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Gesellschaft

«Selbstbestimmung ist zu simpel»

18.10.2017
Seelsorgerinnen und Seelsorger sind zunehmend mit Menschen konfrontiert, die über Sterbehilfe nachdenken. Die Evangelische Landeskirche Thurgau reagiert und spricht das heikle Thema offen an.

Wie soll die Kirche mit der organisierten Beihilfe zum Suizid umgehen? Um diese Frage dreht sich der Gesamtdekanatstag der Evangelischen Landeskirche Thurgau für Pfarrpersonen und Diakoniemitarbeitende von Mitte November. «Es ist das theologische Fachgremium und damit der ideale Ort, dieses vielschichtige Thema zu behandeln», sagt Kirchenrat Lukas Weinhold. Die Diskussion soll einen Beitrag zur Meinungsbildung leisten und insbesondere den Seelsorgenden eine Orientierung bieten.

Medizin hat grossen Einfluss

Stefan Wohnlich, Vorstandsmitglied des Heimverbands Curaviva Thurgau und Referent am Gesamtdekanatstag, erklärt, dass sich die Situation des Sterbens in jüngster Zeit verändert habe. Verantwortlich dafür seien insbesondere die Fortschritte in der Medizin: «Das Sterben wird zunehmend Gegenstand und Konsequenz von Therapieentscheidungen. Auch wenn wir keinen Suizid begehen wollen, kommt der Tod nicht mehr einfach. Er muss quasi geplant werden.» Das selbstbestimmte Sterben erhalte damit die Qualität eines Menschenrechts. Das bedeute nicht nur einen Gewinn an Freiheit, sondern auch zunehmende Selbstverantwortung und Überforderung.

Als Ärztin für Palliativmedizin am Kantonsspital St. Gallen hat Karen Nestor häufig mit Fragestellungen und Entscheidungen zu tun, die das Lebensende betreffen. Soll sich die Kirche an der organisierten Suizidhilfe beteiligen? Nestor unterscheidet hier zwei Dimensionen: «Erstens ist da der Mensch, der in Not gerät und den assistierten Suizid als einzigen Ausweg sieht. Als reformierte Christin und Ärztin wünsche ich mir, dass sich die Seelsorgenden dieser Not annehmen und gemeinsam mit dem Menschen in Not neue Perspektiven und Auswege finden. Zum anderen ist da die organisierte Beihilfe zum Suizid als ‹Angebot›. Aus meiner Sicht besteht für die Kirche weder Notwendigkeit noch Sinn, sich an diesem ‹Angebot› zu beteiligen. » Neben Stefan Wohnlich und Karen Nestor wird Frank Mathwig am Gesamtdekanatstag referieren. Er ist Professor für Ethik an der Universität Bern und wie Nestor Mitglied der nationalen Ethikkommission. In Richtung Kirche sagt er: «Ich erwarte von ihr keine Holzhammermoral oder Weiterlebenspflichten, sondern besonnene Argumente und eine einladende Praxis, die bewirken, dass immer weniger Menschen sich dazu entschliessen, ihr Leben aus Angst vor der Zukunft zu beenden.»

Fürsorge zählt ebenso

Die öffentliche Diskussion zum Thema Sterbehilfe hält Mathwig für «fehlgeleitet». Die heute gängige Antwort, dass jeder selbst über das eigene Leben entscheiden könne, sei allzu simpel. Karen Nestor pflichtet bei: «In der medizinethischen Diskussion wird die Sozialnatur des Menschen wieder mehr gewichtet. Selbstbestimmung und Fürsorge werden zunehmend als einander ergänzende Prinzipien gesehen.» Konkret heisse das: Die Bedeutung derjenigen, die Menschen mit Wunsch nach assistiertem Suizid begegnen, müsse ebenso neu überdacht werden, wie die oft schweren psychosozialen Folgen für die Hinterbliebenen.

 

 (Cyrill Rüegger, 18.10.2017)

 

Sterbehilfe ist teilweise erlaubt

Unter «Sterbehilfe» kann das Beenden einer lebenserhaltenden Therapie verstanden werden. In der öffentlichen Diskussion ist damit jedoch meist der assistierte Suizid gemeint (passive Sterbehilfe). Die Beihilfe zum Suizid ist in der Schweiz erlaubt, sofern sie nicht aus selbstsüchtigen Motiven erfolgt. Verboten ist hingegen die aktive Sterbehilfe, also die Tötung auf Verlangen. Bei der Beihilfe zum Suizid wird der sterbewilligen Person die tödliche Substanz vermittelt. Sie muss diese aber selber einnehmen. Jeder Mensch in der Schweiz hat zwar das Recht, Art und Zeitpunkt des eigenen Sterbens zu bestimmen. Die tödliche Substanz muss jedoch von einem Arzt verschrieben werden.