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Gesellschaft

Erinnerungen werden wach

04.12.2016
Der Kirchenbote suchte für die Weihnachtsausgabe kreative und tiefsinnige Beiträge. Die beiden besten Einsendungen sind nun gekürt: eine selbst erlebte Weihnachtsgeschichte und eine originelle Dekorationsidee.

Von Trudi Krieg

Weihnachten habe für sie eine grosse Bedeutung, erzählt Els Sommer. Diese wurzelt in ihrer Kindheit, in der sie auch jene Geschichte erlebte, die sie für den Weihnachts-Wettbewerb des Kirchenboten eingeschickt hat (siehe Box unten). «An Weihnachten gab es damals keine Geschenke. Der Besuch in der Kirche machte die Feststimmung aus. Papa, der uns jeweils mitnahm, gab uns viel Glauben und Hoffnung mit ins Leben.» 2006 wäre er 100 Jahre alt geworden. Der Bruder von Els Sommer machte zu diesem Anlass ein Buch, in dem die Geschwister ihre Erinnerungen zusammentrugen. Auch ein Bild der Scheune, in der die Familie auf der Flucht vor dem Krieg im Jahr 1944 einquartiert war, ist darin zu sehen. «Ich bin im Herzen einfach geblieben und schenke an Weihnachten gerne kleine Dinge», sagt Els Sommer.

Waldweihnacht im Glas

Kindheitserinnerungen an Weihnachten hat auch Gudrun Dubi: «Wir gingen mit den Eltern am Morgen des 24. Dezember immer in den Wald, die Vögel füttern. Am Abend wurde dann mit Christbaum gefeiert.» Ihre Adventsdekoration «Wald im Glas» wecke diese Erinnerungen. «Es braucht dazu Einmachgläser, Schleich-Tiere wie Hirsch, Reh, Fuchs oder Hase, Grünes aus dem Wald, wie zum Beispiel Efeu, Moos, Stechpalmen. Zum Verzieren eignen sich Hagebutten, Bucheckern und andere Samenstände, die man bei einem Waldspaziergang findet.» Danach müsse man um den Glashals noch ein schönes Geschenkband binden und obendrauf eine neutrale Tasse stellen mit einer dicken Kerze darauf. Fertig.

Teilen wird belohnt

Els Sommer und Gudrun Dubi wollten ihre Kreativität und ihre Erinnerungen rund um Weihnachten teilen. Mit ihren Beiträgen konnten sie die Jury des Weihnachts-Wettbewerbs
des Kirchenboten am meisten überzeugen. Als Belohnung erhalten beide einen Gutschein für das Weihnachtsdekorationsgeschäft Lüchinger in St. Gallen.

Selbst erlebt!

Wir wohnten in Beverwijk in der Provinz Nordholland. Einen Tag nach dem «Dolle Dinstag», der Tag, an dem die Alliierten damaligen Gerüchten zufolge die Niederlande befreien sollten, wurde – wir schrieben den 6. September 1944 - mein zweiter Bruder, Jan, geboren. Meine Schwestern Wil und Bea waren damals elf und sechs Jahre alt. Mein Bruder Kees war gerade vierjährig und ich, Els, zählte neun Jahre.

Einige Tage nach Jans Geburt wurden wir nach Nieuwe Niedorf evakuiert, das liegt ungefähr 18 Kilometer von Alkmaar entfernt.

Weil Mutter noch schwach war, bekamen wir für den Weg vom Roten Kreuz ein Auto mit Chauffeur zugeteilt. Stellt Euch vor: Drei Erwachsene, fünf Kinder und das Allernötigste an Kleidern, natürlich auch Stoffwindeln. Und nun denkt Euch das alles in einem kleinen VW. Mit Hilfe von Bekannten fanden wir Aufnahme auf einem Bauernhof.

Pa und Ma und das Baby bekamen eine «Bedstede», ein in die Wand der Stube eingebautes Bett mit Vorhängen. Wir vier schliefen in einer Nische im Stall auf dem Stroh, in der nächsten ruhten der Knecht und die Magd.

Im Dezember hörten wir, dass im Nachbardorf Lutjewinkel am Vorabend von Weihnachten, dem Heiligabend, ein Krippenspiel aufgeführt würde. Wir waren seit Anfang September nicht mehr in der Kirche oder in der Sonntagsschule gewesen. Und obwohl es ein weiter Weg war bei Vollmond und querfeldein, nahm Pa meine Schwester Wil und mich mit. Es war ganz schön anstrengend, aber als wir endlich ankamen, sahen wir die Kirche: Die Tür war weit geöffnet. Orgelmusik tönte heraus. Eine ganze Kinderschar, die sich bereits für das Krippenspiel verkleidet hatte, lief hinein. Drinnen gab es einen grossen Christbaum mit vielen funkelnden Kerzen, Hirten, Engeln, Königen, dem Wirten und allerlei Tieren. Die Orgel spielte «Ehre sei Gott», das schöne Lied, das wir auch zu Hause immer sangen, bis wir «flügge» wurden.

Dieses Weihnachtsfest werde ich niemals vergessen. Es war wie ein lang ersehntes Heimkommen.

Els Sommer Tjebbes