um Seelsorge im weiteren Sinn, also darum, präsent zu sein, zuzuhören und Raum zu geben. «Menschen brauchen jemanden, der zuhört und sie ernst nimmt», sagt der Thurgauer Sozialdiakon Angelo Fässler. Solche Begegnungen entstünden nicht durch Programme, sondern durch Anwesenheit, dort, wo Menschen gerade sind. Festivals werden so auch zu Orten, an denen Fragen nach Identität, Selbstwert oder Zukunft stärker in den Vordergrund treten.

Care Team Thurgau hilft auch

Neben diesen leicht zugänglichen Formen der Begleitung gibt es auch professionelle Strukturen für akute Krisen. Dazu gehört etwa das Care Team Thurgau, das unter der operativen Leitung von Sarah Pietsch steht. Es wird über die Notrufzentrale aufgeboten, wenn aussergewöhnliche Ereignisse eintreten, etwa nach Unfällen oder plötzlichen Todesfällen. Dann geht es vor allem darum, Betroffene in den ersten Stunden aufzufangen, ihnen Orientierung zu geben und sie psychologisch zu unterstützen.

Informell und strukturiert

An Grossanlässen wie dem Open Air Frauenfeld im Thurgau oder anderen Festivals sind solche Teams Teil der Sicherheits- und Notfallkonzepte. Ihre Arbeit setzt dann ein, wenn Situationen kippen und rasche psychologische Unterstützung nötig wird. So entsteht rund um Festivals ein Netz aus unterschiedlichen Formen von Begleitung: informell im Gespräch am Rand des Geschehens oder im Hintergrund als Teil professioneller Einsatzstrukturen. Gemeinsam haben sie das Ziel, Menschen in schwierigen Momenten nicht allein zu lassen.

Unsere Empfehlungen

«Wir können gar nicht nicht hoffen»

«Wir können gar nicht nicht hoffen»

Die Theologin Miriam Rose über den Unterschied zwischen Hoffnung und Optimismus, die zerstörerische Verführungskraft der Populisten und warum eine Predigt keine Prophezeiung sein darf. Ende Oktober diskutiert Rose an einer Basler Tagung, wie die Wissenschaft Hoffnung stiften kann.
Staffelübergabe bei «fadegrad»

Ostschweizer Kirchenportal mit neuer Führung

Sam de Keijzer leitet neu den ökumenischen Podcast «fadegrad» der beiden Landeskirchen in St.Gallen und beider Appenzell. Sie übernimmt von Gründerin Ines Schaberger, die 2025 für den Podcast mit einem Journalistenpreis ausgezeichnet wurde. Verantwortet wird «fadegrad» von der zuständigen Kommission ...