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Gesellschaft

Bitte keine Klischees!

Eigentlich sollte der Journalist Klaus Petrus einen Beitrag über die Flüchtlinge an der ungarischen Grenze schreiben. Dann sagte er nein, er wolle dies nicht mehr tun. Stattdessen lieferte er ein Essay über den Umgang mit Stereotypen.

Wie oft haben wir sie schon gehört: die Geschichten über Geflüchtete an den Rändern Europas, vertrieben, vergessen, verloren. Es ist Ende Februar, kalt und windig, ich blicke auf diese traurige Landschaft und denke mir: schon wieder so eine Geschichte. Der Ort: Horgos, eine Kleinstadt an der serbisch-ungarischen Grenze. Im Herbst 2015 versuchten hier Hunderte Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan und Pakistan durchzukommen, bis die ungarische Grenzpolizei sich ihnen in den Weg stellte. Dann brach Chaos aus, und es wurde geschlagen und geknüppelt. Noch am selben Tag gingen die Bilder von der Strassenschlacht um die Welt. Kurz davor sagte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre berühmten Worte: «Wir schaffen das!»

Ich war seither als Reporter einige Male in Horgos, so auch vor einem Jahr. Damals lebten kaum noch Geflüchtete in den verdreckten Baracken ohne Wasser und Strom. Denn Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán hatte einen riesigen Zaun bauen lassen, der alle «Eindringlinge» fernhielt.

So kehrte ich heim und schrieb einen langen Artikel mit dem Titel «Die Letzten von Horgos». Und nun, ein Jahr später, hocke ich wieder in einer dieser Baracken von Horgos und alles ist wie damals. Ja, mein Gegenüber heisst nicht mehr Amar Z., 21, aus Pakistan, sondern Sultan A., 28, aus Afghanistan. Und anders als Amar wollte Sultan nicht Ingenieurswissenschaften studieren, sondern ist Journalist. Und Vater von drei Kindern. Aber sonst?

Gefährliche Stereotypen
Nicht zum ersten Mal beschleichen mich Zweifel, ob ich schon wieder eine dieser Geschichten schreiben soll – oder schreiben darf. Was tue ich eigentlich, wenn ich das Bild von diesem Sultan A. zeichne, der vor den Taliban fliehen und seine Mutter und seine junge Frau mitsamt Kindern zurücklassen musste, der mit drei Paar Schuhen über Pakistan und den Iran nach Griechenland flüchtete, der seit Monaten schon in Serbien festsitzt, vertrieben, vergessen, verloren? Rede ich wirklich von Sultan, der hier in Horgos neben mir sitzt, Tee schlürft und witzelt? Oder mache ich ihn mit meiner Geschichte nicht bloss zum Stellvertreter eines typischen Flüchtlings? Wird er damit nicht zu einem, der weniger ein Jemand ist, sondern vielmehr ein austauschbares Etwas, ein Stereotyp mit irgendeinem Gesicht, irgendeinem Namen, irgendeiner Biografie? Mache ich ihn nicht gerade dadurch zu irgendeinem Sultan?

Wir alle sind auf Geschichten angewiesen, die mit Klischees hantieren. Sie sind dazu da, komplexe gesellschaftliche Prozesse so zu vereinfachen, damit wir sie verstehen. Doch können Stereotypen gefährlich werden. Denn oft lassen sie unsere Vorstellungskraft verkümmern und führen so zu einer schlimmen Verengung der Wirklichkeit: Wenn wir uns Sultan nur noch als einen Flüchtling vorstellen können, so laufen wir Gefahr, den Menschen aus dem Blick zu verlieren.

Dieser verengte Blick auf die Welt – oder, im Kleinen, auf Sultan – hat am Ende auch moralische Konsequenzen. Denn mit dem Verkümmern unserer Vorstellungskraft schwindet oft auch unsere Fähigkeit zur Einfühlung in den anderen, die Empathie.

Die Publizistin Carolin Emcke schreibt dazu: «Wer sich nicht mehr vorstellen kann, wie einzigartig jede einzelne Muslima oder jeder Migrant ist, erkennt auch nicht ihre Verletzbarkeit als menschliche Wesen, sondern sieht nur das, was schon als Bild vorgefertigt ist.» Die Populisten und Hassprediger dieser Welt wissen das nur allzu gut. Ihr Bild vom Flüchtling ist eines ohne den Menschen dahinter, es ist einzig das Bild eines anderen, der angeblich bedrohlich ist und deswegen verfolgt, ausgegrenzt oder gar getötet werden muss.

Geschichten vom Elend und Glück
Wie lassen sich aber dann Geschichten von Geflüchteten erzählen? Das fragte ich auch Sultan, der selber Journalist ist und auf unzähligen Zetteln, Fotos und Videos seine Flucht dokumentiert hat. Wäre seine Art des Berichtens eine andere? Auch seine Geschichte, sagt er, würde vom Kummer und Elend eines Vertriebenen handeln, von unsäglicher Sehnsucht, von Tagen ohne Hoffnung, von dunklen Gedanken an den Tod. Aber sie würde auch davon handeln, dass er, ein Afghane, am liebsten Spaghetti isst. Und davon, wie er als Junge auf einer Müllhalde bei Kabul eine Plastikkamera fand, wie er sie sich um den Hals band und fortan den rasenden Reporter mimte. Wie er und sein Sohn sich immer neckten. Wie er auf der Flucht Freunde fand, mit denen er bis heute zusammen kocht, spielt, weint. Wie er diese Flucht manchmal als aufregendes Abenteuer erlebt und wie er zugleich Scham empfindet, wenn er an seine Familie denkt, die er im Stich gelassen hat. Wie er davon träumt, Arbeit zu finden, vielleicht als Journalist und wieder glücklich wird. Und wie er, zugleich, immer öfter daran denkt, seinem Leben ein Ende zu setzen.

Eine Geschichte wäre dies, die nicht – wie viele andere, die wir über Geflüchtete kennen – darauf aus ist, Widersprüche und Kratzer der Wirklichkeit auszubügeln. Eine Geschichte also, die im selben Atemzug vom Elend berichtet wie vom Glück, vom Tiefsinn wie vom Banalen, von Wut wie von Demut. Eine Geschichte, die genau deswegen Stereotypen aufbricht und uns dazu bringt uns vorzustellen, wie es auch noch sein könnte: das Leben als Mensch, der vertrieben wurde. Im besten Fall weckt sie unsere Empathie.

Könnten auch wir eine solche Geschichte schreiben? Vermutlich schon. In unserer Wahrnehmung bliebe sie wohl immer ein Bericht über Geflüchtete. Für Sultan aber ist sie mehr. Sein jetziges Leben ist eines in einer Ausnahmesituation, er ist, wie er selber sagt, «aus der Welt gefallen». Es gibt kaum noch Verbindungen zwischen seinem früheren Leben und dem, das er jetzt hat – ausser den Erinnerungen, den Erzählungen und Erfahrungen, die er fortlaufend zu seiner Geschichte verdichtet über einen, der wahrgenommen werden will: nicht als Flüchtling, sondern als Individuum, als Mensch.

Klaus Petrus, kirchenbote-online, 4. Juni 2019
Diese Arbeit entstand im Rahmen des Projektes «Kein Weg nirgends» von Andrea Jeska und Klaus Petrus, das vom «Kartographen» Stipendium von Fleiss + Mut und der Mercator Stiftung unterstützt wird.


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