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«Wir sind der Lackmustest für die Menschenrechte»

Standhalten oder flüchten? Das ist die existenzielle Frage für die Christen im Nordirak. Erzdiakon Emanuel Youkhana vom Hilfswerk CAPNI appelliert zu bleiben, um das reiche Kulturerbe des orientalischen Christentums zu erhalten. Die Unterstützung der Thurgauer Landeskirche ist dabei eine Ermutigung.

Pater Emanuel Youkhana, wie schätzen Sie die aktuelle Situation im Irak ein?

Wir sind leider immer noch Opfer des internationalen, geostrategischen Spiels. Gerade im Kerngebiet der irakischen Christen, in der Ninive-Ebene spielt sich auch das Kräftemessen unterschiedlichster Mächte und Milizen ab.

 

Wer sind die Akteure?

Zuerst einmal spielt die Rivalität zwischen Amerika und dem Iran eine grosse Rolle. So wollen die USA das autonome Gebiet der Kurden als Puffer nutzen und der Irak versucht über die schiitische Milizen in der Ninive-Ebene einen Korridor zu bilden, der ihnen vom Iran über den Irak den Zugang nach Syrien und dem Libanon verschafft. So werden auch in christlichen Dörfern plötzlich schiitische Familien angesiedelt, die als Volksmobilisierungskräfte gegen den IS kämpften und nun bleiben.

 

Und die Regierung in Bagdad?

Die neu gewählte Regierung ist geschwächt auch durch den Zwist innerhalb der Schiiten, die sich in zwei Lager aufteilen: die einen, welche die nationale Unabhängigkeit des Iraks betonen und die anderen, die sich eng an die iranischen Ajatollahs anlehnen. Insgesamt schafft dies gerade in der Ninive-Ebene und im von den Jesiden besiedelten Sindshar-Gebirge eine grosse Ungewissheit.

 

Aber hat die Zentralregierung endlich mit dem Wiederaufbau der vom IS zerstörten Dörfer und Städten begonnen?

Der Staat ist nun aktiver geworden. Zum Glück. Unsere Aufgabe als christliches Hilfswerk kann es nicht sein, den Staat zu ersetzen, sondern nur gewisse Löcher zu stopfen.

 

Kehren nun auch wieder Christen zurück?

Die vertriebenen Christen, welche in die autonome Region Kurdistans geflohen sind, kommen wieder zurück. Aber es gibt noch viele, die auf gepackten Koffer sitzen.

 

Und was sagen sie den Migrationswilligen?

Ich setze niemand unter Druck. Aber ich werbe dafür, dass sie standhalten und ihre Heimat nicht verlassen.

 

Warum?

Wir sprechen Aramäisch, also die Sprache, die schon Jesus gesprochen hat. Wir sind lange vor Europa von der zweiten Generation der Apostel um 100 n.Chr. zum Christentum bekehrt worden. In den fast zweitausend Jahren haben wir einen kulturellen Reichtum geschaffen, der in der Diaspora niemals am Leben erhalten werden könnte.

 

Aber jetzt hat das Christentum eine Schwundstufe erreicht, dass man sich fragen muss, ob es noch eine gesellschaftliche Relevanz hat.

Unsere Existenz im Irak ist verknüpft mit der Forderung nach Religionsfreiheit, die wir nicht nur uns, sondern auch für die Jesiden und andere Minderheiten reklamieren. Das ist für die Demokratisierung der irakischen Gesellschaft wertvoll. Wir sind sozusagen der Lackmustest, ob die Menschenrechte eingehalten werden.

 

Die Christen sind also das Ferment, der Sauerteig, dass als Minderheit positiv in die Mehrheitsgesellschaft einwirkt?

Das ist ein gutes Bild. Während viele andere Mauern bauen, können die Christen Brücken bauen. Während viele Hass predigen, können wir Frieden und Liebe predigen. Und die christlichen Kirchen schaffen mit ihren Schulen und Spitälern einen grossen gesellschaftlichen Mehrwert.

 

CAPNI baut aber nicht nur Spitäler und Schulen auf, sondern auch Kirchen. Sollte nicht vor allem der infrastrukturelle Wiederaufbau im Vordergrund stehen?

Das ist der grosse Unterschied zum Westen. Für uns bedeutet eine Kirche Heimat, bedeutet Identität. Zudem sind unsere Kirchen nicht nur für Gottesdienste da. Dort finden alle kulturellen Anlässe und Dorfversammlungen statt.

 

Was auffällt: Die christliche Religionslandschaft im Nordirak wird von einer Vielzahl von unterschiedlichen Religionsgemeinschaften geprägt. Was sind die Gründe dafür?

Aus unterschiedlichen Konstellationen haben sich die einen der katholischen Kirche, andere wiederum der orthodoxen Kirche angeschlossen. Auch Clan-Zugehörigkeiten spielen da hinein. Aber die katholischen Chaldäer halten wie die Assyrische Kirche des Ostens, der ich angehöre, an der orthodoxen Liturgie fest. Trotz der vielen unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften sind wir alle darin vereint, dass wir an der gleichen Kultur und am gleichen Schicksal festhalten.

 

Ihre christliche Hilfsorganisation Christian Aid Program for Northern Iraq (CAPNI)  wird auch von der Thurgauer und Zürcher Landeskirche unterstützt. Woran arbeiten sie zurzeit vorrangig?

Die Schweizer Spenden werden dieses Jahr vor allem für unser Mikrokredit-Programm verwendet. Mit Kleinkrediten finanzieren Bauern Bewässerungsanlagen, Lebensmittelhändler Ladeneinrichtungen und Baugeschäfte neue Werkzeuge. So kann mit wenig Geld grosse Wirkung erzielt werden.

 

Unterstützen Sie auch Menschen anderer Religionen?

Unser Grundsatz ist es, mit allen Friedfertigen aller Religionen zusammenzuarbeiten. Sicher setzen wir dabei den Akzent mehr auf die christlichen und jesidischen Minderheiten, die meist keine Unterstützung von islamischen Wohltätigkeitsorganisationen erhalten.

 

Interview: Delf Bucher, Redaktor reformiert.

 

 

Erzdiakon Emanuel Youkhana

Emanuel Youkhana ist Erzdiakon der Assyrischen Kirche des Ostens und Direktor der größten christlichen Hilfsorganisation CAPNI. Verfolgung hat er am eigenen Leibe erfahren, als 1994 eine Granate in sein Haus im Irak einschlug. Nur durch Glück überlebte er und seine Familie. Seither wohnt seine Familie in Deutschland, während er zwischen Dohuk und Wiesbaden hin- und herpendelt.

 


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