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Gesellschaft

Achtung: Die Glühwein-Zeit kommt

«Für die Opfer auf dem Schlachtfeld des Alkohols» gründeten zwei Pfarrer im Jahr 1877 das Blaue Kreuz. Auch 140 Jahre danach ist der Alkoholmissbrauch ein ernst zu nehmendes Problem. Gerade die Adventszeit birgt viele Versuchungen.

Von Cyrill Rüegger

Glühwein am Adventsmarkt, Rotwein an Heiligabend und Champagner zum Jahreswechsel: Im Dezember werden wir besonders häufig mit Alkohol konfrontiert. Gerade für Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit ist dies eine Herausforderung. Und deren Umfeld ist sich oft nicht bewusst, welche Rückfallgefahr in solchen Situationen besteht – sei es auch nur durch ein alkoholhaltiges Geschenk wie Kirschstängeli unter dem Weihnachtsbaum.

Leere während der Feiertage

Für Menschen ohne grosses soziales Netzwerk kann die Weihnachtszeit im Besonderen mit zwiespältigen Gefühlen verbunden sein: Die langen, dunklen Winterabende begleitet von Einsamkeit und Langeweile können zur Belastung werden. Durch die arbeitsfreien Festtage kommt zusätzlich die Absenz von Beschäftigung hinzu, was Gefühle wie Leere und Sinnlosigkeit wecken kann. Für trockene Alkoholiker lauert hier eine besondere Gefahr, rückfällig zu werden.

Alkohol kommt in der Form von Wein auch in der Bibel vor, wobei das Wort «Wein» sowohl für alkoholfreien Traubensaft, wie auch für vergorenen Wein verwendet wird. Bibelverse, die eher gegen den Weinkonsum sprechen, wechseln sich dabei mit solchen ab, die den Weinkonsum befürworten. Da wäre beispielsweise die Aufforderung von Paulus an die Epheser: «Und berauscht euch nicht mit Wein,
worin Ausschweifung ist, sondern werdet voller Geist…» (Epheser 5,18). In einem anderen Zusammenhang ermutigt Paulus Timotheus wiederum, wegen seiner Magenbeschwerden Wein zu trinken (1. Timotheus 5,23).

Rotes Kreuz als Vorbild

Mit der Frage, ob der Genuss von Alkohol oder vielmehr die Abstinenz nun biblisch gerechtfertigt sei, beschäftigten sich auch die beiden Pfarrer Louis Lucien Rochat und Arnold Bovet. Sie gründeten 1877 das Blaue Kreuz. Wie der Entstehungsgeschichte zu entnehmen ist, wurden der Name und das Logo in Anlehnung an das Rote Kreuz gewählt. So wie sich Henry Dunant bei der Gründung des Roten Kreuzes auf das Schlachtfeld von Solferino bezog, wollten Rochat und Bovet aufgrund ihrer christlichen Überzeugung den «Opfern auf dem Schlachtfeld des Alkohols» helfen. Der Alkoholmissbrauch war damals nämlich das grösste Suchtproblem in den Industriestaaten Europas. Einer der Gründungsväter orientierte sich zuerst an der englischen Temperenzbewegung, also dem mässigen Alkoholkonsum mit Vorbildfunktion, und entschied sich erst später – aus Solidarität mit einem alkoholkranken Mann – für die persönliche Abstinenz.

Es gibt Alternativen

Auch heute engagiert sich das Blaue Kreuz für den verantwortungsvollen Umgang mit alkoholischen Getränken. Rahel Gerber-Iselin, Suchtberaterin bei der Fachstelle des Blauen Kreuzes in Weinfelden, rät mit Blick auf die anstehenden Festtage, auch mal neue, alkoholfreie Alternativen auszutesten: «Es gibt zum Beispiel viele leckere Cocktail-Kreationen ganz ohne Alkohol.» Als Alternativen zu Wein und Champagner böten sich Traubensaft, Tröpfel oder Paes an. «Leute, die nicht mehr selber über die Art und Menge des Alkoholkonsums bestimmen können und das Gefühl haben, es geht nicht ohne, haben längerfristig ein ernsthaftes Problem. Für sie bieten wir in unserer Fachstelle kostenlose Beratungen an.»

www.bluecocktailbar.ch