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Gesellschaft

Auf Augenhöhe

Seit 38 Jahren ist die Gleichstellung von Mann und Frau in der Bundesverfassung verankert. Einen nicht unwichtigen Beitrag leisten geschlechtergerechte Formulierungen. Vier Kirchgemeindepräsidentinnen erzählen von persönlichen Erfahrungen und sprachlichen Irritationen.

«In unserer Kirche arbeiten Frauen und Männer auf Augenhöhe zusammen. Diese Gleichstellung soll auch in der Sprache erkennbar werden.» Mit diesen Worten beschreibt Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), die Motivation für die Erstellung der Broschüre «Gleichgestellt in Wort und Bild». Es handelt sich dabei um einen Leitfaden zur geschlechtergerechten Sprache für die Kirche, der vor einem Jahr veröffentlicht wurde. Damit sich möglichst viele Menschen von der Kirche angesprochen fühlen, werden in der Broschüre verschiedene Sprachvarianten und angemessene Formulierungen für das Abfassen von Texten vorgeschlagen.

Lästige Pflicht?
Der SEK-Leitfaden wurde in den Kirchgemeinden unterschiedlich zur Kenntnis genommen. «Für mich war es eine gute Auffrischung. Ich achte auf geschlechtergerechte Sprache, will dabei aber nicht pingelig sein», meint Jeannette Tobler, Kirchgemeindepräsidentin von Romanshorn- Salmsach. Es gebe eine gewisse Verunsicherung, sagt die Amriswiler Kirchgemeindepräsidentin Claudia Schindler. «Was ist gerade üblich oder bereits wieder überholt? Wie lautet der Stand der aktuellen Rechtschreibung?» Dafür sei die Broschüre informativ und hilfreich.

Gabriela Arn, Präsidentin in Neukirch an der Thur, setzt aber einen klaren Schwerpunkt: «Noch wichtiger als die gerechte Sprache empfinde ich das entsprechende Denken oder Handeln.» Im SEK-Leitfaden geht es aber nicht nur um geschlechtergerechte Formulierungen, sondern auch um Bildsprache. Häufig werden in Broschüren und Flyern stereotype Darstellungen von Frauen und Männern transportiert. So werden Frauen oft beim Kirchenkaffee und Männer bei einer Sitzungsleitung gezeigt. Diese formelhaften Rollenbilder bilden aber mitnichten die Vielfalt der Menschen ab, die in der Kirche aktiv sind. In sehr vielen Gemeinden engagieren sich zum Beispiel tendenziell mehr Frauen als Männer in der Freiwilligenarbeit. «Das ist vielleicht dem geschuldet, dass das Familiengebilde noch immer meist so ist, dass Frauen Teilzeit arbeiten und sich dann bei der Kirche einbringen», mutmasst Annabelle Reuter, Kirchgemeindepräsidentin in Bürglen. Oft ausgewogen ist das Verhältnis der Geschlechter auch in den Kirchenvorsteherschaften, was positiv wahrgenommen wird. «Ich erlebe es als ausserordentlich wertvoll und gewinnbringend, wenn Frauen und Männer zusammenarbeiten», sagt Claudia Schindler. So sieht es auch Gabriele Arn: «Vielfalt bereichert!»

Frauen in der Minderheit
Doch trotz dieser relativen Ausgewogenheit in den Behörden fällt auf: Nur etwa ein Drittel der 63 evangelischen Thurgauer Kirchgemeinden wird von Frauen präsidiert. «Da merkt man schon, dass man vermehrt männliche Kirchgemeindepräsidenten um sich hat», beschreibt Annabelle Reuter die Veranstaltungen des VKPEL, des Verbands der Kirchgemeindepräsidenten und -präsidentinnen der Evangelischen Landeskirche des Kantons Thurgau. Aber dort sei die Frage Frau/Mann ebenso wenig Thema wie in den Kirchgemeinden.

«Ich hatte nie das Gefühl, dass ich als Frau anders behandelt wurde oder mich zusätzlich beweisen musste », sagt Jeannette Tobler. «Wichtig in der Zusammensetzung der Gremien ist, dass geeignete Personen ihre Stärken und Fähigkeiten einbringen können.» Das Geschlecht sei dabei zweitrangig. Das alles zeigt: Frauen sind in der Kirche überall präsent. Dabei sind Sprache und gesellschaftliche Wirklichkeit nicht voneinander zu trennen, sondern eng miteinander verbunden. Die Vorstellungen und Denkweisen beeinflussen sprachliche Äusserungen, und die sprachlichen Formen, die wahrgenommen und verwendet werden, prägen die Vorstellungen. Oder wie es Claudia Schindler ausdrückt: «Geschlechtergerechte Sprache gehört zum wertschätzenden Umgang.»


Broschüre «Gleichgestellt in Wort und Bild» zum Herunterladen.


(Judith Engeler, 24. April 2019)


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