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Gesellschaft

Wenn plötzlich alles auf dem Spiel steht

«Den Weg zu Ende gehen»: In einem neuen Buch bezieht die Evangelische Landeskirche Thurgau Stellung zum brisanten Thema Lebensende. Schriftleiterin Christine Luginbühl und Mitautorin Karin Kaspers Elekes geben einen Einblick.

Sie haben ein Buch zur Selbstbestimmung am Lebensende realisiert. Was war Ihre Motivation?
Karin Kaspers Elekes (KKE): Der Publikation ging eine Tagung aller Pfarrkapitel der Evangelischen Kirche des Kantons Thurgau zum Thema «Selbstbestimmung am Lebensende» voraus. Dekan Tibor Elekes gab die Anregung zu einer Handreichung. Es brauche für Interessierte etwas zum «in die Hand nehmen» von Seiten der Kirche für die Auseinandersetzung mit dem sogenannten selbstbestimmten Sterben. Es löse Fragen und Ängste aus, darum brauche es die Möglichkeit, verschiedene Erfahrungen kennenlernen zu können. Der Kirchenrat nahm diese Idee auf und richtete eine interprofessionell besetzte Projektgruppe ein. So fing alles an.

An wen richtet sich das Buch?
KKE: Die Publikation bietet unterschiedliche literarische Zugänge zum Thema, so dass der Einstieg eigentlich für jeden Interessierten möglich ist, unabhängig von seiner beruflichen Herkunft und seinem Alter. Wann Fragen nach dem Lebensende aufkommen, das hängt ja nicht selten vom Lebensverlauf ab. Wenn Ohnmacht schmerzlich erfahren wird durch das persönliche direkte oder indirekte Betroffensein von einer zum Tode führenden Erkrankung, dann kann eine solche «Hand-Reichung» sinnvoll werden.

Wie haben Sie die Autorinnen und Autoren ausgewählt?
Christine Luginbühl (CL): Die Absicht der Arbeitsgruppe war, Fachleute aus unterschiedlichen Disziplinen zum Thema zu Wort kommen zu lassen. Was unterstützt in der letzten Lebensphase? Was verstehen wir unter «selbstbestimmtem Sterben»? Welchen Wert könnte es haben, dem Leben nicht selber vorzeitig ein Ende zu setzen? Im Dialog mit den Angefragten entwickelten sich dann zusätzliche Themenschwerpunkte: Würde, Sterbewunsch, Sterbehilfe. Und natürlich war es auch nötig, aus Sicht der Kirchenleitung eine Positionierung vorzunehmen. Menschen möchten wissen, was in der Kirche verantwortlich Tätige zu diesem Thema denken.

Wo liegt der Unterschied zwischen einem Verzicht auf lebenserhaltende oder lebensverlängernde Massnahmen und assistiertem Suizid?
CL: Man könnte ja auf Anhieb denken, es käme auf das Gleiche heraus, nämlich ein gesteuerter vorzeitiger Tod. Der Unterschied liegt in der Absicht: Lebens- und Leidensverkürzung durch «Geschehen lassen» oder durch Selbsttötung. Der Verzicht auf lebensverlängernde Massnahmen, wenn sie eine Leidensverlängerung darstellen würden, steht unter dem Begriff der passiven Sterbehilfe. Einmal darf es auch genug sein. Aber Entscheidungen am Lebensende gestalten sich mit den heutigen Möglichkeiten komplexer als früher. Lebensverlängerung um jeden Preis will kaum mehr jemand – aber wann ist genug? Hier geht es um gemeinsame Entscheidungen von Patient, Angehörigen und Behandlungsteam. In der Nationalfondsstudie «Lebensende» zeigte sich, dass etwa bei 70 Prozent der erwarteten Sterbesituationen ein solch bewusster Entscheid vorausging. Beim assistierten Suizid, der in Einzelfällen vielleicht als Weg gewählt wird, geht es hingegen um einen aussergewöhnlichen Todesfall.

In der Publikation (S. 66) steht, dass das Aussprechen des Sterbewunsches durchaus sinnvoll sein kann auf dem Weg, sein Leben bewusst zu Ende zu leben. Was heisst das?
KKE: Es gehört, so meine Erfahrung, viel dazu, diesen Wunsch auszusprechen. Zeit. Nähe. Und vor allem Vertrauen. Vielleicht ist es auch eine Art Prüfung: Wie reagiert mein Gegenüber? Es steht, wenn jemand einen Sterbewunsch äussert, viel, ja das Ganze auf dem Spiel. Nicht selten ist es die Suche nach Verstehen, Resonanz, gemeinsamem Aushalten. Wenn ein Mensch so von Krankheit betroffen und in seinen Lebensmöglichkeiten reduziert ist, tritt oft die Frage nach dem Sinn seines Daseins auf die «Tagesordnung». Habe ich noch einen Platz im Leben der anderen? Bin ich so angenommen und geliebt? Es ist eine der sensibelsten Lebens- und Begleitsituationen, denke ich.

Wie reagieren Sie als Seelsorgerin in einer solchen Situation?
KKE: Es ist oft auch der Moment der Suche nach dem «Mehr des Lebens», das wir Menschen uns nicht selbst geben können. Dieser Aspekt tritt in den Vordergrund, wenn alles andere nicht mehr weit genug trägt. Seelsorgende können hier, wenn der Betroffene sie dazu «einlädt», Hand bieten auf der Suche nach dem, was dem Einzelnen letztlich tragfähig und sinngebend erscheinen kann. Dazu gehört auch der Versuch, wieder zu beten, auch wenn es ein Mensch vielleicht lange nicht getan hat. Die Unterstützung auf diesem Weg kann sehr wesentlich für das Erleben der letzten Lebensphase sein. Spiritual Care ist im Kanon der Disziplinen mit für die Verbesserung und Sicherstellung von individuell erfahrener Lebensqualität verantwortlich. Der Wunsch nach aktiver Verkürzung des Lebens durch einen assistierten Suizid beinhaltet meines Erachtens immer auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Daseins in der Krankheitssituation, die ein hörendes Gegenüber braucht, damit keine Entscheidungen aus reiner Verzweiflung getroffen werden.

Daran knüpft wohl auch die Frage an: Welche Bedeutung hat der «letzte Weg» für das Leben?
KKE: Die letzte Wegstrecke gehört zum Lebensweg dazu. Was wäre eine Tour de Suisse ohne Zieleinfahrt? Da stellt einer sein Rad in der Regel ja auch nicht vor der Ziellinie an den Strassenrand. Es sei denn, es fährt niemand mit, der ihm auf der letzten Etappe noch einmal das Wasser reicht, ihn ermutigt. Und die Gewissheit, erwartet zu werden hinter der Ziellinie. Zugegeben, das ist ein etwas gewagtes und legeres Bild. Und doch. Paulus nutzt ein ähnliches. Dabei geht es darum, dass diese letzte Wegstrecke in bestmöglicher Lebensqualität gelebt werden kann. Symptomkontrolle gehört unbedingt dazu für das, was körperliches, seelisches, soziales oder spirituelles Leiden verursachen kann. Auch die letzte Lebensstrecke soll noch möglichst selbstbestimmtes Leben sein dürfen, zu dem es aber unbedingt die Beziehung zu anderen braucht. Wie auch sonst im Leben. Nur wird es hier spür- und sichtbarer.

Was war Ihre persönliche Motivation, sich für die Entstehung des Buchs einzusetzen?
CL:Für mich ist es das Erleben von Krankheits- und Sterbesituationen über eine Zeitspanne von fast vierzig Jahren in der Medizin, aber auch in der eigenen Familie, wo man noch einmal ganz anders betroffen ist. Es ist mir ein tiefes Anliegen, dass der verletzliche Mensch in seinen Bedürfnissen und mit seiner Geschichte wahrgenommen und so achtsam wie möglich begleitet wird. Was das Kernthema des Buches betrifft: Es darf nicht sein, dass alte und kranke Menschen sich wertlos fühlen, und dass der assistierte Suizid gleichsam zu einer gesellschaftlichen Erwartung wird. Den Weg zu Ende zu gehen, ist sicher nicht einfach, ist für mich aber mit der Hoffnung verbunden, in Frieden mein Haus zu bestellen, Abschied zu nehmen, und den Kreis zu schliessen.

KKE: In meiner täglichen Arbeit begegne ich nicht selten Menschen, die sich genötigt sehen, sich mit der Möglichkeit eines assistierten Suizids auseinanderzusetzen. Unsere Gesellschaft ist sehr in Bewegung, was die Werte betrifft. Betroffene und ihre Angehörigen aber sind oft verletzlich und schwach. Ich hoffe, dass unsere Publikation deutlich zu machen hilft, dass selbstbestimmtes Sterben sich nicht in der Möglichkeit eines assistierten Suizids erschöpft, sondern eben auch bedeuten kann, den Weg zu Ende gehen zu können und auch darin Lebendigkeit zu erfahren!


(23. August 2019, Interview: Cyrill Rüegger)

→ Hier geht's zum Dossier «Lebensende»

Das Buch


Die Publikation «Den Weg zu Ende gehen» kann über den Verein tecum für 18 Franken bezogen werden (www.vereintecum.ch). Am Freitag, 30. August, findet in der Kartause Ittingen um 19 Uhr die Vernissage statt. Als Diskussionsgrundlage steht ab September eine elektronische Version mit ergänzenden Modulen zum Download bereit unter www.evang-tg.ch/denwegzuendegehen


Von Jürg Hartmann erfasst am 28.11 2019 21:42

Zum Thema "Glaubensvorstellungen"

Fragen an Buddha Fragen an Allah Fragen an Gott Fragen an Manitou Fragen an Mohammed Fragen an das Göttliche im Menschen Wenn ich mir vorstelle, das Göttliche würde mir gegenübersitzen, was wäre dann? So setze ich mich hin und bitte das Göttliche, mir gegenüber Platz zu nehmen. Die Stühle sind bequem, sehr geeignet, ganz hier zu sein. Ganz. Da sitzen wir zwei, schweigsam, nachdenklich aber ganz da. Mich sieht man gut, mich erkennt man gut, das Göttliche aber lässt weder Worte noch Bilder zu, denn in Worte und Bilder gefasst ist das Göttliche nicht mehr göttlich sondern menschlich. Für unsere Kinder sind die Bilder wichtig und notwendig, für erwachsene Menschen bezweifle ich das ernsthaft. Die Antworten aber, die kann ich hören, vielleicht auch wahrnehmen, das reicht, muss reichen. Und so komme ich zu meiner ersten Frage: «Ich weiss, ich könnte Dich jetzt fragen, warum Du all das Schreckliche, Böse und Teuflische auf dieser Welt zulässt, die Kriege, die Gewalt, Vernichtung und Tod. Doch genau diese Frage stelle ich jetzt nicht. Ich versuch’s also andersherum. Ich frage Dich und nur Dich: Wie kommt es denn, dass wir Dich immer wieder fragen, was ich fragen könnte wie oben erwähnt. Wie also kommt das?» Das Göttliche ist irgendwo im Raum, meine ich, seine Stimme aber kann ich klar und deutlich hören, das ist die Hauptsache, und damit höre ich auch seine Antwort. ES sagt: «Deine Frage ist gut, lieber Mensch, ich denke nach. Kannst Du Dir vorstellen, welcher Art meine Gedanken hier sind?» Ich bin überrascht. Da stelle ich ihm eine meiner ganz wichtigen Fragen und nun soll ich mir vorstellen, was ES meint, was ES denkt. Komisch, ungewohnt, ich weiss nicht recht und bin verwirrt. So antworte ich: «Du siehst, Deine Antwort macht mich wirr, die Worte in meinem Kopf fliegen kreuz und quer und suchen nach einer Ordnung. Das will nun heissen, ich denke nach, ich denke laut nach, dann kannst Du meine Gedanken gleich mithören. Also: Deine Antwort wirkt, ich beginne zu suchen, suche jedoch bei mir und in mir. So weit bin ich im Moment.» Das Göttliche antwortet sofort: «Ganz genau, Du hast es erkannt denn Du suchst bei Dir. Du suchst nicht in den Wolken, hinter denen Du mich vermutest, Du suchst nicht beim Papst, meinem angeblichen Stellvertreter auf Erden, Du suchst nicht aussen, sondern innen, das ist der Punkt!» Damit bin ich wieder allein im Raum, allein mit meinen Fragen, ganz auf mich zurückgeworfen, auf mich gestellt. Vielleicht ist das der Punkt, vielleicht ist das die Antwort des Göttlichen an mich: «Geh auf die Suche, immer wieder, und suche in Dir, mit Dir und natürlich auch zusammen mit anderen Menschen. Doch bleib auf der Suche, immer.»

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